Arbeitsausfall Psychische Probleme lassen Krankenstand steigen

Dreieinhalb Wochen sind deutsche Arbeitnehmer jedes Jahr krank - eine Woche mehr als noch vor wenigen Jahren. Körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen führen zu den meisten Ausfällen, doch gerade psychische Erkrankungen werden häufiger.

Frau an ihrem Arbeitsplatz: Arbeitnehmer melden sich häufiger krank
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Frau an ihrem Arbeitsplatz: Arbeitnehmer melden sich häufiger krank


Berlin - Die Krankenstände in den Betrieben haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die krankheitsbedingten Ausfälle der bei Betriebskrankenkassen (BKK) versicherten Beschäftigten stiegen von im Schnitt 12,4 Tagen im Jahr 2006 auf 17,6 Tage 2013. Dies geht aus dem BKK-Gesundheitsreport 2014 hervor, der auf Daten von 9,3 Millionen Versicherten zurückgreifen kann. Laut BKK bildet er das Krankheitsgeschehen in Unternehmen repräsentativ ab.

Der Anstieg sei vor allem auf die Zunahme langwieriger und chronischer Erkrankungen zurückzuführen: Nach wie vor sorgen Muskel-und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen mit einem Viertel der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) für die meisten Fehlzeiten bei den Pflichtmitgliedern. Ihnen folgen Atemwegserkrankungen (16,2 Prozent) und psychische Störungen (14,7).

Bei Letzteren beobachte man die höchsten Steigerungsraten: Zwischen 1976 und 2013 habe sich die Zahl der von den Kassen registrierten Fehlzeiten von einem halben Tag auf 2,6 Tage mehr als verfünffacht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor einigen Monaten ein Report der Krankenkasse DAK: Der Anstieg der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen könnte mit einem erhöhten Stresslevel zusammenhängen, allerdings auch damit, dass sich mehr Leute trauen, ihre psychischen Probleme vor ihrem Chef zu offenbaren.

Psychische Erkrankungen führen zu den längsten Fehlzeiten

Der starke Anstieg hängt auch damit zusammen, dass psychische Diagnosen zu besonders langen Krankschreibungen führen: 38 Tage ist ein Arbeitnehmer mit psychischen Problemen im Durchschnitt krankgeschrieben, länger als bei Tumorerkrankungen mit 35 Tagen und Rückenbeschwerden mit im Schnitt 20 Tagen. Über alle Krankheitsarten dauert dem Report zufolge ein einzelner Arbeitsunfähigkeitsfall eines Beschäftigten 12,7 Tage.

Die Arbeitsausfälle seien in Baden-Württemberg mit 15,4 und in Bayern mit 16,3 Tagen am niedrigsten, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg mit 21,6 und 21,9 Tagen am höchsten. Das Ost-West- beziehungsweise Nord-Süd-Gefälle hängt aber weniger mit dem Wohnort als mit der Altersstruktur der Versicherten zusammen. Baden-Württemberg hat nämlich auch die jüngsten Versicherten (bei Frauen durchschnittlich 40, bei Männern 39 Jahre), dicht gefolgt von Bayern und Hessen. Die ältesten Versicherten hat die BKK dagegen in Sachsen-Anhalt (48 und 46 Jahre).

ade/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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Kurbelradio 09.12.2014
1. wen wundert´s
bei immer mehr Arbeit, in immer weniger Zeit, bei stagnierendem Gehalt, steigenden Kosten....da muss der Mensch krank werden. Hierzulande wird sich mehr Gedanken gemacht, was tierfreundlich, artgerecht für Hund und Katz ist (was ja auch richtig ist). Aber was ist menschengerecht? Ab 2 Jobs (was viele haben), kann das nicht mehr sein. Immer wettbewerbsfähig, immer schneller, immer mehr. Und dazu der Job noch unsicher, weil befristet. Tja....irgendwo schlägt sich der Raubbau am Human Resource dann zu Buche.
doc.nemo 09.12.2014
2.
Psychische Erkrankungen werden nicht häufiger, sie werden nur häufiger und vor allem bereitwilliger bescheinigt. Und es wird immer einfacher, aus ihnen einen sekundären Krankheitsgewinn zu erzielen: Krankschreibung, Reha, Kündigungsschutz, vorzeitige Rente (als Krönung)... etc. Die Häufigkeit psychischer Diagnosen hängt in der Regel ab von der Dichte des sozialen Netzes: je dichter, desto häufiger gibt es psychische Diagnosen. Das sogenannte Burn-Out-Syndrom ist vorwiegend eine Diagnose des etablierten Mittelstandes.
postit2012 09.12.2014
3. Sie schreiben
"psychische Erkrankungen werden häufiger", aber richtiger wäre wohl "psychische Erkrankungen werden häufiger diagnostiziert", was ein gewaltiger Unterschied ist. Deswegen ist auch völlig offen, ob das nun zu beklagen ist oder eher nicht.
mrs.cheeky.hobson 09.12.2014
4.
Wo früher 10 Personen gearbeitet haben, müssen heute 5 Personen dieselbe Arbeit schaffen, möglichst noch für weniger Gehalt. Billigarbeitnehmer und Mobbing dabei allgegenwártig, ab 45 Jahren keine Chance mehr einen neuen Job zu finden, Abzüge, Steuern und neue Schein-umweltverordnungen schaffen das Übrige, um immer tiefer stechen und weiter werfen zu müssen, ja sogar, neben der schmalen Rente noch weiter "anschaffen" zu gehen, damit man über die Runden kommt. Dazu kommt unweigerlich die "Geiz-ist-geil" Mentalität: ... Kinderarbeit, Plastikmüll en masse, Gentechnologie, Umweltbelastung, All-Inklusive Urlaube, etc. wird alles toleriert !!! Ich bin doch nicht blöd ? Was auf der Strecke bleibt, ist die Gesundheit ! Oder das Leben ?
gunnarqr 09.12.2014
5. Psychische Erkrankungen sind in ALLEN Kulturen statistisch immer ungefähr gleich häufig,
Zum Einen werden diese heute wahrscheinlich häufiger erkannt und damit behandelbar. Allerdings ist aber auch die zunehmende Arbeitsverdichtung bei weniger Mitarbeitern sicher ein Faktor für steigende Erkrankungszahlen. Zumindest bei Krankenpflege, Ärzten und Polizei führtdas zum 'Burnout' - im Prinzip eine Form von Depression und diese kann furchtbar werden.
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