Karrierewettbewerb "Panda" "Eine warme Feedback-Dusche"

Girls only: Beim Karrierespiel "Panda" dürfen nur Frauen teilnehmen. Ihr Weg zum Erfolg führt über eine Domino-Rallye, bei der Kür der Sieger zählt nicht nur die Meinung der Jury.

manager magazin online

Von Helene Endres


Es ist etwa 13.25 Uhr, als Stuart Cameron der Mut verlässt. Der Unternehmer im schmalen, schwarzen Anzug steht 200 Frauen und einer Million Dominosteine gegenüber. Die Frauen haben noch zehn Minuten, um die Steine so aufzubauen, dass eine gigantische Schlange entsteht. Bislang stehen fünf Steine und die Frauen reden. Stuart Cameron verlässt den Raum.

Dabei ist Cameron, 35, nicht nur der Herr über die Dominosteine: Das Geschäftsmodell von ihm und seiner Geschäftspartnerin Isabelle Hoyer, 36, ist, vieles anders zu machen im Bereich der Karrieremessen, -wettbewerbe und -konferenzen, als dies bislang der Fall ist. Und damit zwei große Trends abzubilden: Diversity und Authentizität.

Cameron ist unter anderem Gründer der "Sticks and Stones", Deutschlands einziger Karrieremesse für Lesben, Schwule und Heteros, er organisiert mit "24/7 Unicorn" einen der zentralen LGBT-Kongresse Europas. Vergangenen Samstag richteten die beiden zum dritten Mal "Panda" aus, Deutschlands einzigen Karrierewettbewerb ausschließlich für Frauen.

Werbung für Clinton, dazu diese Dominosteine

200 sind gekommen, alle mit Führungserfahrung - und Lust auf mehr. Einen Tag lang lösen die Frauen in immer wieder neuen Gruppen unterschiedliche Aufgaben, sie analysieren die Qualitäten einer Führungskraft, debattieren auf Englisch Wahlkampfargumente für und gegen Hillary Clinton und sollen eben Dominosteine aufbauen. Das Besondere dabei: Nach jeder Aufgabe bewerten sich die Frauen gegenseitig, vergeben Punkte in Fragebögen. Sie entscheiden selbst, wer gewinnen soll. Dazu kommt ein Votum einer Expertenjury.

"Andere Wettbewerbe orientieren sich an einem vorgegebenen Bild von Karriere und eine Jury bewertet, inwieweit die Kandidaten dem entsprechen. Wir wollen das nicht. Erfolgreiche Führung hat viel mit menschlichen Eigenschaften zu tun. Bei uns entscheiden die Teilnehmerinnen, wer sie am meisten überzeugt hat," so Veranstalterin Hoyer. Konsequenterweise ist die Ausschreibung bewusst vage gehalten: Es gibt kaum formelle Kriterien wie Alter, Studienabschluss oder Position, die eine Bewerbung einschränken könnten.

Klone im Anzug sind nicht erwünscht

Die Frauen, die bei Panda mitmachen, haben Führungserfahrung (mal mehr, mal weniger) und Ambitionen (alle viel). Und sind dabei verspielt genug für einen Wettbewerb, bei dem einem morgens zwei Panda-Maskottchen entgegenwackeln. Es gibt viele Start-up-Gründerinnen, eine Offizierin, Ärztinnen, Anwältinnen, Selbständige, Angestellte - Jüngere, Reifere, Schwangere.

Sie wünschen sich Austausch mit anderen Frauen, wollen ihren Marktwert testen, plus Feedback. "Come as you are" ist der Dresscode, alles ist sehr bunt. Klone im Anzug, das Übliche bei Veranstaltungen dieser Art, gibt es nicht.

Trotzdem muss den Organisatoren der Spagat gelingen, nicht nur eine bunte Truppe Exoten zu identifizieren - sondern auch konzernkompatible Frauen. Denn finanzielles Rückgrat des Wettbewerbs sind Unternehmen, die rund um den Konferenzraum im Berliner Grand Hotel Esplanade ihre Tische aufgestellt haben, um mit den Bewerberinnen ins Gespräch zu kommen. Die größte Traube bildet sich um die Damen von H&M. Bei Continental, dem Reifenhersteller, lockt zwar Nagellack in Unternehmensorange, doch der Andrang ist - vielleicht auch deshalb - eher mau.

Fotostrecke

13  Bilder
"Sticks & Stones": Noch eine Jobmesse oder schon eine Party?
Hoyer und Cameron haben das Treffen "komplett in Eigenregie organisiert". Das heißt: Über 700 Bewerbungen für den Panda-Tag sichten, 320 Videointerviews mit Bewerberinnen führen, den Tag konzeptionieren, Raum suchen, Kosten verhandeln, Unternehmen anwerben, Redner einladen, eine nicht enden wollende Liste.

Herzblut und Selbstausbeutung

Isabelle Hoyer und Cameron können das, sie wissen, was Netzwerke sind und wie man diese vermarktet. Und sie haben ein Gespür für eine Generation, die klassische Karriere hinterfragt, aber trotzdem erfolgreich sein will. Sie wissen, dass graue Männer mit Kaminkarriere und 70-Stunden-Jobs nicht mehr als Vorbilder gesehen werden - erst recht nicht in der Jury eines Karrierewettbewerbs.

Und so verteilen die Teilnehmerinnen ihre Likes untereinander: Nach jeder Aufgabe erst schriftlich, dann stellen sie sich in Zweierreihen auf, wenden sich zueinander und sagen sich die Meinung. "Eine warme Feedback-Dusche", nennt es eine begeistert. Eine andere muss erst mal fertig werden damit, dass sie viel zu dominant und rücksichtslos wirkt.

Mit seiner Sticks-and-Stones-Messe ist Cameron inzwischen profitabel - Panda "trägt sich", so Hoyer. Sie hat zwei Tage die Woche einen festen Job, der die Miete zahlt. Panda macht sie, weil sie selbst als Mutter von zwei Kindern (11 und 14) einen Weg für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie finden musste. Ihre Motivation ist aber auch unternehmerisch: Die Firmen springen darauf an, seit drei Jahren jedes Jahr mehr, eine begehrte Zielgruppe wird ihnen hier per Du serviert.

Die Zielgruppe kniet und liegt inzwischen auf dem Boden, sie baut die Schlange, mit Klebeband ist der Weg der Dominosteine markiert. In den hohen Räumen mischt sich das Klackern der Steine mit hohem Lachen und spitzen Schreien, wenn sich erste Dominolawinen lösen. Schuhe werden ausgezogen, gefährlich pendelnde Ketten auch. Da kommt Cameron zurück: "Das glaube ich nicht", ruft er und "noch eine Minute!" Dann gibt er den Anstoß - und durchs Hotel rattern Tausende Dominosteine. 200 Frauen johlen, klatschen, schreien. Wettbewerb fühlt hier keine mehr.

Abends um acht werden die beiden Siegerinnen verkündet: Bei den Executives gewinnt Uygar Galbis, Teamleiterin bei Xing im Bereich Engineering, bei den Young Leaders Aimie-Sarah Carstensen, Projektleiterin in einem Bertelsmann-Start-up namens Blicksta. Auf der Bühne bekommen sie einen Strauß mit Rosen und Schleierkraut in die Hand gedrückt - eine ungewohnt klassische Geste an diesem Tag.

  • Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark@mailinator.com 21.04.2015
1.
Ich muß das mit der Gleichstellung irgendwie mißverstanden haben. So lernen schon die jungen Leute, das es OK ist, Männer zu diskriminieren. Was denkt man wohl, was das Echo sein wird ? Wer ernsthaft will, daß das Verhältnis zwischen den Geschlechtern gut wird, muß die Gleichberechtigung auch dann zeigen, wenn es zum eigenen Nachteil ist - und er muß vor allem aufhören, den Mädchen einzureden, sie hätten ein Anrecht auf Bevorzugung, weil die Männer ihnen seit Jahrhunderten Steine in den Weg legten. Denn mit dieser Grundeinstellung gibt es keinen Frieden. Aber nur vom Frieden haben Frauen was. Ich dachte, wir hätten diesen Mist überwunden, als der perverse "Girls Day" endlich auch für Jungs geöffnet wurde (wobei natürlich noch eine Umbenennung nötig ist und Jungs auch keine rosa Kittel tragen müssen sollten) ...
Spiegelleserin57 21.04.2015
2. alltagstauglich?
viele Spielchen, aber der Alltag sieht eben oft anders aus. Wünsche und Träume hat eine Frau viele aber da steht der Konzern mit einer Reihe arbeitswütiger Männer den Damen gegenüber und die arbeiten ihre 16 Stunden ohne Weiteres am Tag. Nicht zu vergessen ist auch dass diese Damen in die Sozialabgaben zahlen müssen um später mal ein erträgliches auskommen zu haben. Mit 2 Tagen Arbeit in der Woche wohl kaum möglich. Es wundert mich immer wieder wie man solche Vor-stellungen haben kann, besonders in der Domäne der Männer.
Mehrleser 21.04.2015
3.
Man stelle sich nur mal den Satz "Es dürfen nur Männer teilnehmen" vor! Dann wäre aber was los! Nun gut, bei dieser konkreten Veranstaltung ist es nicht wichtig.
doedelheimer 21.04.2015
4.
Zitat von Spiegelleserin57viele Spielchen, aber der Alltag sieht eben oft anders aus. Wünsche und Träume hat eine Frau viele aber da steht der Konzern mit einer Reihe arbeitswütiger Männer den Damen gegenüber und die arbeiten ihre 16 Stunden ohne Weiteres am Tag. Nicht zu vergessen ist auch dass diese Damen in die Sozialabgaben zahlen müssen um später mal ein erträgliches auskommen zu haben. Mit 2 Tagen Arbeit in der Woche wohl kaum möglich. Es wundert mich immer wieder wie man solche Vor-stellungen haben kann, besonders in der Domäne der Männer.
1) das ist keine Domäne der Männer, sondern eine Domäne von besser ausgebildeten härter arbeitenden Menschen - Geschlecht ist da ziemlich wumpe - dumm nur, daß es so wenige Frauen gibt, die "harte" Fächer studieren (hart sowohl im Sinne von hart zu studieren, als auch im Sinne von "hard science"=kein Blabla) 2) Mit den zwei Arbeitstagen haben Sie natürlich vollkommen recht - niemand, egal welchen Geschlechtes, kann schon mit Vollzeitarbeit erwarten, noch eine auskömmliche Rente zu bekommen. Insofern gar nicht dumm, was die Frau macht - sie verabschiedet sich nicht vollkommen aus den maroden Sozialsystemen; so kann sie später mit einer "Mindest"rente rechnen, und gleichzeitig privat vorsorgen Zu der Veranstaltung - zwei wichtige INformationen - gut, die eine ist implizit enthalten ("...trägt sich selbst - war nicht auf diese Veranstaltung gemünzt, aber verrät das Geschäftsprinzip - da wechselt richtig Patte den Besitzer): 1) was kostet die Teilnahme 2) haben die Teilnemer die Dominoreihe hinbekommen? Die Photos erlauben keinen Überblick...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.