Filmabend mit Beratern George Clooney im Realitätscheck

Flughafen, Hotelbar, Konferenzraum - die Drehorte für einen Film über Unternehmensberater sind schnell gefunden. Ein Hauptdarsteller auch: George Clooney. Doch wie viel Hollywood steckt in deutschen Consultants? Vier Berater analysieren "Up in the Air".

AP

Von Maria Zeitler


Ryan Bingham hasst sein Zuhause. 43 Tage hat er im letzten Jahr dort verbracht, er sagt, sie waren grässlich. Dieser Tag ist ein schöner Tag: Bingham ist unterwegs, auf dem Weg zu einem Kunden, er soll dessen Angestellte feuern. Das ist sein Job. "Transition Counsellor", Übergangsberater, nennt er sich. Eine besondere Spezies des Unternehmensberaters. Mit seinem Rollkoffer marschiert Bingham durch die lichtdurchflutete Abflughalle eines Flughafens.

"Der reist ja zu einer merkwürdigen Uhrzeit, wieso ist es da so schön hell?" fragt Britta Ritterhoff, 28. Auch Tina Hindemith, 38, schüttelt den Kopf: "Ich habe mir immer am Montag um sechs Uhr das Taxi bestellt, um sieben ging der Flug." Ritterhoff und Hindemith sind Unternehmensberaterinnen - und an diesem Tag verabredet zum Videoabend. Es treffen sich: vier Consultants aus Hamburg und einer aus Hollywood - George Clooney alias Ryan Bingham, Protagonist im Blockbuster "Up in the Air" (2009).

Hindemith hat ihre Wohnung zur Verfügung gestellt, so braucht sie keinen Babysitter für ihre zwei Kinder im Kindergartenalter. Als sie nach Hamburg zog, war die Nähe zum Flughafen für die Wohnungssuche ausschlaggebend. Bevor die Kinder geboren wurden, jettete sie für eine Unternehmensberatung um die Welt, alle Projekte waren Top Secret, keines je an ihrem Wohnort. Jetzt arbeitet sie als Senior Managing Consultant bei IBM Global Business Services und ist seltener unterwegs.

Ryan Bingham sitzt einem jungen Mann mit Vollbart gegenüber. Er hat ihn gerade gefeuert. Der Mann kämpft erst mit den Tränen, dann wird er wütend. Bingham versucht, ihn zu beschwichtigen: "Wissen Sie, wer je ein Imperium aufgebaut oder die Welt verändert hat, war genau in Ihrer Situation. Und deswegen hat er geschafft, was er geschafft hat. Das ist die Wahrheit." Der Mann ist offenbar von den Worten berührt, er zögert, murmelt leise, will etwas sagen. Doch dazu kommt er nicht: "Ihre Schlüsselkarte bitte", sagt Bingham.

"Das macht in Deutschland kein Berater, das geht juristisch gar nicht", sagt Ingo Scheider, Geschäftsführer von Kontrast Consulting. Entlassen müssten die Chefs schon selber - aber Stellen streichen, das gehöre tatsächlich zum Beraterberuf. "Die Leute hatten Schiss, wenn sie uns gesehen haben", sagt Hindemith. "Wir haben schon die Jobs gekillt."

Vor dem Flughafenschalter in der Abflughalle hat sich eine lange Schlange gebildet. Ryan Bingham geht an allen vorbei. "Priority Access" steht auf dem Schild neben dem Schalter, den er ansteuert. Er zieht seine Karte durchs Lesegerät. Die Dame am Schalter schaut sofort auf, strahlt ihn an: "Wie schön, Sie wiederzusehen, Mister Bingham!"

"Ich hatte einen Goldstatus bei British Airways und Gold bei Lufthansa, da warst du der König am Flughafen, da hatte man viele Vorteile", sagt Hindemith. Wegen ihrer Kinder hat sie ihren Status verloren. Wenn sie nächste Woche mit ihnen fliegt, muss sie sich hinten anstellen: "Da bin ich wieder in der Normalität angekommen."

"Da gewinnst du nur im Bullshit Bingo"

Ryan Bingham nippt in einer dunklen Hotelbar an einem Getränk. Am Tresen sitzt eine hübsche Frau, allein. Sie spielt mit einer Plastikkarte in ihrer Hand. "Sind Sie zufrieden mit Mastro?" fragt Bingham. Es folgt ein Gespräch über Treueprämien von Autovermietungen. Nächste Einstellung: Die beiden sitzen nebeneinander und schleudern abwechselnd ihre Kundenkarten auf den Tisch, wie Spielkarten, jede goldene Karte ein Trumpf.

"Da gewinnst du aber auch nur im Bullshit Bingo, das ist Schmerzensgeld, ein Bestechungssystem", sagt Ingo Scheider. Eigentlich seien die Karten ein Beweis dafür, dass man sein Privatleben völlig verloren habe. Nebosja Djordjevic von der Unternehmensberatung Steria Mummert, verheiratet, drei Kinder, lacht laut. Und lange. Tina Hindemith sagt, solche Szenen in Hotelbars habe es vielleicht mal vor zehn Jahren gegeben. Und Britta Ritterhoff, Senior Beraterin bei Lischke Consulting, meint: "Um dann von so einem Schnösel angesprochen zu werden? Nein danke!" Außerdem: "Du arbeitest von morgens acht bis abends um zehn, da braucht man auch kein Privatleben."

Lederschuhe nach unten, weiße T-Shirts nach links, Krawatten in eine eigene Schachtel - Ryan Bingham packt sein Rollköfferchen so routiniert und schnell wie eine Maschine.

"Eine Grundausstattung ist schon immer im Koffer"

"Oh, Kofferpacken, auch immer wieder schön", sagt Britta Ritterhoff. Es stellt sich heraus: Jeder in der Runde hat sein eigenes Ritual und seine eigene Pack-Philosophie. "Ich habe alles doppelt, eine Grundausstattung ist immer schon im Koffer", sagt Scheider. Seine Kollegin Hindemith ergänzt: "Das Packen wird eben auch prozessoptimiert."

Der Weg durch die Sicherheitskontrolle ist für Ryan Bingham wie ein Tanz. Jede Handbewegung, jeder Schritt ist einstudiert. Die Schuhe zieht er im Rückwärtsgehen aus. Seinen Laptop wirbelt er gekonnt um die eigene Achse, bevor er ihn in die Plastikschale legt. Mit dem Handgriff seines Trolleys hantiert er wie ein Westernheld mit seiner Pistole.

Seitdem im Handgepäck nur noch kleine Mengen Flüssigkeit mitgenommen werden dürfen, gibt Britta Ritterhoff immer ihren Koffer auf. Die anderen reisen meistens mit Handgepäck. Bei Hindemith sah das so aus: Einen Anzug an, einen im Koffer, und die Joggingschuhe passten auch noch rein. "Zum Joggen zog ich dann immer die Bluse vom Tag zuvor unter die Funktionsjacke an", sagt sie. Joggen scheint überhaupt der Beratersport zu sein. "Für mich ist das während der Projekte die einzige Möglichkeit, zu wissen, wo ich überhaupt bin", sagt Ingo Scheider.

"Never fuck a client - das hat nicht immer geklappt"

Britta Ritterhoff ärgert sich, dass Business-Absteigen meist komplett auf Männer ausgelegt sind: "Ich kotze jedes Mal, wenn ich den Föhn anmache, da kommt ein warmer Lufthauch, das ist, als würdest du dich vor die Heizung setzen und das Fenster aufmachen."

Ryan Bingham allein im Hotelbett. Er bekommt eine SMS. Sie ist von der Frau aus der Bar, Alex. Die beiden haben nach ihrem Flirt die Nacht zusammen verbracht, sind am nächsten Morgen weitergereist, jetzt liegen Hunderte Kilometer zwischen ihnen. Alex schreibt, sie könne nicht schlafen. "Ich auch nicht", schreibt Ryan zurück. "Hol' Dir einen runter", schreibt Alex.

Ach ja, Beratermänner ganz alleine im Hotel? Haben die in jedem Unternehmen eine andere? Alle in der Runde kennen die Regel: "Never fuck a client, never fuck a colleague, never fuck a competitor." Aber einer deutet auch an: "Das hat nicht immer bei allen geklappt."

Worüber sich alle einig sind: die Beziehungen zu Hause leiden. "Du kannst keinen Tanzkurs mit deinem Partner machen, unter der Woche kannst du nicht planen", sagt Scheider. Djordjevic nennt ein weiteres Problem: "Man kommt zurück und freut sich, zu Hause zu sein und der Partner fragt: Wollen wir nicht mal ausgehen?" Britta Ritterhoff hat es gut. Wenn sie nach Hause kommt, ist die Wäsche gewaschen und das Haus geputzt: "Oft kaufe ich dann im Duty Free ein, Duschgel, Creme, weil ich keine Lust habe, am Wochenende zu shoppen."

"Keine Zeit für den Research, um meine Hochzeitslocation zu finden"

Ryan Bingham will keine feste Beziehung, keine Kinder, kein Zuhause. Doch dann steht die Hochzeit seiner Schwester an. Und zum ersten Mal will Bingham nicht der Mann sein, der allein dasitzt. "Ich will eine Tanzpartnerin, ich will in Begleitung sein", gesteht er Alex.

Djordjevic sagt: "Es ist der tollste Job, den man haben kann, nur man vergisst schnell, was wirklich wichtig ist. Zum Beispiel, wenn man mit dem Blackberry auf dem Spielplatz sitzt." Hindemith ist schon einmal ausgestiegen - und wieder ein. Warum hört sie nicht endgültig auf? "Es gibt nichts, was ich besser könnte", sagt sie. Doch auch inhaltlich möchte keiner was anderes machen: "Du jagst einen Laden einmal durch den Mixer, das ist lecker", sagt Scheider. Ganz klar grenzen sich alle vier aber von den großen Strategieberatungen Boston Consulting Group und McKinsey ab: "Wir sind keine Mäckies, wir kommen, wenn die weg sind, um aufzuräumen", sagt Scheider.

Optimierungspotenzial gibt es auch in der Firma von Ryan Bingham. Die Flugreisen seien zu teuer, hat seine Kollegin Natalie ausgerechnet. Ihre Ergebnisse präsentiert sie in einer Power-Point-Präsentation. "Glocal" ist das neue Motto, eine Wortschöpfung aus global und lokal. Die Idee: Gefeuert wird in Zukunft per Videochat.

"Das ist schon ganz schön Hollywood", sagt Djordjevic. Nur eines sei in der Realität schlimmer als im Film: die Sprache. Es wird gemonitort, getrackt, consulted, reminded und billable days werden ausgerechnet. "Ich hatte gar nicht die Zeit, den Research für die Location zu machen, in der wir heiraten wollten", sagt Ritterhoff.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Maria Huber (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin in Hamburg.

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Seite 1
EuroStar2011 16.05.2012
1.
---Zitat--- ...Nur eines sei in der Realität schlimmer als im Film: die Sprache. Es wird gemonitort, getrackt, consulted, reminded und billable days werden ausgerechnet. "Ich hatte gar nicht die Zeit, den Research für die Location zu machen, in der wir heiraten wollten", sagt Ritterhoff. ---Zitatende--- Das ganze kann man ganz einfach angehen wenn man mitten im Gespraech die Sprache wechselt und dann nur auf Englisch weitermacht. In den meisten Faellen stellt es sich innerhalb weniger Saetze sehr schnell heraus wie intelektuell der denglische Sprachspezialist wirklich ist. Die meisten Schlagwoerter die in diesen Situationen von den Spezialisten benuetzt werden machen im Englischen ueberhaupt keinen Sinn (bestes Beispiel: das dt Unwort "Handy"). Auf der anderen Seite sind die eigentlichen englischen Begriffe bedingt durch sinnfreises nachplappern so gut wie unbekannt.
mm71 16.05.2012
2. titel
Zitat von EuroStar2011Das ganze kann man ganz einfach angehen wenn man mitten im Gespraech die Sprache wechselt und dann nur auf Englisch weitermacht. In den meisten Faellen stellt es sich innerhalb weniger Saetze sehr schnell heraus wie intelektuell der denglische Sprachspezialist wirklich ist. Die meisten Schlagwoerter die in diesen Situationen von den Spezialisten benuetzt werden machen im Englischen ueberhaupt keinen Sinn (bestes Beispiel: das dt Unwort "Handy"). Auf der anderen Seite sind die eigentlichen englischen Begriffe bedingt durch sinnfreises nachplappern so gut wie unbekannt.
Und was ist an "Handy" nun spezifisch für Unternehmensberater? "Handy" ist ein deutscher Begriff für Mobiltelefon und wird folgerichtig von der gesamten Bevölkerung benutzt, keineswegs nur von "Spezialisten". Ich glaube, Ihr "bestes Beispiel" ist eher ein ziemlich schlechtes Beispiel.
blub2blub 16.05.2012
3.
Die Sprache ist nicht speziell für Berater, sondern generell verbreitet wenn man international arbeitet. Es ist dann einfach einfacher auch in der deutschen Sprache die Fachtermini zu verwenden, mit denen man auch sonst in China, Japan und den US hantiert. Standardisierung eben.
EuroStar2011 16.05.2012
4. pseudo english
Zitat von mm71Und was ist an "Handy" nun spezifisch für Unternehmensberater? "Handy" ist ein deutscher Begriff für Mobiltelefon und wird folgerichtig von der gesamten Bevölkerung benutzt, keineswegs nur von "Spezialisten". Ich glaube, Ihr "bestes Beispiel" ist eher ein ziemlich schlechtes Beispiel.
wie waere es mit 'outgesourced', 'gedownloaed', 'gecanceled', 'gecrashed', 'connect den beamer fuer die wallpresentation', 'fresh geprintete flyermappen', 'interne hotline fuer callcentermitarbeiter only', 'gefighted', 'newjoinerevent'... Das Problem mit dem 'Handy' und 'Beamer' ist, das sich diese Woerter mittlerweile so eingebuergert haben, dass sie von dt Touristen in anderen Laendern ohne grosse Ueberlegung benuetzt werden, da sie der Meinung sind es waeren echte englische Woerter.
powerkraut 17.05.2012
5.
Zitat von EuroStar2011Das ganze kann man ganz einfach angehen wenn man mitten im Gespraech die Sprache wechselt und dann nur auf Englisch weitermacht. In den meisten Faellen stellt es sich innerhalb weniger Saetze sehr schnell heraus wie intelektuell der denglische Sprachspezialist wirklich ist. Die meisten Schlagwoerter die in diesen Situationen von den Spezialisten benuetzt werden machen im Englischen ueberhaupt keinen Sinn (bestes Beispiel: das dt Unwort "Handy"). Auf der anderen Seite sind die eigentlichen englischen Begriffe bedingt durch sinnfreises nachplappern so gut wie unbekannt.
... und im Deutschen "ergeben" sie keinen Sinn. Sinn "machen" ist ebenso unreflektiert aus dem Englischen übernommen. Also, was soll's?
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