Nach Diktat verreist Google niemals deinen Chef

Teure Autos, dicke Uhren - das war einmal. Heute definieren sich Führungskräfte über digitale Kompetenz. Mittelmanager Achtenmeyer will im Netz Karriere machen - als VIP mit eigenem Wikipedia-Eintrag.

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Eine Karriere-Glosse von


Wenn Achtenmeyer bedenkt, wie viel Geld und Zeit er für Statussymbole aus dem Fenster geworfen hat, wird ihm ganz anders zumute. Seine Rolex, sein alter Porsche, seine Maßanzüge - teurer, nichtsnutziger Tand alles zusammen. Ebensogut hätte er das Geld seiner Gattin geben können, die es zwar ebenfalls in teuren Tand investiert hätte (Handtaschen, Schuhe, Wellness-Wochenenden), aber dann wenigstens in den vergangenen zehn Jahren deutlich bessere Laune gehabt hätte, was wiederum seine eigene Laune deutlich angehoben hätte.

Denn das Internet, dieser große Gleichmacher, verändert nicht nur die Art und Weise, wie einer zum gemachten Mann wird. Sondern auch die Art und Weise, wie gemachte Männer das nach außen demonstrieren. Die Rolex macht Platz für die Apple Watch, der Porsche wirkt schrecklich altbacken gegenüber DriveNow, und die Maßanzüge gucken verschämt, wenn ein stylischer Hoodie um die Ecke biegt. Nein, die neuen Statussymbole sind subtiler, und es ist ein grausamer Scherz der Geschichte, dass Achtenmeyer dies ausgerechnet von Dr. Karl erfahren muss.

"Kommen Sie, Achtenmeyer, lassen Sie uns ein Spiel spielen", sagte sein Vorgesetzter in einem der seltenen Momente, in denen zwischen ihnen über einem alkoholhaltigen Erfrischungsgetränk beinahe so etwas wie Kollegialität aufgekommen wäre. "Spiel" war für Dr. Karl "Smartphone-Googeln": Ab welchem Buchstaben vervollständigt die Autocomplete-Funktion ihre Namen?

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Bei Achtenmeyer ließ sich die Suchmaschine demütigend lange Zeit, bis zum "y" in "Achtenmeyer". Weit vor ihm rangierte ein "Achtenmeier" (Urologe aus Bielefeld), eine "Achtermaier" (Yoga-Lehrerin aus Passau) sowie die "Achtmüllers" (Schülerband einer Realschule aus Lippstadt). Achtenmeyer war geschockt. Besonders, weil Dr. Karl nur "Dr. K" eintippen musste, damit Google fündig wurde. Und das bei diesem Allerweltsnamen und Dr. Karls regelmäßig ostentativ betontem Desinteresse an allem Digitalen. "Tja, mein Lieber, etwas SEO könnte Ihnen nicht schaden", schmunzelte Dr. Karl, nahm noch einen Schluck Wein und fragte: "Wie lautet eigentlich Ihr Twitter-Handle?"

Achtenmeyer schluckte trocken. Zwar hatte er sich vor zwei Jahren sogar bei Twitter registriert - seinen Nutzernamen aber sofort wieder vergessen. "Ist ja auch egal", fuhr Dr. Karl fort, "meiner ist @drkarl. Man sagt, es ist cool, nur den eigenen Namen zu haben, ohne irgendwelche Zahlen oder so. Aber Coolness war mir noch nie wichtig."

Wohl wissend, dass die Phrase "war mir noch nie wichtig" in Dr. Karls Universum für die wichtigsten Trophäen des Lebens steht, grübelte Achtenmeyer auf dem Nachhauseweg, wie er das glitzernde (und ihm bis zum unseligen heutigen Abend unbekannte) Digital-Renommee seines Vorgesetzten angemessen kontern könnte. Natürlich fiel ihm nichts ein.

Also fragte er am nächsten Tag Juri, den zweiundzwanzigjährigen Trainee, der den ganzen Tag in seinen WhatsApp-Gruppen abhing, anstatt die Marketing-Spendings der vergangenen zehn Quartale zu vergleichen. Ein Verhalten, das Achtenmeyer mehrfach scharf getadelt hatte, das Juri aber jetzt zum Experten der Stunde machte.

Gutes Marketing ist alles

"Also, Juri, vergessen Sie mal die Quartalsvergleiche", sagte Achtenmeyer, "und sagen Sie mir, wie ich im Netz vom Niemand zum Jemand werde. Twitter, Google, Sie wissen schon." Juri blickte ausdruckslos auf sein Smartphone, dann ausdruckslos zu Achtenmeyer, als versuche er vergeblich, zwischen beiden eine Verbindung herzustellen.

Achtenmeyer, der sich in seiner privaten medizinischen Diagnose bezüglich Juri bestätigt sah ("retardierte intellektuelle Entwicklung"), wollte die Frage schon wiederholen, als Juri sich räusperte. "Also, bei Twitter sehe ich Sie irgendwie nicht, Chef", sagte der Praktikant, und Achtenmeyer hatte einmal mehr die Gelegenheit, die erfrischende Nonchalance der Generation Y im Umgang mit Vorgesetzten zu erleben. "Aber wie wäre es mit Wikipedia? Ist ein bisschen old school, kommt aber gerade wieder und wirkt mega-seriös."

Mit stillem Triumph in der Stimme verwies Achtenmeyer darauf, dass er bereits über einen - noch nicht einmal selbst geschriebenen - Wikipedia-Eintrag verfüge (was ihm gegenüber Dr. Karl unerklärlicherweise entfallen war). Juri schaute erneut ausdruckslos und erklärte dann im Tonfall eines Lehrers, der zu einem Kind mit retardierter intellektueller Entwicklung spricht: "Kein Eintrag für Sie, Chef. Sondern eine Nennung als bedeutende Persönlichkeit im Eintrag Ihres Heimatortes."

Das ist der Clou, dachte Achtenmeyer, da kann sich Dr. Karl mit seinem Autocomplete und Twitter-Handle gehackt legen. "Bedeutende Persönlichkeit", ein Statussymbol der neuen Welt mit mega-seriösem Siegel. Aus Dankbarkeit (und weil er sonst niemandem die Mischung aus Chuzpe, technischem Verständnis und Verschwiegenheit zutraute) lud er Juri zu seiner Geburtstagsfeier kommenden Samstag ein, um Achtenmeyers Einzug in die Riege bedeutender Persönlichkeiten im Beisein der Gäste live zu schalten. Gutes Marketing ist schließlich alles.

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Als am Samstag die ersten Cocktails geleert und die Reihen der Kanapees gelichtet sind, klopft Juri überraschend weltmännisch an seine Bionade-Flasche und beginnt mit der einstudierten Rede. Dass er Achtenmeyer noch nicht lange kenne, aber viel über ihn gelesen habe. Dass er ein toller Chef sei und in der Branche Meilensteine versetzt habe. Und dass er deshalb gewürdigt werden müsse als bedeutende Persönlichkeit seines Heimatortes. Auf dem bereitgestellten Laptop öffnet Juri Wikipedia und schaltet den Eintrag scharf. Begeistertes Klatschen, Schulterklopfen, Champagnerlaune. Sogar Dr. Karl bahnt sich einen Weg durch die Menge und gratuliert. Dann geht er kurz telefonieren.

Zwanzig Minuten später, Achtenmeyer checkt gerade zum 118. Mal den Eintrag seiner Heimatstadt, ist sein Name aus der Liste der bedeutenden Persönlichkeiten verschwunden. Wütend ruft er Juri herbei. Der hat das Rätsel nach zwei Minuten gelöst. "Eine 'Jelena' mit höheren Administrator-Rechten als ich hat Ihren Namen gelöscht, wegen Irrelevanz", sagt Juri. "Tut mir leid, Chef. Kennen Sie zufällig eine Jelena?"

Und ob Achtenmeyer sie kennt. Sie ist ebenfalls Praktikantin in der company. In der Abteilung von Dr. Karl.

Lessons learned

1) Zeitgeist fressen Porsche auf: Die digitale Wirtschaft mache sich nichts aus Statussymbolen, heißt es oft. Falsch: Der neue Netzadel macht sich nichts aus den alten Symbolen. Bedeutung wird jetzt anders gemessen, in Likes und Suchtreffern und Exklusivität. Aber sie ist natürlich immer noch, nun ja, bedeutend.

2) In der Streber-Falle: Nicht umsonst heißt es "Status-SYMBOLE". Das heißt: Sie stehen für etwas, meist für Erfolg. Heißt umgekehrt: Im Erfolgsfall kommen sie nahezu automatisch. Wer nicht ganz so erfolgreich ist, kann versuchen, die Symbole ohne den Erfolg zu bekommen. Das ist allerdings deutlich schwieriger - und auch nicht wirklich souverän.

3) Some things never change: Vernetztes Unternehmen, Arbeitswelt 4.0, Teamplay statt Top-down - das alles ist da und wird weiter wachsen. Doch am Ende wird es in einem Unternehmen immer Menschen geben, die ein klitzekleines bisschen mehr zu sagen haben als andere. Und das zeigen, indem sie wie Dr. Karl einfach kurz zum Telefonhörer greifen.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
platzanweiser 07.10.2015
1.
Nunja... auf "Google" irgendwo gefunden zu werden... ich hab den Bus mit den Leuten, die das interessiert noch nicht gefunden. Im Prinzip löst digitaler Tand den materiellen Tand ab - aber die Sache bleibt überflüssig wie ein Kropf. Das sind Beschäftigungsmaßnahmen, überbezahlter Wichtigtuer, von denen ihr Job nichts mehr verlangt - sonst hätten sie keine Zeit sich mit derartigem kleingeistigen Unsinn zu beschäftigen!
cor 07.10.2015
2. In welcher Welt lebt der Autor?
Präsenz im Internet ersetzt tradionelle Statussymbole nicht, es ergänzt sie vielmehr. Sie können der erste Treffer bei Google sein. Wenn Sie im "stylischen Hoodie" - was schon fast ein Oxymoron ist - ankommen, werden Sie garantiert nicht ernst genommen.
KlausKram 07.10.2015
3.
Bitte lieber Gott, lass das jetzt nicht die Horden von "Management-Coaches" und "Life-Coaches" lesen. Maßgeschneiderte Anzüge sind immer noch das non-plus ultra (und erheblich günstiger als vor 10 Jahren). Da können Sie rum-Hoodien wie Sie wollen, dass finden nur Berliner cool. Und Berliner sind, weil sie immer cool sein wollen, uncool. Wikipedia Einträge sind mindestens genauso langweilig wie der obligatorische Porsche. Die Realität ist: alle die sich krumm machen, weil jetzt was anderes modern ist, sind Flaschen. Die gleichen retardierten Mittelmanagement Sesselpupser, die sich Ende der 90er den ersten Porsche und in den 00ern den passenden Cayenne("schajenne") für die durchblondierte Frau dazu gekauft haben, weil das "cool" ist, sind die die sich über sowas Gedanken machen. Aber doof bleibt halt doof. Da kann man "SEO"en so viel man will.
mowlwrf 07.10.2015
4. also
Ich versuche gerade nicht bei Google auffindbar zu sein. Ist mir bis jetzt auch gut gelungen. Dieses ganze Zeugs ist mir suspekt. Und ich bin noch keine 40...
calius 07.10.2015
5. Nunja...
Was genau soll mir der Artikel jetzt eigentlich sagen?
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