Mein Leben als Stewardess "Passagiere können kein Recht auf Ruhe einfordern"

Was tun, wenn Kinder im Flugzeug stundenlang schreien? Eine Stewardess berichtet von ihren Erfahrungen mit kleinen und großen Unruhestiftern.

Junges Mädchen im Flugzeug (Symbolbild)
Getty Images

Junges Mädchen im Flugzeug (Symbolbild)

Aufgezeichnet von


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Ich arbeite seit zehn Jahren als Flugbegleiterin bei einer deutschen Fluggesellschaft und war schon auf vielen Flügen im Einsatz, auf denen Kinder geschrien haben. Das ist ganz normal. Für die Kinder ist die Situation eine absolute Ausnahme: der Check-in, die Sicherheitskontrolle, das Einsteigen. Viele von ihnen wissen oft nicht, was auf sie zukommt.

Doch vor allem für die Eltern ist so eine Reise stressig. Am Flughafen müssen sie den Überblick behalten und aufpassen, dass sie ihre Kinder nicht verlieren. Im Flugzeug sind sie mit vielen fremden Menschen auf engstem Raum zusammen. Wenn dann ein Kind anfängt zu weinen, werden die Eltern oft sehr nervös, und das überträgt sich auf die Kinder.

Wenn mir auffällt, dass ein Kind schreit oder weint, schaue ich, was los ist und was die Mutter oder der Vater bereits unternommen haben, um das Kind zu beruhigen. Dann frage ich nach, ob ich helfen kann und ob die Eltern Unterstützung brauchen.

Helfen kann ich etwa, indem ich den Kindern Spielzeug anbiete. Das lenkt viele erst einmal ab. Aber vielleicht haben sie auch Hunger? Dann kann ich ihnen das Essen schon vorher bringen. Das ist sehr praktisch, weil die Kinder damit beschäftigt sind und eine Ablenkung haben.

Video vom Albtraum-Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang

Newsflare

Natürlich kann ich auch die Passagiere verstehen, die sich von schreienden Kindern genervt fühlen. Sie haben viel Geld für ihr Ticket bezahlt und wollen ihren Flug genießen. Allerdings können sie kein Recht auf Ruhe einfordern, sie haben lediglich das Recht von A nach B befördert zu werden. Wenn andere Plätze im Flugzeug frei sind, dann können wir den genervten Passagieren anbieten, sich innerhalb der gleichen Klasse umzusetzen. Ein Upgrade bekommen sie allerdings nicht.

Eltern können allerdings sehr viel selbst dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Wenn andere Passagiere zum Beispiel sehen, dass sie sich bemühen, der Situation Herr zu werden und die Kinder zu beruhigen, dann bringt das schon viel Verständnis ein. Sie sollten emotional für die Kinder da sein, einen Zugang zu ihnen bekommen, um zu verstehen, was sie brauchen.

Fotostrecke

52  Bilder
Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Wenn ein Kind allerdings eine nachgewiesene Verhaltensstörung hat, sollten die Eltern das unbedingt der Crew und auch den Passagieren im Umfeld mitteilen und auf Verständnis und Empathie hoffen. Außerdem sollten sich Eltern entschuldigen, wenn ihre Kinder mal laut werden, indem sie etwa sagen: "Es tut mir sehr leid, wir tun unser Bestes". Auch so können sie das Verständnis der anderen Passagiere gewinnen.

Die Kinder briefen

Eltern können aber auch schon vor dem Flug viel dafür tun, um die Kinder zu beruhigen. Ich habe selbst Kinder und bin mit ihnen bereits Langstrecke geflogen. Mir hat es geholfen, die Kinder vor dem Flug genau darüber zu informieren, was passieren wird. Ich habe sie darum gebeten, dass sie sich während des Eincheckens und der Sicherheitskontrolle ruhig verhalten. Ich habe ihnen aber auch versprochen, dass sie wieder freier herumlaufen können, wenn wir am Gate sind und nur noch aufs Einsteigen warten.

Nur noch Nachtflüge mit Kinder zu machen, finde ich schwierig. Vielleicht sind die Kinder zwar dann so müde, dass sie auf dem Flug einschlafen. Aber vielleicht können sie auch gar nicht schlafen, weil sie kein Bett im Flugzeug haben. Außerdem kommen auch die Eltern nachts eher an ihre Grenzen.

Wenn ich mit meinen Kindern fliege, nehme ich immer ein paar Knabbereien, Spielzeuge und etwas zum Malen mit, damit ich sie ablenken kann. Ich weiß nie, wie der Flug wird, aber ich versuche, mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen. Ich lasse das einfach auf mich zukommen. Eltern werden sowieso immer von anderen bewertet und beurteilt, man kann es nie richtig machen. Da muss man drüber stehen.

Schokolade für die Mitreisenden

Einige Eltern verteilen sogar kleine Beutel mit Ohrenstöpseln oder Schokolade an andere Passagiere. Sie entschuldigen sich damit schon im Vorfeld für ihre Kinder. Eigentlich ist das eine nette Geste, weil die Eltern damit zeigen, dass ihnen die Situation unangenehm ist und sie niemanden stören wollen. Aber letztlich geht es auch immer um die Frage, welchen Stellenwert Kinder in einer Gesellschaft haben.

In Asien werden sie viel mehr ins tägliche Leben integriert und sind für andere viel weniger ein Störfaktor. Anderen Passagieren rate ich deshalb, die Schuld nicht bei den Eltern zu suchen. Das macht die Situation ja auch nicht besser. Sie sollten schauen, ob sie selber etwas tun können, um zu helfen. Es bringt ja auch schon viel, sich in so einer Situation abzulenken, indem man Musik hört oder einen Film guckt. Oder die anderen Passagiere sollten sich in die Lage der Eltern versetzen, die sicher am meisten unter der Situation leiden.

Im Video: Flugbegleiter-Ausbildung - Knochenjob über den Wolken

SPIEGEL TV


insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
athanasia 16.02.2018
1. ...
Wenn ein Kind offensichtlich Angst hat und deshalb weint habe ich durchaus Verständnis und Mitgefühl mit Kind und Eltern. Aber ich finde nicht, dass man Verständnis für schlecht erzogene Kinder aufbringen sollte, denen keine Grenzen gesetzt werden. Man erlebt es immer wieder, nicht nur im Flugzeug, auch z.b. im Restaurant. Rotzlöffel, die sich schlecht benehmen, aus Langeweile laut sind oder weil ihnen grade nicht die komplette Aufmerksamkeit der Bezugspersonen geschenkt wird. Man sollte als Kind lernen, die Grenzen anderer Menschen zu achten und, dass sich nicht immer die ganze Welt nur um einen dreht. Das scheinen viele Eltern zu vergessen, wenn sie Rücksicht und Verständnis für ihre Kinder fordern.
phg2 16.02.2018
2.
Ist zwar selten kommt aber vor(wenn auch eher in Frankreich als in Deutschland) - Eltern, die ihren Kindern erklären warum sie leise(r) sein sollen und diese Kinder verstehen das glatt. Manche vergessen das zwar nach ein paar Minuten, aber dann erklären diese Eltern es ihnen wieder mit bewundernswerter Geduld. Solchen Eltern sagt man dann auch gerne mal - Kein Problem. Aber Eltern denen das völlig egal ist müssen sich nicht wundern wenn man dann mal jemand anderes laut wird.
columbo1 16.02.2018
3.
Zitat von athanasiaWenn ein Kind offensichtlich Angst hat und deshalb weint habe ich durchaus Verständnis und Mitgefühl mit Kind und Eltern. Aber ich finde nicht, dass man Verständnis für schlecht erzogene Kinder aufbringen sollte, denen keine Grenzen gesetzt werden. Man erlebt es immer wieder, nicht nur im Flugzeug, auch z.b. im Restaurant. Rotzlöffel, die sich schlecht benehmen, aus Langeweile laut sind oder weil ihnen grade nicht die komplette Aufmerksamkeit der Bezugspersonen geschenkt wird. Man sollte als Kind lernen, die Grenzen anderer Menschen zu achten und, dass sich nicht immer die ganze Welt nur um einen dreht. Das scheinen viele Eltern zu vergessen, wenn sie Rücksicht und Verständnis für ihre Kinder fordern.
Ehrlich gesagt, ich höre und lese das immer wieder, aber ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wo ich das erlebt hätte. Klar, ich habe es schon erlebt, dass ein Kind, oder auch mehrere, ein paar Minuten lang etwas gestört haben. Aber das war's auch.
ansv 16.02.2018
4. Ich liebe das Asien-Beispiel
Dort werden nicht nur die Kinder in die Gesellschaft integriert, die Kinder lernen sich zu integrieren. Und zwar von ihren Eltern. Man erwartet nicht, dass sich die anderen sich um die selbst proudzierten Prinzen und Prinzessinnen kümmern - man tut es selbst. Auf Reisen sieht man oft genug, dass die Eltern schon nicht in der Lage sind, die nötige Geduld und Rücksichtnahme aufzubringen, dass sie immer erwarten, wegen der Kinder in jeder Schlange vorgelassen zu werden etc. - Woher sollten die Kinder dann wissen, dass man die Bedürfnisse anderer auch respektieren kann und muss?
Cardio84 16.02.2018
5. Kinderhasserland Deutschland
Egal ob in Südeuropa, UK, Asien oder USA überall werden Eltern mit kleinen Kindern besser behandelt als in Deutschland. Ich habe noch nicht heraus gefunden woran das liegt, ich vermute aber vor allem am zwanghaften deutschen Perfektionismus. Kinder sind nun mal keine perfekt funktionierenden Roboter die sich immer perfekt verhalten. Ich selbst kann es nicht nachvollziehen. Auch als ich noch keine Kinder hatte hat mich Kindergeschrei weder im Flugzeug noch im Hotel noch sonst irgendwo gestört. Ein bisschen mehr Gelassenheit würde vielen Mitbürgern schon gut tun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.