Deutsch-englischer Sprachschwurbel Ihre Stimme ist so schwanger!

Denglisch ist hässlich bis unverständlich. Aber es schützt vor mitlauschenden Geheimdienstlern. Kolumnist Peter Littger ist sicher: Die Langohren von NSA & Co. können gar nicht anders als abzuschalten, sobald sie Unfug hören wie "What a differentiated thought".

Vorsicht, Mithörer: Konsequentes Denglisch stiftet effektiv Verwirrung
dpa

Vorsicht, Mithörer: Konsequentes Denglisch stiftet effektiv Verwirrung


Neulich telefonierte ich mit meinem Kollegen Patrick in London und bat ihn um einen Gefallen. Er signalisierte, ihn zu erfüllen. Ich antwortete:

"Thank you for the good signal."
Patrick zögerte: "Peter, what signal?"

Das Gespräch stockte. Wer gelegentlich Englisch spricht, kennt ja das Problem: Ein Wort, eine Formulierung, ja, oft auch ein Gedanke funktionieren irgendwie nicht. Kein Wunder: Ich hatte Patrick für die gute Telefonverbindung gedankt statt für "constructive feedback" - oder statt einfach zu sagen: "Thank you!" Dann kam von ihm der Satz, den wir im denglischen Sprachraum alle kennen:

"I know what you mean."

Er bedeutet: "Originell gesagt, leider nicht ganz richtig." Wie oft habe ich das schon gehört! Schlimmer ist nur: "Wir können übrigens auch Deutsch sprechen."

Niemals hätte ich gedacht, dass solche dämlichen Missverständnisse zu irgendetwas gut sein können. Bis vor einigen Wochen herauskam, dass wir alle abgehört werden - und der seltsame Denglizismus #Handygate sogar zur "Bild"-Überschrift wurde. Seitdem telefoniere ich zum Schutz meiner Privatsphäre bewusst denglisch und stelle mir vor, wie britische und amerikanische Spione sich ratlos am Kopf kratzen.

Ich nutze zwei Methoden:

  • Albernes Denglisch: "Hey Uwe, I wish you what!"
    What?
  • Intellektuelles Denglisch: "John, what a differentiated thought!"
    Differ-what?

Gerade die Fremdwörter im deutschen Wortschatz, also die aus dem Lateinischen, Griechischen oder Französischen entlehnten Diskursvokabeln, stiften effektiv Verwirrung. So "engagieren" wir uns recht häufig und überall. Doch wer "I am engaged in the church" sagt, gibt dem anderen Ende höchstens zu verstehen, dass er sich in der Kirche verlobt. Korrekt wäre "committed". "Differenziert" bedeutet dagegen "thoughtful", "discerning" oder "considered".

"We have concrete plans" - wir haben Betonpläne

Radiojournalistin Juliane aus Potsdam erzählte mir einmal, wie sie erfolgreich einen amerikanischen Kollegen in die Irre führte: "Your voice is so pregnant." - Ihre Stimme ist so schwanger! Der Mann ahnte nicht, dass sie "prägnant" oder, klarer noch, "markant" meinte ("distinctive").

Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie man noch so leichtsinnig sein kann, die Privatsphäre der Verständlichkeit unterzuordnen. Damit die Täuschung besser gelingt, empfehle ich einen aktuellen Text des Übersetzers Peter Schmidt. Seit ich seine nützlichen und zugleich amüsanten Anmerkungen zu häufigen Übersetzungsfehlern gelesen habe, spreche ich mit britischen Kollegen nur noch über unsere "bench" statt "bank" (alternativ: "house bench") und über bevorstehende "concrete plans" - unsere "Betonpläne".

Der Übersetzer unterstreicht, dass jede falsche Fährte mit einer total falschen Berufsbezeichnung beginnt. Deutsche, die etwa am Telefon über geheime Nuklearprojekte in Iran plaudern, sollten ihre Physiker ("physicists") in "physicians" und damit in Ärzte verwandeln. Deutsche Industriemanager, die ihren "Prokuristen" zum "procurer" mutieren lassen, sprechen nur noch über Zuhälter - und was ist schon dabei? Dass sie in Wahrheit ihren "attorney" oder vielleicht "authorised officer" meinen, können sie ja per Brieftaube mitteilen.

Ein typisch deutscher Fehler, so Herr Schmidt, ist es auch, den Boss eines Unternehmens nicht korrekt "boss" zu nennen, sondern "chef" - das bedeutet Chefkoch. Vielen Deutschen kommt es ohnehin entgegen, "Boss" zu vermeiden: Das klingt so aggressiv. Zudem ist der Begriff "Boss" für uns zu einem Reputationsrisiko geworden, seit der britische Komiker Russell Brand daran erinnerte, welcher Herrenausstatter es war, der im Zweiten Weltkrieg Uniformen für SA, SS und Hitler-Jugend herstellte.

"I'm doing Jim" - ein Sexbekenntnis

Womit sonst kann man unliebsame Mithörer ablenken? Für größte Verwirrung und Nervosität unter puritanischen Spionen sorgen stets Zoten. Deutsche können zum Beispiel über ihr Praktikum sagen: "I did an intern." Und über ihr Fitnessstudio: "I am doing Jim." In beiden Fällen kommt ein Sexbekenntnis an. Shocking!

Christopher Hitchens, der verstorbene Kolumnist von "Vanity Fair", berichtete einmal vom Täuschungspotential deutscher Geisteswissenschaften. Ein New Yorker Polizist hatte den US-amerikanischen Philosophen Sydney Morgenbesser aufgefordert, nicht in der Öffentlichkeit zu rauchen: "Wenn ich Ihnen das erlaube, muss ich es allen erlauben" ("If I let you do it, I'd have to let everyone do it").

Morgenbesser - kein Deutscher, aber ein Experte für deutschen Idealismus, der den Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant im Schlaf referieren konnte - konterte:

"Who do you think you are? Kant?"

Das verlagerte die Unterhaltung blitzartig aufs Polizeirevier, weil der Polizist nur das vulgäre Wort "Cunt" verstand und als üble Beleidigung auffasste. Der Philosoph hatte mit einem deutschen Namen für Verwirrung gesorgt und den Polizisten hinter die Grenzen des gehobenen deutsch-englischen Diskurses geführt: direkt in die "Kant-Falle".

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. 1990 gründete er im englischen Internat Dover College die "European Party" und erlebte erstmals, wie es sich anfühlt, den völlig falschen Ton zu treffen. Heute kennt er viele kleine Kulturschocks:
  • als Mitarbeiter einer Londoner Unternehmensberatung...
  • und als Vorsitzender der ältesten Deutsch-Britischen Stiftung.

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Seite 1
elpepino 20.11.2013
1. Kant
Großartig! :D Das erinnert mich an das Video zu "Football's coming home" in dem alle deutschen Spieler auf ihrem Trikot den Namen "Kuntz" tragen: http://www.myvideo.de/watch/7583048/Lightning_Seeds_Three_Lions_98
kfp 20.11.2013
2.
Zitat von sysopdpaDenglisch ist hässlich bis unverständlich. Aber es schützt vor mitlauschenden Geheimdienstlern. Kolumnist Peter Littger ist sicher: Die Langohren von NSA & Co. können gar nicht anders als abzuschalten, sobald sie Unfug hören wie "What a differentiated thought". http://www.spiegel.de/karriere/ausland/kolumne-fluent-english-effektives-denglisch-schuetzt-vor-lauschangriff-a-933456.html
Was sind denn das hier für Halbwahrheiten? Jemand, der selbst nur leidlich Englisch versteht, schaut aus einem Bewerbungsratgeber von jemand anderem, der wohl auch nicht ganz "native speaker" oder wenigstens verhandlungssicher ist, halbgare Denglizismen-Auffklärungen ab und gibt sie hier lose wider? Beispiele: "engaged" heißt auf Englisch i.d.R. auch selten einfach nur "verlobt", sondern man ist durchaus nicht selten "engaged in an activity". (Was allerdings immer noch eine leicht andere Bedeutung hat als das deutsche "engagiert" - es heißt eher, dass man gerade mit etwas ziemlich exklusiv beschäftigt ist.) - Und nur weil "concrete" auch "Beton" heißt, kann man auch auf Englisch "concrete plans" haben bzw. auf "concrete evidence" u.ä. bestehen, und es bedeutet ziemlich genau dasselbe wie im Deutschen auch. (Vielleicht haben Englischsprachige dabei nur eine anschaulichere Vorstellung von dem, was "konkret" konkret bedeutet, indem sie damit automatisch "wie in Beton gegossen" assoziieren?)
DieterFr 20.11.2013
3. Kant
Es ist kein Zufall, wenn bei Philosophiekonferenzen im anglo-amerikanischen Raum jemand Kant erwähnt und dann vorsichtshalber den Namen wie Kaaant ausspricht.
Fletsch 20.11.2013
4. Etwas mehr Humor, bitte
Die vielen faux-pas, die bei der Verenglischung deutscher Worte passieren koennen ja nun wirklich witzig sein. Leider ist der Artikel es nicht (schon mal gehoert, dass man Witze, die man erklaeren muss, nicht erzaehlen sollte?). Auch kann man im Englischen sehr wohl ueber "concrete plans" sprechen. Auch sollte man die Kolumne etwas ausbauen, denn es passieren auch viele Ungereimtheiten, wenn man italienische Worte verenglischt, oder spanische Worte franzoesiert.
schlüsselkind 20.11.2013
5. Entspannen wir uns!
Ich habe selbst viele Jahre im englischsprachigen Ausland verbracht. Nach einer Weile meint man, Englisch so gut zu sprechen, dass man auch dazu neigt, typische Übersetzungsfehler anderer Deutscher "peinlich" zu finden. Mir ging es früher nicht anders. Je jünger man ist, desto wichtiger ist einem, seine routinierten Sprachkenntnisse auch demonstrativ zu zeigen. Nervendes Beispiel erst kürzlich: Eine junge Stewardess einer deutschen Airline im Inlandsflug, die so "cool" bemüht war, "authentisch Englisch wie von der Insel" zu klingen, dass man fast kein Wort verstand, obwohl sie sprachlich die korrekten Worte und Formulierungen verwendete (die ja ohnehin von der Airline vorgegeben sind). Nervtötend. Auch an so etwas scheitert dann im Ernstfall womöglich die Evakuierung... Der Artikel ist unterhaltsam, und die genannten Beispiele kennt man natürlich, wenn man einige Zeit im englischen Sprachraum gelebt hat. Aber seien wir ehrlich: Wer kann sich schon -selbst nach 9 Jahren Schulenglisch von der 5. Klasse bis zum Abitur im 13. Schuljahr- sicher und fehlerfrei im englischen Sprachraum bewegen? Ich konnte es jedenfalls -ganz ehrlich- nicht, und das trotz Englisch als Leistungskurs, und obwohl ich im TOEFL-Test (der damals für die amerikanischen und kanadischen Hochschulen die Englischkenntnisse eines ausländischen Bewerbers vorab belegen sollte) ein respektables Ergebnis erzielt hatte. Aber wie oft ist mir trotzdem das "concrete" noch `rausgerutscht, obwohl ich nicht von Beton sprechen wollte, oder ich sprach das englische "V" genauso wie ein englisches "W" aus (was sogar in professionell vorab aufgenommenen englischen Ansagen auf deutschen Flughäfen routiniert immer wieder geschieht...). Das Vermeiden solch typischer Fehler schleift sich eben erst ein, wenn man längere Zeit die Chance hatte, sich im sprachlichen Umfeld zu bewegen. Unvergessen, in Boston mit einer Schweizerin im Kino gesessen zu haben, und rätselnd im Sessel gesessen zu haben, während der gesamte restliche Saal vor Lachen über eine von uns unverstandene Szene quasi unter den Tischen lag. So ist es nun einmal, und es muß einem in der Regel nie peinlich sein, in einer Sprache, die nicht die eigene Muttersprache ist, Fehler zu machen. Das machen -mit Verlaub- die anderen auch, und oft viel extremer. Und da finden wir´s in der Regel charmant. Oder hat schon einmal jemand einen Geschäftsabschluß mit einem Franzosen abgelehnt, weil man dessen Englisch zu unprofessionell und akzentreich fand, oder einen amerikanischen Geschäftspartner nicht zurückgerufen, weil der im Deutschen einfach nicht sicher war? Entspannen wir uns, und genießen wir die Vielfalt. "We try harder"!
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