Erzieher-Streik Das Büro als Kita-Ersatz

Im Konferenzraum tobt eine Mini-Disco, nebenan fahren Bagger, unterm Schreibtisch wachsen Lego-Türme: Firmen trotzen dem Kita-Streit auf manchmal amüsante Weise. Einige Chefs spendieren sogar freie Tage.

DPA

Wenn Zehntausende Erzieher oder Sozialpädagogen bundesweit ihre Arbeit niederlegen, werden nicht nur Mütter und Väter unfreiwillig zu Improvisationstalenten. Auch Unternehmen und Behörden lassen sich einiges einfallen, damit die Arbeit im Betrieb weiter geht.

Da wird manch ein Chef-Sessel plötzlich zum Kinderkarussell. Fahren in Konferenzräumen plötzlich Plastik-Bagger zwischen Bauklötzchen-Türmen. Schieben Puppenmuttis ihre Schmusehasen durchs Großraumbüro. Und niemanden stört es, wenn nebenan plötzlich ein Kind lacht oder in einem Ministerium plötzlich eine mobile Wickelkommode steht. Stippvisite in den Unternehmen der Nation:

  • Mini-Disco im Konferenzraum

Der Reiseveranstalter TUI hat in der Konzernzentrale in Hannover drei Konferenzräume zu einem Betriebskindergarten umfunktioniert. Bis zu 50 Mädchen und Jungen basteln, malen oder tanzen in einer Kinderdisco. Die Betreuung der Zwei- bis Sechsjährigen übernehmen Profis - alles firmeneigene Animateure.

Beim Hamburger Versandhändler Otto können die Beschäftigten ihre Kinder ebenfalls mit zur Arbeit bringen. Hier ist auch für die Verpflegung gesorgt. Und ein Notfallservice vermittelt Tagesmütter für Kinder unter drei Jahren.

Eine improvisierte Kita hat Drogerieriese Rossmann in Burgwedel eingerichtet. Ein Notfallprogramm - nicht nur für die Streiktage - gibt es zudem beim Chemiekonzern BASF. Das Unternehmen wappne sich damit, falls bei einzelnen Mitarbeitern ungeplant die Betreuung ausfallen würde, hieß es.

  • Spielsachen im Büro

Viele Firmen helfen mit Eltern-Kind-Büros aus. Was zunächst nach Mutter-Kind-Kur klingt, hat mit Erholung wenig zu tun. Eltern-Kind-Büro, das bedeutet: Mama tippt am PC, Tochter sitzt malend daneben. So etwa in der Geschäftsstelle der IHK in Stuttgart.

Bei SAP, dem Software-Konzern im baden-württembergischen Walldorf, können sich Kinder auch im Büro beschäftigen oder im extra eingerichteten Nachbarzimmer herumtollen. An einigen Standorten in Nordrhein-Westfalen hat auch ThyssenKrupp Büros für Kinder hergerichtet; die Hochschule Ludwigshafen stellt ebenfalls zwei Zimmer mit Spielzeug bereit. Beim niedersächsischen Energieanbieter EWE in Oldenburg können Mitarbeiter außerdem ein Büro mit Spielecke buchen.

  • Heimarbeit & Co.

Während andernorts fieberhaft nach einer Lösung gesucht wird, dient der Kita-Streik dem Softwareunternehmen SAP als Probe für das Arbeitsmodell Home Office: Über Computer können sich die Mitarbeiter von zu Hause in das Arbeitsgeschehen einklinken. Man versuche ohnehin, auf flexible Arbeitszeiten umzustellen, teilt eine Firmensprecherin mit.

Auch bei ThyssenKrupp und Eon stellen Mitarbeiter dank Home Office ihre Präsentationen vom heimischen Sofa zusammen oder wählen sich in Telefonkonferenzen ein. Das geht auch beim nordrhein-westfälischen Familienministerium. "Man hat natürlich dann ein Problem, wenn man vor Ort eine Besprechung hat", sagt eine Sprecherin. Doch in solchen Fällen könne man das Kind auch kurzfristig ins Büro mitnehmen.

  • Wickeltisch auf Abruf

Für das niedersächsische Forschungsministerium soll Kinderbetreuung nicht zur Wissenschaft werden. Kinderbett, Wickeltisch und Spielzeug: All die Ausstattung, die zum Kindeswohl beiträgt, finden die Mitarbeiter auch am amtlichen Arbeitsplatz. Ein auf- und abbaubares Betreuungsset macht es möglich. Damit könnten die Beschäftigten auch kurzfristig ihre Kinder zur Arbeit mitbringen, sagt eine Ministeriumssprecherin. Die mobile Lösung sei längst vor dem Kita-Streik eingerichtet worden.

  • Freischichten oder Sonderurlaub

Die Autobauer von Opel im hessischen Rüsselsheim müssen in den Streikwochen nicht mit stressigen Notlösungen jonglieren. Die Mitarbeiter könnten unter anderem "unbürokratisch und flexibel" Urlaub, unbezahlten Sonderurlaub oder Freischichten nehmen. Dies sei bei den Angestellten gut angekommen, sagt ein Firmensprecher.

dpa/sid



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