Studie zu Kita-Qualität Kinder werden besser betreut - aber nicht in allen Ländern

Deutschland hat noch immer großen Nachholbedarf bei der Kinderbetreuung. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Autoren warnen: "Ein kindgerechter Standard wird bundesweit nicht erreicht."

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Wie viele Kita-Kinder müssen sich eine Fachkraft teilen? Bundesweit liegt der Schnitt bei 9,3 - aber die Unterschiede zwischen den Ländern sind enorm. Während im Kita-Musterländle Baden-Württemberg eine Erzieherin für rechnerisch 7,3 Kinder zuständig ist, werden in Mecklenburg-Vorpommern fast doppelt so viele von einer Fachkraft betreut: 14,1.

Die Zahlen stammen aus dem "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme", den die Bertelsmann Stiftung am Mittwoch in Berlin vorstellt. Die Studie wird jährlich aktualisiert und basiert auf Daten der Statistischen Ämter und der Kinder- und Jugendhilfestatistik aus dem Jahr 2015. Untersucht werden sowohl Krippen (Kinder unter drei Jahren) als auch Kitas (Drei- bis Sechsjährige).

"Der Kita-Besuch allein verbessert nicht die Bildungschancen der Kinder", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, "es kommt auf die Qualität der Angebote an." Und diese Qualität hänge wesentlich vom Betreuungsschlüssel und der Ausbildung der Fachkräfte ab. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Im Drei-Jahres-Vergleich hat sich die Qualität der Kita-Betreuung insgesamt verbessert : Bei der Krippenbetreuung sank die Quote im bundesweiten Durchschnitt von 4,8 (2012) auf 4,3 Kinder im Jahr 2015, in den Kitas von 9,8 auf 9,3 Kinder.
  • Trotz dieser leicht positiven Entwicklung fehlen bundesweit immer noch 107.000 zusätzliche Fachkräfte in Vollzeit.
  • Im Ost-West-Vergleich zeigt sich ein erhebliches Gefälle . Eine ostdeutsche Erzieherin ist für 6,1 Krippenkinder zuständig, eine westdeutsche Krippenerzieherin nur für 3,6 Kinder. Bei den Kita-Betreuungszahlen ist das Gefälle nicht ganz so stark, aber dennoch deutlich: Im Osten betreut eine Fachkraft 12,3 Kita-Kinder, in Westdeutschland nur 8,6 Kinder.
  • Aktuell geben die Bundesländer jährlich 16,6 Milliarden Euro für Vorschulpersonal aus. Für die noch fehlenden Fachkräfte wären 4,8 Milliarden Euro zusätzlich nötig .
  • Bei der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte gibt es zwischen den Bundesländern große Unterschiede : So hat etwa in Hessen jede zehnte Kita-Mitarbeiterin einen Hochschulabschluss, in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland dagegen noch nicht einmal jede dreißigste.

Bemerkenswert ist, dass es trotz der insgesamt positiven Entwicklung beim Personalschlüssel einzelne Bundesländer gibt, in denen die Betreuungsqualität in den vergangenen Jahren stagnierte oder sogar leicht gesunken ist. So verschlechterte sich die Betreuungsrelation für die Unter-Dreijährigen in Bremen; in den Krippen in NRW, in Thüringen und im Saarland blieb sie gleich. Keine Verbesserungen gab es außerdem in Kitas in Thüringen und in Brandenburg.

Die Forscher machen in ihrer Studie klar: Wenn ein kindgerechter Standard bei der Betreuung der Vorschulkinder erreicht werden soll, müssen massiv neue Stellen für Fachkräfte eingerichtet werden. Als einziges Bundesland erfülle bisher Baden-Württemberg den notwendigen Personalschlüssel.



"Bundeseinheitliche Rahmenbedingungen für Kitas sind für mehr Chancengerechtigkeit notwendig", sagt Jörg Dräger und fordert dafür in allen Länder gleiche Standards. Wobei ihm klar ist, wo das Hauptproblem liegen dürfte: "Die Finanzierung erfordert eine gewaltige Kraftanstrengung, die von Bund, Ländern, Kommunen, Trägern und Eltern nur gemeinsam zu stemmen ist."



insgesamt 59 Beiträge
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colonia2307 29.06.2016
1. Personalschlüssel
Berücksichtigt man die hohen Fehlzeiten bei den Mitarbeitern sieht die Sache noch ganz anders aus. Laut Techniker Kasse liegt die Fehlzeit mit durchschnittlich 18,9 Tagen ca. 4 Tage über dem Durchschnitt aller Berufe.
openminded 29.06.2016
2.
Der Betreuungsschlüssel ist scheinbar die einzige Größe, die sich objektiv ermitteln lässt. Schade eigentlich. Aber die Frage ist doch: wofür braucht man denn unbedingt so viele Betreuer? Kinder in dem Alter brauchen Platz, Gleichaltrige, Spielzeug und jemanden, der aufpasst, dass nichts passiert. Das Geschwätz von ungleichen Bildungschancen im Zusammenhang mit Vorschulkindern kann ich echt nicht mehr hören. Lasst Kinder Kinder sein, Lesen, Schreiben und Rechnen sollen die in der Schule lernen. Und wer der Meinung ist, sein Kind braucht unbedingt einen Startvorteil gegenüber den anderen, der sollte sich klar sein, dass er selbst zu immer früherem und stärkeren Leistungsdruck beiträgt.
nine1011 29.06.2016
3. Was soll das?!
Ja, natürlich ein Hochschulabschluss wünschenswert, aber diese Akademisierung in der Gesellschaft kann doch nicht das erklärte Ziel sein: ...hat noch nicht einmal jede Dreißigste Erzieherin einen Hochschulabschluss... Wozu denn?! Mach der Hochschulabschluss die Kinderbetreuung tatsächlich besser, das müsste mir doch bitte erst einmal in einer von einer Hochschule untersuchten Studie bewiesen werden. Vielleicht ist auch die Motivation und das Talent einer Erzieherung nicht unwichtig... Und wenn von einem Betreuungsschlüssel gesprochen wird, dann sollte im gleichen Atemzug auch davon gesprochen werden, wieviele Kinder überhaupt im "Vorzeigebundesland" Baden Württemberg in den Kindergarten gehen können. Denn in den neuen Bundesländern ist für eine flächendeckende Kinderbetreuung gesorgt, in BW eben nicht und schon gar nicht ganztags, geschweige denn nachts für Eltern, die Schichtdienst arbeiten. Die blanken Zahlen sagen gar nichts über die Qualität der Kinderbetreuung aus. Nicht zu vergessen ist auch das Konzept der Einrichtung und welche Werte die Mitarbeiter vermitteln, wie die Außenanlagen gestaltet sind usw. Also Vielen Dank für die Zusammenfassung, aber sonst auch nichts.
bekkawei 29.06.2016
4. Selbst
ein Personalschlüssel 1:3 ist grenzwertig. Jede Mutter mit drei Kindern unter 3 Jahren stößt an ihre Grenzen und in der Kita sind es dann sogar manchmal 3 Kinder unter 2 Jahren.
Kajaal 29.06.2016
5.
Erziehung funktioniert auch ohne Hochschulabschluss! Was sind denn das für Standards? Als ob die Gruppengröße oder der Ausbildungsgrad entscheidend wären. Lächerlich.
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