Kellner in den USA Kein Trinkgeld erwünscht

Wieviel verdient ein Kellner? Schwer zu sagen. Nicht zuletzt hängt es vom Trinkgeld ab. Jetzt gehen in den USA einige Restaurants dazu über, den "Tip" abzuschaffen. Das soll sogar gut fürs Personal sein.

Trinkgeld? Nein danke! Einige US-Lokale verzichten neuerdings auf den "Tip"
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Trinkgeld? Nein danke! Einige US-Lokale verzichten neuerdings auf den "Tip"


Ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein, eine Flasche edler Wein - und ein unfreundlicher Kellner: An mürrischen Bedienungen ist schon so manche Abendplanung gescheitert. Aber die Kundschaft kann ihr Missfallen leicht zum Ausdruck bringen, ebenso wie Lob für gepflegte Gastlichkeit.

Während in Deutschland 10 bis 15 Prozent des Rechnungsbetrags als Richtschnur gelten, sind die Trinkgelder in den Restaurants der USA meist üppiger bemessen. Selbst bei mittelmäßigem Service erwarten Kellner einen Betrag von 15 Prozent der Rechnung, bei guter Umsorgung dürfen es auch gerne bis zu 25 Prozent sein.

Einige Lokale gehen mittlerweile aber dazu über, ihrem Personal mehr zu zahlen und ausdrücklich auf Trinkgelder zu verzichten. Das steht dann so in der Speisekarte. Dafür steigen die Menüpreise.

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Der Trend ist vor allem in gehobenen Restaurants zu beobachten, sagt Professor Michael Lynn, der an der Hotelfachschule der Cornell University unterrichtet. Die Kunden seien dort weniger preisempfindlich und würden oft ohne Murren mehr für Speisen und Getränke ausgeben. Für die meisten Gaststätten stehe der Verzicht auf Trinkgeld dagegen nicht zur Debatte. "Die Amerikaner sehen den 'Tip' eigentlich nicht als Teil der Rechnung", erklärt Lynn. "Wenn ein Restaurant höhere Essenspreise verlangt, gerät das zum Nachteil gegenüber der Konkurrenz."

Das Trinkgeld ist in den USA normalerweise ein wichtiger Teil des Lohns der Kellner - und schon deshalb bitter nötig, weil für sie der gesetzliche Mindestlohn von 7,25 Dollar (5,30 Euro) pro Stunde nicht greift. In einigen Gegenden erhalten Bedienungen gerade einmal einen Stundenlohn von 2,13 Dollar. Selbst in der Metropole New York starten Kellnergehälter trotz astronomischer Lebenshaltungskosten bei fünf Dollar pro Stunde.

Der Chef bewertet die Arbeit, nicht der Gast

Für Kellner bringt eine Abkehr vom Trinkgeld den positiven Effekt, dass sie ihr Gehalt besser kalkulieren können - und vor den Launen der Gäste geschützt sind. Waren die Speisen zu heiß oder vielleicht doch etwas zu kalt? Wurde ausreichend Wasser nachgeschenkt? Zog sich das Lächeln nicht breit genug über das Gesicht? Die Maßstäbe, die bei der Kalkulation des Trinkgelds angelegt werden, sind teils schwer zu durchschauen.

"Wir wollen nicht, dass die Bezahlung von willkürlichen Berechnungen der Gäste abhängt", sagt Gabriel Frem, der die Besucher seines Edelrestaurants Brand 158 in Glendale bei Los Angeles vom Trinkgeld-Gebot entbunden hat. "Wir stellen unsere Angestellten ein, nicht der Gast. Daher bezahlen wir sie und bewerten ihre Arbeit." Wenn die Kellner einen guten Job machten, behielten sie ihre Stelle. "Und wenn nicht, dann entlassen wir sie", sagt Frem.

Einige New Yorker können sich mit der Idee durchaus anfreunden. "Zuerst dachte ich, dass ich über ein geringes Trinkgeld einem Kellner nicht mehr mein Missfallen ausdrücken kann, wenn er sich unhöflich verhält", sagt Noel Warren, der mindestens zwei Mal in der Woche in Restaurants speist. "Aber warum sollte ein Kellner unhöflich sein, wenn er von vornherein gut bezahlt wird?"

Ohne Trinkgeld finden sich vielleicht auch viele Europäer besser zurecht. Sie stehen bei US-Kellnern im wenig schmeichelhaften Ruf, die Gepflogenheiten zu ignorieren und beim "Tip" zu knausern. Nicht selten rechnen die Angestellten den Bedienungszuschlag gleich in die Rechnung ein, wenn sie ein auf Deutsch oder Französisch geführtes Tischgespräch hören.

afp/ant/mamk

insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
sitiwati 23.05.2014
1. der Gast
bezahlt das Personal, ob so oder so, kein Trinkgeld dafür eben 20-30% Preiserhöhung, da ist man in Asien weiter, auf der Rechnung werden 11% Steuer und 10% Tip ausgewiesen und in D 15% Trinkgeld-nie im Leben-bei den Preisen, bevor ich mit meiner familie zum Essen gehe, schau ich auf die Preise, mit 5 Personen, 3 Erwachsenn und 2 Kinder, ist man locker 80€ los und dann noch 15 % Trinkgeld , hallo, nie im Leben !
fatherted98 23.05.2014
2. Nie verstanden...
...das System in den USA habe ich eh nie verstanden...10 - 20% Trinkgeld...weil der Kellner sonst nix verdient...vor allem dann diese Leute noch für einen Grottenschlechten Service belohnen? Im übrigen haben die USA ja im Gegensatz zu D einen Mindestlohn...der auch dem Service Personal gezahlt werden muss...also...nur dann ein Trinkgeld wenn der Service gut war...ansonsten würde ich auch mal einen Konflikt mit beleidigtem Service Personal riskieren.
dgs 23.05.2014
3. Völlig überzogen die Vorgabe für D
Ich halte die 10-15% für D für völlig falsch, lieber Redakteur. Bezahlen sie bei einer Rechnung von € 50.- wirklich € 7,50 Trinkgeld? Eigentlich ist es in D üblich aufzurunden. Ich kenne eigentlich niemanden der mehr als 2 oder 3€ gibt. Wenn jetzt der Mindestlohn kommt, steht das Trinkgeld überhaupt zur Disposition. Bewerten tut man heute ein Restaurant und Service im Internet oder sagt es direkt dem Chef/Kellner, die sind sehr dankbar dafür.
simon.meister6 23.05.2014
4. Trinkgeld
In Europa sind die Preise für Essen und Getränke "brutto". "Voller" Lohn schon eingerechnet. Das Trinkgeld ist zusätzlich. Man muss aber nicht. In den US ist in den Preisen nur ein kleiner Lohnbestandteil enthalten. Den grösseren Lohnbestandteil bezahlt der Gast. Das muss man sehr genau auseinanderhalten. 20 % bei einem 200 USD Essen gibt 40 USD. Da bleibt vielen die Spucke weg. Der Oberkellner bezahlt aber damit meistens noch weiteres Personal prozentual. Ihm bleiben dann vielleicht 8 - 9 %. Die Regelung in US Restaurants verirrt. Ich finde aber auch die Rappenspalterdiskussionen vieler Europäer peinlich. Geiz ist geil-Tourismus, Preishammer-Tourismus, Discount-Tourismus bringt den Tourismusländern wenig bis nichts.
CobCom 23.05.2014
5.
Zitat von fatherted98...das System in den USA habe ich eh nie verstanden...10 - 20% Trinkgeld...weil der Kellner sonst nix verdient...vor allem dann diese Leute noch für einen Grottenschlechten Service belohnen? Im übrigen haben die USA ja im Gegensatz zu D einen Mindestlohn...der auch dem Service Personal gezahlt werden muss...also...nur dann ein Trinkgeld wenn der Service gut war...ansonsten würde ich auch mal einen Konflikt mit beleidigtem Service Personal riskieren.
Wer, ob nun intellektuell oder unwillig, nicht in der Lage ist, die Regeln seines jeweiligen Gastlandes zu begreifen und zu respektieren... der sollte vielleicht besser in Balkonien oder in seiner Kleingartenparzelle bleiben. Leider trägt der Artikel auch nicht viel zur Erhellung bei. Auf einen langen Roman habe ich jetzt keine Lust... also mal zum Thema Mindestlohn. Der gilt durchaus auch für Kellner... allerdings wird normalerweise davon ausgegangen (und in der Realität ist das auch meistens so), dass er eben über den Tip, der eben nicht nur als Trinkgeld, sondern in Höhe des Sockels von ca. 15% Einkommensbestandteil (5-10%-punkte mehr sind dann Anerkennung für gut oder sehr gut) ist, darüber liegt. Ist er das nicht, kann er theoretisch in vielen Staaten verlangen, auf den Mindestlohn aufgestockt zu werden. Ist er da aber der Einzige, wird der Restaurantbetreiber seine Schlüsse daraus ziehen. In den Regionen, wo ich leben durfte, klappte das ganz gut... in den Stammlokalen hatte der Stuff neben gutem Service oft noch eine kleine Aufmerksamkeit in der Hinterhand. An das häufig stoffelige deutsche Serviceverständnis musste ich mich hinterher erst einmal wieder gewöhnen. Es hatte auch seine Vorteile, den Kellner selbst zu bezahlen. Allerdings kratzt auch das hier nur an der Oberfläche... Tip muss man lernen.
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