Klinikclowns Lachen, wenn man eigentlich heulen will

Mit roten Nasen gegen Angst und Schmerzen: Klinikclowns muntern Patienten in Krankenhäusern und Altenheimen auf. Ihre Arbeit ist längst anerkannt - doch sie gilt in Deutschland nicht als Beruf.

Von

Sebastian Höhn

Seifenblasen, Nicola Streifler liebt Seifenblasen. Mit Inbrunst pustet sie unzählige über die Betten hinweg, sodass sie durch das ganze Zimmer fliegen und beim Platzen kleine Regenschauer hinterlassen. Die 40-Jährige hat ihre Haare zu drei Zöpfen gebunden, sie trägt ein hellblaues Kleid mit weißen Punkten und einer aufgestickten Blumenranke. Auf ihre Nase hat sie einen roten Punkt gemalt. Sie ist als Hella Propella hier, als Clown.

Vor ihr sitzt eine 53-Jährige aufrecht in ihrem Krankenbett. Sie trägt eine Perücke. Die Chemotherapie hat ihr die Haare geraubt, sie hat Krebs. Auf die Palliativstation des Oder-Spree-Krankenhauses Beeskow in Brandenburg werden Menschen gebracht, die unheilbar krank sind, die nicht mehr lang zu leben haben. "Helfen, wenn heilen nicht mehr möglich ist." So steht es auf einem Faltblatt, das Angehörigen die Palliativmedizin erklären soll.

An diesem Vormittag haben die Patienten Besuch von Hella Propella und ihrer Kollegin Nono Cordina, die nicht weniger farbenfroh gekleidet ist und ein Akkordeon umgeschnallt hat. Die beiden gehören zu den Potsdamer Klinikclowns. Sie gehen dorthin, wo Menschen leiden, Schmerzen und Ängste haben oder einfach einsam sind - in Krankenhäuser und Hospize, Senioren- und Pflegeheime, Wohnstätten für Behinderte oder Gefängnisse. Sie machen Musik mit Klarinette, Akkordeon oder Gitarre, nehmen Menschen in den Arm. Es gehe nicht immer nur ums Lachen, sagt Streifler. "Wir wollen berühren."

Ein Beruf, kein Hobby

In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge etwa 30 Klinikclown-Vereine und -Gruppen. "Die Nachfrage ist sehr groß", sagt Elisabeth Makepeace, Vorsitzende des Dachverbands Clowns in Medizin und Pflege. Bis zu 250 Einrichtungen würden allein die 15 im Verband organisierten Vereine regelmäßig besuchen. Die meisten finanzierten sich fast nur über Spenden, "ein Riesenakt", sagt Makepeace. Denn an Spenden fehle es oft. Prominentester Unterstützer der Bewegung ist der Arzt und Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen.

Was in den Neunzigerjahren als rein ehrenamtliches Engagement begann, entwickelt sich immer mehr zum Beruf. Nicola Streifler ist mittlerweile Vollzeitclownin. Für ihren ursprünglichen Beruf als Sprachtherapeutin und Theaterpädagogin hat sie kaum noch Zeit. "Ich investiere fast alles in die Clownsarbeit", sagt sie.

Etwa 150 Euro bekommt ein Clown für einen mehrstündigen Besuch. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden werden Klinikclowns teilweise öffentlich finanziert. Ihre Arbeit, sagen sie, sei kein Hobby. Vor zwei Jahren hat Streifler deshalb zusammen mit rund hundert anderen Clowns in Berlin demonstriert. Die Spaßmacher wünschen sich, dass sich zum Beispiel die Krankenkassen an der Finanzierung beteiligen.

Abwechslung zu den vielen weißen Kitteln

Auf der Station klopfen Hella Propella und Nono Cordina vorsichtig an die nächste Zimmertür. Sie fragen leise, ob sie eintreten dürfen. Die meisten Patienten hier kennen die Clowns, seit einem Jahr kommen sie regelmäßig. Der alte Mann, der auf seiner Bettkannte sitzt, ist aber kaum ansprechbar, so wie einige Patienten hier, die Morphium oder starke Beruhigungsmittel bekommen haben. Hella Propella setzt sich neben ihn, legt eine Hand auf seine Schulter. Die beiden Clowns singen leise. Nach einer Weile laufen dem Mann Tränen über die Wangen.

In einigen Zimmern sind die Klinikclowns nicht willkommen. "Darauf stellen wir uns ein", sagt Streifler. Karin Czaja, die Leiterin der Station, ist erstaunt darüber, wie oft sich selbst schwerstkranke Patienten über die Auftritte der bunten Harlekine freuen oder sich dabei wenigstens etwas entspannen. "Wir waren anfangs skeptisch", räumt sie ein. "Aber wir wurden eines Besseren belehrt."

Nicola Streifler weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Aufheiterungen im tristen Klinikalltag sind. 2001, erzählt sie, habe sie ihre Mutter beim Sterben im Krankenhaus begleitet: "Ich wusste damals nicht, dass es Klinikclowns gibt. Aber sie wären eine sehr willkommene Abwechslung zu den vielen weißen Kitteln gewesen."

Ihr Faible für Seifenblasen, das sie heute als Hella Propella auslebt, ist noch älter. Sie selbst musste immer wieder für Operationen ins Krankenhaus. "Eine Freundin brachte mir damals Seifenblasen mit", sagt Streifler. "Ich habe sie aus dem Fenster gepustet. Es war so einfach, die Atmosphäre zu verändern." Ein Leben ohne die Klinikclownerie könne sie sich nicht mehr vorstellen, sagt Streifler. "In diesem Beruf kann ich viel geben und bekomme gleichzeitig viel zurück. Das ist der schönste Lohn."

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Sebastian Höhn
privat

Sebastian Höhn (Jahrgang 1979) ist freier Journalist und Fotoreporter. Er lebt in Berlin.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 26.03.2016
1. Beruf Clown
Toll, dass es Klinikclowns gibt und wieso sollte der Beruf des Clowns kein Beruf sein (siehe http://www.ulmato.de/clown.asp)? Das Hobby eines Menschen, als Clown aufzutreten, wird aber nicht automatisch zum Beruf, nur weil man ein Klinik davorschiebt.
silberwoelfin 26.03.2016
2. @Betty B.
Das Problem ist dabei ja, dass irgendwie das niemand in dem Maße bezahlen will, der notwendig wäre, damit die Leute von leben können. Sie kriegen eine Aufwandsentschädigung, mehr nicht. Damit können sie das aber nicht vollberuflich machen wie z.B. ein Clown im Zirkus. Zwischen Zirkusclown und Klinikclown gibt es aber große Unterschiede, allein durch die an sie gestellten Anforderungen.
lollopa1 26.03.2016
3. ich habe sehr großen Respekt vor diesen
@BettyB, toll dass es immer jemanden gibt der irgendwie was zu meckern hat. Diese Menschen sollten viel besser anerkannt werden und auch die Krankenkassen sollten sich beteiligen, jeder der sowas macht und einem totkranken Menschen für 5min ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubert verdient den allergrößten Respekt
kasam 26.03.2016
4. Als erstes würde ich dafür pledieren,das
das das Pflegepersonal, mehr Anerkennung bekommt. Besseres Gehalt, denn wenn diese Leute in die Rente gehen, geht ohne Hartz lV Zuschuss---nichts mehr--- Die Clowns sind ein paar Stunden dort, aber Pflegepersonal 24 h round the clock
practicus 26.03.2016
5. Gerade Kinder
haben oft große Angst vor Clowns, viele Erwachsene empfinden sie bestenfalls als störend. Es ist eine krasse Fehleinschätzung, dass Clowns für eine Mehrheit Patienten den Klinikalltag irgenwie auflockern. Eher das Gegenteil ist der Fall: Kinder haben Angst, alte Menschen sind verärgert. Es ist bloße Höflichkeit, wenn Krankenhausclowns von Patienten nicht zum Teufel geschickt werden.
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