Kita-Streik "Einen wertvolleren Job gibt es gar nicht"

Der Streik der Erzieher trifft viele Familien hart. Anke Buuk-Escher will Eltern und Kinder nicht im Stich lassen. Aber die Erzieherin aus Berlin sagt auch: Jetzt muss die Gesellschaft zeigen, wie viel ihr Erziehung wert ist.

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Zur Person
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    Anke Buuk-Escher, 43, arbeitet als Erzieherin in der Kita Baerwaldstraße in Berlin.
"Ich habe mich für diesen Job entschieden, weil ich Kinder liebe. Jedes einzelne Kind ist für mich wie ein kleines Wunder, und es ist ein Glück, sie auf ihrem Weg begleiten zu können. Geld ist mir nicht so wichtig, mir geht es eher um die Frage, was der Gesellschaft unsere Arbeit wert ist. Wieso wollt ihr immer mehr Geld, ihr produziert doch nichts, über solche Sätze ärgere ich mich. Wir hantieren hier nicht mit Steinen oder Akten, sondern mit etwas viel Wertvollerem: mit Menschen.

Wir legen den Grundstein dafür, dass aus Kindern eigenständige Persönlichkeiten werden - und diese produzieren dann später auch etwas. Einen wertvolleren Job gibt es doch gar nicht!

Ich arbeite jetzt seit fast 20 Jahren als Erzieherin und kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Ich liebe meinen Beruf, aber ich kann verstehen, wenn viele damit überfordert sind und die Bezahlung als unfair empfinden. Man muss schon sehr auf sich achten, um in diesem Job nicht unterzugehen, und ich mache mir auch Gedanken, ob ich in der Lage sein werde, bis zur Rente voll arbeiten zu können. Einige Kollegen haben jetzt schon gesundheitliche Probleme, obwohl unser Arbeitgeber viel für den Gesundheitsschutz unternimmt. Bei so vielen Kindern ist es einfach laut, und ich nehme die Kleinen auf den Arm, egal wie schwer sie sind.

Zu streiken kann ich mir persönlich nicht vorstellen, ich will die Eltern und Kinder nicht im Stich lassen. Man muss sich mal in die Kinder hineinversetzen: Manche sind zehn Stunden am Tag in der Kita. Wenn Erwachsene nach einem achtstündigen Arbeitstag jammern, wie empfindet da ein zweijähriges Kind einen Zehn-Stunden-Tag? Das ist auch anstrengend, da darf man die Kinder nicht noch durcheinanderbringen.

Aber ich habe Verständnis für die streikenden Kollegen. Ohne Idealismus braucht man in unserer Branche gar nicht erst anzufangen, das weiß jeder. Hier geht es jedoch um die Frage, welchen Stellenwert Erziehung in unserer Gesellschaft hat und was Eltern die Kinderbetreuung wert ist.

Wir tragen so viel Verantwortung - und bekommen so wenig dafür

In meiner Gruppe sind 15 Kinder zwischen einem und sechs Jahren. Die meisten kommen als Kleinkinder zu mir und bleiben, bis sie in die Schule kommen. Die Kinder aufwachsen zu sehen, macht für mich den Reiz meines Jobs aus. Wir sind wie eine kleine Familie. Der größte Stressmoment ist das Mittagessen: Bis da alle satt und wieder sauber sind, muss man ganz schön rotieren. Das ist auch ein Balanceakt. Ich muss die Bedürfnisse aller Kinder im Blick haben, ob groß oder klein, laut oder leise. Und oft kommen noch Kinder aus anderen Gruppen hinzu. Wenn ein Erzieher krank wird oder in den Urlaub fährt, bekommen wir erst mal keinen Ersatz, das müssen wir im Team auffangen. Und so sind dann statt 15 Kinder auf einmal 20 in der Gruppe.

Zwei Stunden bleiben uns pro Woche, um Projekte vor- und nachzubereiten. Das reicht einfach nicht. Wir erstellen jede Woche einen Plan für die Eltern: Welches Thema interessiert die Kinder, welche Materialien brauchen wir dafür, welche Ausflüge wollen wir machen? Einer allein kann unterwegs nicht auf 15 Kinder aufpassen, also müssen wir uns mit den Kollegen absprechen oder Eltern dazu holen. Ohne deren Unterstützung könnten wir die meisten Ausflüge gar nicht machen.

Und damit ist es ja noch nicht getan: Machen wir aus den Bildern der Kinder eine kleine Ausstellung? Wer kümmert sich um die Fotos? In Berlin hat jedes Kind außerdem ein Sprachlerntagebuch, das ist hier Pflicht. Einmal pro Woche tragen wir da zusammen etwas ein, das kostet auch eine halbe Stunde Zeit. Bei 15 Kindern kann man sich ja ausrechnen, wie lange das dauert.

Es fallen also viele Überstunden an, von denen dann wieder nicht klar ist, wann man sie abbauen kann. Viele Aufgaben erledigt man in der Freizeit, aber das ist auch gefährlich. Wer ständig sein Privatleben vernachlässigt, hat irgendwann nur noch den Beruf.

Schon im Zug nach Hause schlafe ich ein

Ich pendele eine Stunde lang, da passt das ganz gut. Aber viele Kollegen haben große Probleme damit, nach der Arbeit abzuschalten. Es sind ja nicht nur die Kinder, die mit Problemen zu uns kommen, sondern auch die Eltern. Manche werden krank oder arbeitslos, andere sind mit den Kindern überfordert oder verstehen kaum Deutsch. Da müsste es für Erzieher viel mehr Hilfeleistungen geben. Natürlich gibt es Fortbildungen, die machen wir auch. Aber auch da ist wieder die Frage, wie wir das in den Arbeitsalltag integrieren, ohne die Kinder zu vernachlässigen.

Alle zwei Wochen haben wir eine Teambesprechung mit den Kollegen, doch auch die muss oft verschoben werden wegen Personalengpässen. Eigentlich bräuchten wir noch mehr Zeit für den fachlichen Austausch im Team. Zum Glück sind wir in unserer Kita ein eingespieltes Team und unterstützen uns gegenseitig. Ich weiß gar nicht, wie das sonst gehen sollte."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
chuckal 08.05.2015
1. Völlig richtig dieser Streik
Die sollen mal richtig streiken, damit mal alle aufwachen, was in diesem Land schief läuft.
spiegelfrauchen 08.05.2015
2. Fachkräftemangel
Die enorm gestiegenen Anforderungen und das geringe Gehalt hat zu einem nachhaltigen Fachkräftemangel geführt . Der Beruf ist für viele junge Menschen unattraktiv und oft steigen sie schon in den ersten zwei Jahren wieder aus oder um . Der Streik ist überfällig .
specialsymbol 08.05.2015
3. Da ich keine Kinder habe...
.. finde ich den KITA-Streik absolut angebracht. Für die Lokführer habe ich allerdings kein Verständnis. Mir ist sowieso nicht klar wieso wir nicht schon längst Computergesteuerte Züge haben. So spannend ist der Job nicht, man erspart den Lokführern ständige Psychotherapien wegen Selbstmördern und die Pünktlichkeitsrate würde sicher erhöht. Und günstiger könnten die Tickets dann auch werden, meine Monatskarte kostet mehr als die Leasingrate für eine E-Klasse.
Danares 08.05.2015
4. Hagen Rether hat schon Recht
Je älter die Heranwachsenden werden, desto schwieriger und hoffnungsloser ist es, noch so auf sie einzuwirken, daß aus ihnen am Ende noch anständige Menschen werden. Diejenigen, die in der Hinsicht am wenigsten ausrichten können, werden ironischerweise mit Abstand am Besten bezahlt, nämlich die Uni-Professoren. Der Lohn der Pädagogen verhält sich bedauerlicherweise umgekehrt proportional zu ihren Einflussmöglichkeiten auf den Charakter ihrer Edukanden.
chipsfrisch 08.05.2015
5. Also...
Ich habe auch ein Kind im Kindergarten und bin auch echt froh so ein tolles Team im kiga zu haben das gut auf meinen kleinen achtet. wir machn tolle Ausflüge und vieles mehr. ich gönne es den Erziehern natürlich mehr Geld zu verdienen, wenn es keine übertriebenen Forderungen sind sollte das jawohl auch drin sein. wenn ich diesen Artikel allerdings lese dann muss ich sagen das der Eindruck der einem hier vermittelt wird glaube ich etwas krass dargestellt wird. man hat ja quasi den Eindruck das durch den ganzen Lärm gehörschäden standart sind das der Job bei 8 Std Arbeitszeit zu 100% Stress besteht. und die Erzieher nie zur ruhe kommen^^ ich sage nicht das es einfach ist, aber ich denke das auch im kiga oft Zeiten sind in denen die Erzieher einen recht einfachen Job haben. z.b. bei gutem Wetter, wenn alle Kinder sich draußen miteinander beschäftigen, kann man auch mal schön in der sonne sitzen und einfach die Augen offen halten. ich denke das ist vielen in ihrem Job niemals vergönnt. aber natürlich bin ich auch für mehr Lohn. aber da bin ich generell für wenn es um den ottonormalverbraucher geht.
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