Seltenes Modellbau-Handwerk Am Anfang war der Kork

Korkkrümel sind sein Beruf: Aus ihnen baut Dieter Cöllen Monumentalbauten der Antike nach. Am Anfang tat er sich mit der Technik schwer - denn seine Lehrmeister sind seit 300 Jahren tot.

Dieter Cöllen

Von Marie-Charlotte Maas


Er hat die Cheops-Pyramide gebaut und den Poseidontempel, den Kapitolstempel und den Rundtempel in Tivoli: Dieter Cöllen hat einige der berühmtesten Bauwerke der Welt eigenhändig geschaffen - als Miniaturausgaben.

Cöllen ist Künstler, ein sogenannter "Phelloplastiker" - abgeleitet vom griechischen Wort für Kork. Der 59-Jährige stellt Korkmodelle her, vor allem von antiken Gebäuden aus der Römerzeit. Seine Arbeit ist weltweit einzigartig.

Drei seiner Korkmodelle stehen im unterirdischen Museum "Praetorium" in der Kölner Altstadt. Eines von ihnen, die Nachbildung des Kapitolstempels - eines besonders prächtigen Bauwerks des römischen Kölns - ist mit 1,60 Meter das größte moderne Korkmodell der Welt.

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Kuriose Handwerksberufe: Alte Meister
Täglich strömen Hunderte von Museumsbesuchern an Cöllens Werken vorbei, bleiben vor den großen Glaskästen stehen, die seine Modelle schützen, und staunen angesichts der Präzision, mit der er die baulichen Highlights der vergangenen Jahrtausende zum Leben erweckt hat.

Schon in den Achtzigerjahren entdeckte Cöllen die Phelloplastik für sich. Damals arbeitete er als Bauzeichner und Modellbauer. Bei einem privaten Besuch im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel sah er die ersten Korkmodelle und war gleich begeistert. "Ich war immer auf der Suche nach meinem perfekten Material. Mit Kork hatte ich es endlich gefunden."

"Niemand, den ich fragen konnte"

Sein Berufsziel stand fortan fest, er wollte sich der Phelloplastik widmen, doch einfach loslegen konnte er nicht. Zunächst stand er vor einem Rätsel, denn Aufzeichnungen zu der Jahrtausende alten Technik gibt es nur wenige. "Da war niemand, den ich fragen konnte, denn die Experten waren alle schon seit 300 Jahren tot." So musste Dieter Cöllen sich die Techniken größtenteils selbst erarbeiten.

Den Kork, eine circa drei Zentimeter dicke Rinde, bezieht er als Rohmaterial aus Portugal, denn dort kommen die besten, aber auch teuersten Stücke her. Seine Werke klebt er aus Tausenden kleinen Teilchen. Die Leime für die unterschiedlichen Ansprüche hat er selbst entwickelt.

Um ein Korkmodell wie den Kapitolstempel zu bauen, benötigt Cöllen etwa ein Jahr. Dabei geht es nicht nur darum, die Korkstückchen akkurat aneinander zu fügen - allein sechs Monate nimmt die Recherche in Anspruch, schließlich sollen die Modelle so wirklichkeitsgetreu wie möglich sein. Um sie historisch genau nachbilden zu können, arbeitet Cöllen mit Wissenschaftlern zusammen, geht in Archive und liest alte Dokumente. Wie hoch waren die Säulen? Handelt es sich um eine kanonische Bauweise? Wie waren die Gebäude proportioniert?

Wenn es an die eigentliche Arbeit geht, ist Dieter Cöllen am liebsten allein in seinem Atelier. Auch, um neue Herangehensweisen an das Material auszuprobieren. "Ich bin zwar schon fast 30 Jahre im Geschäft, aber es gibt immer wieder Herausforderungen und die möchte ich selbst lösen." Am meisten Arbeit, sagt er, machten die Säulen. Mehr als eine Säule pro Tag schafft selbst ein Profi wie Cöllen nicht. "Aber gerade dieser Zeitaufwand ist wichtig, denn er spiegelt ja auch wieder, mit welchem Arbeitseinsatz die Originale damals gebaut wurden. Ich mag diese langsame Arbeit, dabei empfinde ich ein gewisses Glück."

Mindesthaltbarkeitsdatum: 300 Jahre

Über mangelnde Aufträge kann sich Cöllen nicht beschweren. Erst kürzlich restaurierte er ein Korkmodell für das bekannte Soane's Museum in London. "Das war eine große Ehre für mich, schließlich hat die Phelloplastik in Großbritannien ein besonders großes Ansehen." Einige seiner Werke wurden sogar bei Christie's versteigert.

Große Projekte fertigt Cöllen ausnahmslos auf Bestellung. In seinem persönlichen Fundus befinden sich jedoch einige Stücke, die man vom Fleck weg kaufen kann. In Zukunft, hofft Cöllen, werden seine Modelle auch dazu eingesetzt, um Sponsoren für teure und aufwendige Restaurierungsarbeiten zu gewinnen. "Durch die Modelle sollen sich die Geldgeber besser vorstellen können, wie die Gebäude früher einmal aussahen."

Irgendwann, da ist Cöllen sicher, wird es in allen Museen am Computer erstellte 3D-Modelle geben, schon jetzt seien sie sehr verbreitet. Als Konkurrenz empfindet er die neue Technik jedoch nicht. "Kork", sagt er, "löst bei den Menschen ganz andere Empfindungen aus. Das Material ist lebendiger, greifbarer, es macht die Geschichte erlebbarer, denn es zeigt die Vergänglichkeit der Dinge."

Und es überdauert. 300 Jahre werden Dieter Cöllens Modelle bei guter Pflege existieren. Reich, sagt Dieter Cöllen, könne man mit dem Bau von Korkmodellen nicht werden. Dafür kann er sich rühmen, es mit seiner Kunst bis ins Praetorium geschafft zu haben. "Wenn die Leute meine Modelle ebenso staunend anschauen, wie sie die Cheops-Pyramide ansehen, und sich fragen, wie ich das nur gemacht habe, dann ist meine Arbeit gelungen."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Marie-Charlotte Maas (Jahrgang 1984) arbeitet als freie Journalistin in Köln.

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spon-1185811822017 01.08.2014
1. Habe die Ausstellung damals auch gesehen . . .
Und war so fasziniert, dass ich mir als Siebtklässler auf Klassenfahrt gleich den Katalog gekauft habe.
peter_freiburg 01.08.2014
2. gratulation
Hallo Herr Cöllen, super Arbeiten, das sieht wirklich großartig aus!
dwbrook 01.08.2014
3. Aschaffenburg
Gibt es nicht auch in Aschaffenburg im Schloss eine Sammlung solcher Bauwerke?
waltereickhoff 01.08.2014
4. Ganz schön...
... aber was sind diese Modelle, gegen die 30 Modelle von Antonio Chichi aus dem 18. Jahrhundert (MHK - Kassel), die vor allem ohne die heutigen technischen Möglichkeiten mit einfachsten Mitteln mit einer unübertroffenen Detailgenauigkeit hergestellt wurden.
Martin Steffen 01.08.2014
5. nicht alles schlecht machen
Zitat von waltereickhoff... aber was sind diese Modelle, gegen die 30 Modelle von Antonio Chichi aus dem 18. Jahrhundert (MHK - Kassel), die vor allem ohne die heutigen technischen Möglichkeiten mit einfachsten Mitteln mit einer unübertroffenen Detailgenauigkeit hergestellt wurden.
was sollten den die heutigen technischen Moeglichkeiten sein? Das was der Plastiker dort treibt, ist allem Augenschein nach Handarbeit an penibel geplanten Einzelstuecken. Das einzige was dem Kunsthandwerker heute vielleicht hilft ist die Photographie (aber alte Lithographen oder Zeichner waren auch begabt). Daneben spricht der Artikel davon das der Kuenstler alte Dokumente, Stiche etc auswertet, wenn er Bauwerke in Orginalzustand herstellen will. Soviel hilft da "moderne Technik" auch nicht.
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