Profikoch zum Mieten Den Abwasch macht der Maître selbst

Vier-Gänge-Menü auf dem eigenen Sofa oder Kochkurs für alle Hausbewohner: Ein Hamburger Start-up vermittelt Profiköche in Privathaushalte. Lecker ist das - aber rechnet es sich auch?

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Adina, 3, mag ihre Suppe nicht. Das Curry ist zu scharf, und der Koriander schmeckt auch nicht. Müde legt sie den Kopf neben den Teller. Auch ihre Geschwister Freja, 7, und Constantin, 6, sind nicht zufrieden. Wo bleibt das Fleisch? Und was gibt es eigentlich zum Nachtisch?

Koch Jörg schaut verzweifelt in die Runde, die sich um den Küchentisch versammelt hat. Immerhin: Den Eltern scheint es zu schmecken. Während Miriam den Wein genießt, greift sich Sebastian die Teller seiner Kinder. Dann löffelt Papa die Suppe eben allein aus.

Jörg steht an diesem Abend vor einer Mammut-Aufgabe: Er muss ein komplettes Menü für eine fünfköpfige Familie kochen - in einer fremden Küche. Immerhin hat er darin Übung. Es ist sein zehnter Auftrag für Kitchennerds. Seit Herbst 2014 vermittelt das Hamburger Start-up professionelle Köche in Privathaushalte und Büros.

Auf der Webseite des Anbieters können Essensliebhaber, die nach einer Restaurant-Alternative suchen, zwischen 25 Köchen mit unterschiedlichen Schwerpunkten wählen. Dinner für zwei, Kochkurs für zehn, Drei-Gänge-Menü für die Familie: Für die individuellen Wünsche lassen sich die Interessenten ein Angebot vom Koch unterbreiten. Passt der Preis, muss nur noch ein Datum festgelegt werden, den Rest übernimmt der Koch - Abwasch inklusive.

Noch rentiert sich Kitchennerds für Sandra Roggow nicht, aber "so etwas braucht Geduld", sagt die Hamburgerin.
Mirja Hoechst

Noch rentiert sich Kitchennerds für Sandra Roggow nicht, aber "so etwas braucht Geduld", sagt die Hamburgerin.

Miriam und Sebastian haben ihren Kitchennerds-Abend geschenkt bekommen. Telefonisch haben sie vorab noch einmal ein wenig am Menü gedreht: Keine Milch-, Ei- und Weizen-Produkte für Constantin und am liebsten Äpfel für die Kinder.

"Fleisch!", jubelt Constantin

Die Äpfel sind bereits geschnitten, doch die gibt es erst zum Nachtisch. Erst einmal muss sich Jörg um den Hauptgang kümmern. Nach der Suppe mit Steckrüben, Möhren, Ananas, Kichererbsen und Curry gibt es Rinderrouladen italienischer Art, gefüllt mit getrockneten Tomaten und Kräutern, dazu Ofengemüse. "Fleisch!" Constantin strahlt.

Beim Thema Essen ist Miriams und Sebastians Familie komplett in ihrem Element. Gekocht wird fast täglich, Fertiggerichte kommen nicht auf den Tisch. Während Miriam in der französischen und arabischen Küche zu Hause ist, tobt sich Sebastian am liebsten bei rumänischen Gerichten aus. Die Lieblingsgerichte der Kinder sind nicht etwa Pizza und Fischstäbchen, sondern Hähnchen-Curry und Sushi. "Wir zelebrieren Kochen und Essen. In Deutschland fehlt es an Esskultur, dabei ist es doch etwas Schönes, wenn die ganze Familie regelmäßig zusammenkommt und genießt", sagt Miriam.

"Wohnst du alleine?"

Sebastian nutzt die Chance, um sich beim Profi noch ein paar Tipps zu holen. "Wie oft schärfst du deine Messer?", "Was kann ich noch mit den Gemüseschalen machen?", "Wie halten beschichtete Pfannen länger?". Auch Adina hat Fragen, zum Beispiel: "Wohnst du alleine?"

38 Euro pro Person hat Jörg für den Abend veranschlagt, inklusive Einkauf, Vorbereitung und Anfahrt. 15 Prozent davon gehen als Buchungsprovision an Kitchennerds. Leben kann Jörg davon nicht. "Damit es reicht, müssten es pro Monat etwa zehn bis 14 Aufträge sein", sagt der Koch, der noch eine Suppenbar in Dresden betreibt.

Von so vielen Aufträgen pro Koch kann Kitchennerds-Gründerin Sandra Roggow bisher nur träumen. Rund hundert Buchungen zählt sie, seitdem das Portal vor rund einem Jahr an den Start gegangen ist. "Der Bedarf ist noch nicht da, aber ich hoffe, dass er sich entwickelt", sagt sie. Um diese Entwicklung zu beschleunigen, verteilt sie selbst Flyer in der Stadt und in Unternehmen - in grüner Schürze mit Logo.

Bisher vermittelt Kitchennerds nur in Hamburg, bald soll es den Service auch in München geben. Doch das braucht Zeit. "Ich lerne jeden Koch persönlich kennen. Mietköche hatten mal ein schlechtes Image. Ich will sichergehen, dass alles passt. Also kochen sie für uns erst einmal vor, zeigen, wie kreativ sie sind, ob sie auf die Qualität der Zutaten achten und wie sie sich präsentieren können", sagt die Kitchennerds-Betreiberin. Die Qualität ist vor allem mit Blick auf die Konkurrenz wichtig. Auch andere Anbieter, wie La Belle Assiette, vermitteln Küchenchefs in Privatwohnungen.

Jörg hat den Eignungstest bestanden, sowohl bei Kitchennerds als auch bei Adina, Freja und Constantin. Die hätten alle gern noch Nachschlag - oder wahlweise den Apfel-Crumble, den sie schon riechen können. Die gute Nachricht: Egal, wie sie sich entscheiden, alles, was am Ende übrig bleibt, dürfen sie am nächsten Tag noch essen.

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