Sonderbare Annonce Suche rauchenden Chef, biete gute Seele fürs Büro

Raucher haben es schwer, selbst bei Stellenanzeigen sind sie im Nachteil, findet Birgit Scharnagl. Die kaufmännische Angestellte hat den Spieß umgedreht - und sucht per Anzeige einen qualmenden Boss.

Anzeige aus dem "Nürnberger Sonntagsblitz": "Bisher keine Reaktion"

Anzeige aus dem "Nürnberger Sonntagsblitz": "Bisher keine Reaktion"

Ein Interview von Anja Tiedge


Zur Person
  • privat
    Birgit Scharnagl 52, lebt in Nürnberg. Sie hat eine Ausbildung als Fleischerei­fachverkäuferin. Seit 30 Jahren arbeitet sie als kaufmännische Angestellte in mittelständischen Unternehmen.
KarriereSPIEGEL: Frau Scharnagl, Sie suchen per Zeitungsannonce einen rauchenden Chef. Druckfehler oder Absicht?

Scharnagl: Volle Absicht. Ich bin bei meiner Stellensuche auf viele Jobangebote gestoßen, in denen ausschließlich Nichtraucher gesucht werden. Das geht mir auf den Keks. Raucher leisten doch genauso gute Arbeit wie Nichtraucher.

KarriereSPIEGEL: Da haben Sie den Spieß einfach umgedreht?

Scharnagl: Genau. Wenn Chefs Raucher benachteiligen, kann ich das als Raucherin umgekehrt auch. Und natürlich sollte die Formulierung neugierig machen. Hat ja geklappt, wie man an Ihnen sieht.

KarriereSPIEGEL: Rein juristisch können Vorgesetzte ihren Mitarbeitern das Rauchen während der bezahlten Arbeitszeit verbieten…

Scharnagl: Natürlich, aber darum geht es mir nicht. Man muss doch Vertrauen zueinander haben. Jeder muss sich zwischendurch mal sammeln, um weiter konzentriert arbeiten zu können. Ich nutze dafür eine kurze Zigarettenpause. Das heißt aber nicht, dass ich weniger oder gar schlechter arbeite. Ich brauche auch keine ganze Stunde Mittagspause, sondern stückele sie in mehrere kurze Raucherpausen, wenn man so will.

KarriereSPIEGEL: Wie viel rauchen Sie denn?

Scharnagl: Gar nicht so viel, ungefähr zehn Zigaretten am Tag. In meinem letzten Job durfte ich sogar am Arbeitsplatz rauchen.

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KarriereSPIEGEL: Der Qualm war für Ihre Kollegen kein Problem?

Scharnagl: Nein, ich hatte einen Luftwäscher am Schreibtisch, der die Luft von Gerüchen befreit, und dazu eine Duftlampe. Dadurch hat der Rauch niemanden gestört, im Gegenteil. "Hier riecht's ja wie im Wellness-Hotel", sagten Kollegen manchmal, wenn sie an meinen Schreibtisch kamen.

KarriereSPIEGEL: Hat schon jemand auf Ihre Anzeige reagiert?

Scharnagl: Bisher nicht. Ich vermute, das liegt weniger am rauchenden Chef als an einer anderen Formulierung.

KarriereSPIEGEL: Nämlich?

Scharnagl: "Nach 16 Jahren wieder am Arbeitsmarkt" klingt, als wäre ich in der Zeit arbeitslos gewesen. Damit meinte ich aber, dass ich so lange bei der gleichen Firma angestellt war und jetzt wieder für den Arbeitsmarkt verfügbar bin. Dass ich das etwas missverständlich formuliert habe, ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.

KarriereSPIEGEL: Also sind Sie nach wie vor auf Jobsuche?

Scharnagl: Ja, in Nürnberg und Umgebung. Ich kann alles, was zur Büroarbeit dazugehört: Sachbearbeitung, Buchhaltung, Abrechnung. Und ich habe gern mit Menschen zu tun, bin so eine Art gute Seele fürs Büro.

KarriereSPIEGEL: Würden Sie auch für einen Nichtraucher arbeiten?

Scharnagl: Ja, da bin ich tolerant.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
bernd.stromberg 07.09.2015
1.
Soll jeder machen wie er möchte. Ich habe auch mal einige Jahre geraucht. Wenn ich sehe welchen Stellenwert diese Sucht für viele Menschen hat, bin ich allerdings immer wieder überrascht. Damit meine ich Menschen, für die die Tabaksucht einen solch hohen Stellenwert hat, dass man Job, Partner und Restaurants danach aussucht. Auf die Idee wäre ich zu meiner Zeit als Raucher nie gekommen. Für mich war es immer selbstverständlich auch flexibel zu sein - also dann zum Rauchen auch mal nach draußen zu gehen o.ä. Zu fordern dass die Umwelt sich seiner Sucht anpasst, anstatt sich selbst anzupassen finde ich eben schon arg krass. Als Rauchen noch überall erlaubt war, war es auch keine Seltenheit zu sehen wie Raucher in der Öffentlichkeit buchstäblich Kleinkindern ganz cool den Rauch ins Gesicht pusteten. Sowas fand ich selbst zu meinen Zeiten als starker Raucher einfach unmöglich und gedankenlos, sowie egoistisch.
chjuma 07.09.2015
2. gefällt mir,
diese Frau. Sie sucht den Weg der geht...Und hält sich nicht damit auf die 1000 Gründe heraus zu finden warum sie nicht arbeiten müsste. Schade dass ich kein Chef bin, die Frau würde ich sofort nehmen.
mhwse 07.09.2015
3. Rauchen..
es dürften nicht die 5 Minuten sein die abschrecken .. man stelle sich vor eine 52 jährige Mitarbeiterin ist eingearbeitet alles läuft bestens .. dann Schlaganfall, Thrombose oder Herzinfarkt (auch eine chronische Bronchitis im Winter reicht zunächst schon ..) .. dann sind die Kosten für die Einarbeitung weg, Krankengeld fällig und das Schlimmste, die Arbeitskraft fehlt .. Rauchen + Job dürfte heute schwierig sein ... (eine Firma ist primär da um Geld zu produzieren .. Nikotin Belastungstests bzw. das Zocken mit Gesundheitsfolgen sind meist nicht damit verbunden ..) Mal 2-3 Tage nicht rauchen (auch 20 Stunden ist ein Ziel ..) - der positive Effekt dürfte Mut machen das Aufhören zu versuchen .. (wer mal medizinische Statistik gehört hat sieht die Sache halt so, wobei ich schon Notfall Ärzte mit (persönlichem - wie mir von deren Kollegen mitgeteilt wurde) Defibrilator unter dem Tisch, fleissíg rauchend vor der Tür sah ... das nennt man dann wohl "Workaround")
Inuk 07.09.2015
4. Stellengesuch
Nette Idee. Hat man mir schon vor 10 Jahren in der Arbeitsagentur gesagt, dass auch Bewerbungen durchaus außergewöhnlich gestaltet werden dürfen. Wichtig ist, dass Aufmerksamkeit erregt wird und die Bewerbung nicht in der Masse untergeht. Warum also nicht auch bei der Stellensuche. Aber auch für Büroarbeiten werden immer mehr 450-Euro-Jobber eingestellt, die sich den Arbeitsplatz teilen. Für den Arbeitgeber sind drei Minijobber billiger, als ein Vollzeitarbeitsplatz. Kaufmännische Arbeitsplätze wurden immer mehr standardisiert und es wird kein großes Fachwissen benötigt, um die Aufgaben eines normalen Sachbearbeiters erfüllen zu können. Dafür sorgen die Office- und SAP-Programme. Trotzdem wünsche ich der Frau, dass in naher Zukunft ihr Stellengesuch erfolgreich sein wird.
sabrina74 07.09.2015
5. @mhwse
Zweifellos – Rauchen ist keine gesundheitsfördernde Maßnahme. Aber Ihr Post ist einfach nur Quatsch. Denn "Rauchen = nicht gesund" bedeutet im Umkehrschluß nicht "Nichtrauchen = niemals krank". In meinem Umfeld habe ich leider schon viele Krebspatienten, die niemals geraucht haben und auch sonst landläufig "gesund" lebten. Sollen jetzt nur noch Leute eingestellt werden, denen Krankheitsrisiko per Gentest untersucht wurden? Bei der Einstellung wundert es nicht, dass die Behindertenquote in so gut wie keiner Firma eingehalten wird .... diese könnten ja auch öfter krank sein als andere!
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