Kollegen mit Behinderung "Warum sollen sie nicht arbeiten dürfen?"

Im Hotel, als Hausmeister oder bei einer Imbisskette: In Leipzig absolvieren behinderte Menschen Unternehmens-Praktika. Viel zu lange wurden sie in Werkstätten versteckt. Jetzt lernen Mitarbeiter wie Maryam oder Marcel ganz neue Seiten an sich kennen - oft als Start in einen richtigen Job.

Von Christian Fuchs

Diakonie am Thonberg

Vor Maryam Omidvar ist kein Krümel sicher. Im schnellen Stechschritt marschiert sie durch den Frühstücksraum eines großen Hotels am Leipziger Hauptbahnhof. Bewaffnet mit einem Lappen, eilt sie aufmerksam zwischen den Tischen umher. Sieht sie irgendwo einen Brötchenrest, feudelt sie ihn sofort weg. Fast niemand der über hundert Frühstücker nimmt Notiz von der kleinen schwarzhaarigen Frau. Wie alle Angestellten des A+O Hostels trägt sie ein blaues Poloshirt, auf dem Rücken steht in großen Buchstaben: "Staff".

Man muss schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass Maryam Omidvar, 20, eine besondere Mitarbeiterin ist. Nur ihr rundliches Gesicht mit den mandelförmigen Augen verrät, dass sie das Down-Syndrom hat. Dieser angeborene Gen-Defekt führt dazu, dass ihre geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sind.

"Doch warum sollte sie deshalb nicht arbeiten dürfen?" Das fragte sich Claudia Kittler von der Diakonie am Thonberg in Leipzig. Seit vier Monaten sucht sie für talentierte Menschen mit Behinderungen aus den Werkstätten des christlichen Sozialunternehmens Praktikumsplätze bei externen Firmen. Durch den Kontakt mit nicht-behinderten Mitarbeitern sollen Teilnehmer wie Maryam Omidvar Selbstbewusstsein gewinnen. Und eventuell über das Praktikum später leichter einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann"

"Eigentlich gibt es keinen Grund, benachteiligte Menschen nur in Behindertenwerkstätten arbeiten zu lassen", sagt Kittler und schaut zufrieden in den Hotel-Frühstücksraum. Ihr Schützling Maryam Omidvar ist das beste Beispiel dafür.

Es ist ihr letzter Praktikumstag. Im vergangenen Monat hat sie sich mehr entwickelt als in der ganzen Zeit davor in der Werkstatt, wo sie Zeitschriften in Umschläge gesteckt hatte. Heute fährt Maryam Omidvar selbständig mit der Tram zur Arbeit. Allein belegt sie Edamer- und Schinkenplatten, und wenn sie Lust hat, schenkt sie Gästen auch schon mal Kaffee nach - das macht sonst kein anderer Hotel-Mitarbeiter.

"Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann", sagt Maryam Omidvar. "Im Hotel zu arbeiten, ist etwas Besonderes - das mache ich mit Herz und damit meine Mama stolz auf mich ist."

Hotel-Manager Hans-Martin Schwarz ist voll des Lobes. Zwar sei Kommunikation nicht ihre Stärke, aber sie renne mehr als die Azubis. "Ihre Motivation und Umsichtigkeit bereichert auch die Arbeit der anderen Mitarbeiter."

Sie fällt auf - vor allem durch ihre Hilfsbereitschaft

Und was sagen die Gäste, von einem Menschen mit Trisomie 21 zum Frühstück begrüßt zu werden? "Sie ist uns sofort aufgefallen, aber zuerst durch ihre Hilfsbereitschaft, dann erst durch ihr Aussehen", sagt Silvia Thür aus Krefeld. Und Astrid Worreschk aus Gera versteht schon die Frage nicht: "Dass sie hier arbeitet, ist kein Problem für uns. Sie ist doch ein Mensch wie jeder andere auch."

Nur einmal habe ein Gast komisch geguckt, erinnert sich die Küchenchefin. Da sei sie dazugekommen, habe Maryam Omidvars Hand genommen und sei mit ihr in die Küche gegangen. Das war's.

Claudia Kittler von der Diakonie teilt diese Erfahrungen. Beim ersten Kontakt mit Firmen fragen die Chefs noch bang, ob die Krankheiten ihrer Klienten ansteckend seien, ob der Arbeitsschutz eingehalten werden könne oder wie viel Extrazeit für die Betreuung der besonderen Mitarbeiter denn so gebraucht werde.

Wenn Kittler dann mit dem Behinderten zum Vorstellungsgespräch kommt, sind alle positiv überrascht. "Dann merken die Unternehmen, dass es da eine Gruppe von Menschen gibt, die sie bisher einfach übersehen haben", sagt Kittler. Bisher habe sie noch jeden Praktikumsplatz bekommen - egal ob bei Burger King im Verkauf, in der Theaterwerkstatt der Oper oder bei der Post.



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sir.viver 09.06.2011
1. In den USA voellig normal
In den USA ist es voellig normal, dass man Menschen mit Behinderungen ins Arbeitsleben integriert. Gastronomie: Im Marriot in Gaithersburg/MD z.B. deckt eine junge Frau mit Down Syndrom das Besteck ein, bringt einem zum Tisch und bringt die Standartsachen. Danach kommt erst die feste Bedienung und nimmt dann die Tischbestellung auf. (So mehrere male beim Fruehstueck erlebt) In einem Burger King in New Jersey sah ich einen ebenfalls behinderten Menschen mit Down Syndrom, der den Gastraum reinigte. (Tische putzte und Tabletts wegraeumte). Das gleiche beobachtete ich in einem McDonalds in Fairfax, VA. Auch dort gab es eine mit Down Syndrom behinderte Mitarbeiterin im Gastraumbereich, die Ordnung schaffte. Stressposten in den Fastfoodketten wie Kassierer und Food-Zubereiter sind mit nichtbehinderten Menschen besetzt. Klar, das sind keine Superjobs, evtl. kann das auch ein nichtbehindeter Mensch schneller machen, aber darum geht es ja nicht. Viele Reastaurantbetreiber wollen ja auch ein Statement setzen und mit guten Beispiel voran gehen. Wichtig ist ja auch, dass beh. Menschen, hier geistig und koerperlich behinderte Menschen sinnvoll in die Gesellschaft integriert werden und auch das Gefuehl bekommen dass sie dazu gehoeren und wichtig sind. Ich empfand alle dieser drei Menschen als sehr freundlich und hilfsbereit. Ein freundliches "Thank you" mit einem Laecheln wurde auch freundlich erwidert. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass in einem HomeDepot mal ein Mitarbeiter mit Down Syndrom war. In einem Home Depot in Rockville/MD wird man immer durch einen sehr stark behinderten Mitarbeiter im Rollstuhl begruesst, der einen Informationen zu den Isles gibt, wo sich was befindet. Dieses Integrations-Modell sollte auch in D Schule machen, nicht nur hier in den USA.
der_Pixelschubser 09.06.2011
2. Unterstützenswert
In diesem Zusammenhang möchte ich das Hotel Garni St. Fridolin in Bad Säckingen empfehlen, dessen Gast ich am vergangenen Wochenende sein durfte. Es handelt sich um ein integratives Hotel, in dem mehrere MitarbeiterInnen mit Behinderung vorzügliche Arbeit leisten. Die Welt braucht noch erheblich mehr solcher lobenswerter Projekte!
feuercaro1 09.06.2011
3. Behindert
Es ist zu beobachten, dass körperlich behinderte Menschen viel leichter einen Zugang in die Arbeitswelt finden (oder nach Unfall/Krankheit behalten), als geistig behinderte. Dabei mag die Vorstellung eine Rolle spielen, dass ein nicht behinderter Kollege einen körperlich gehandicapten Mitstreiter leichter als Konkurrenten akzeptieren kann, als einen geistig behinderten. Schön, dass die Zeit zeigt, dass es gottlob viele kluge nicht behinderte Menschen gibt, die mit offenem Blick ihre geistig anders gelagerten Mitmenschen akzeptieren. Besonders erfreulich, dass es in der Mehrheit Menschen sind, die gern abfällig als "einfach" bezeichnet werden. Für mich hat die Frau aus dem Hotel, die ihre Kollegin mit Down-Syndrom aus dem Frühstücksraum "gerettet" hatte, wesentlich mehr Format, Stil, Herzenstakt und Größe als der unverschämte Gast, der dort speiste. Allen Einsteigern: Viel Glück!
maximo31 09.06.2011
4. gibt es auch bei uns...
Gibts hier in Aue (in der nähe von Chemnitz) auch. Ein Café wo die Bedienungen ausschließlich Menschen mit einer Behinderung sind. Finde ich(selber körperlich behindert) gut.
Alzheimer, 09.06.2011
5. Wenn man sich der Tatsache bewußt ist,
dass es auch einen selbst treffen kann, z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Gehörsturz, etc., wird man vielleicht etwas sensibler mit dem Thema "Behinderung" umgehen.
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