Die neue Lässigkeit im Büro So freundlich ist das Du gar nicht

Die deutsche Arbeitswelt macht sich locker: Vorstände treten ohne Krawatte auf, in immer mehr Firmen duzen sich alle Mitarbeiter. Doch der neue Stil führt leicht zu Missverständnissen.

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Der Geschäftsführer hatte zu einem besonderen Meeting mit allen Vertriebs- und Teamleitern geladen. Katharina Starlay sollte mit ihnen einen einheitlichen Dresscode erarbeiten. Die Unternehmensberaterin für Stil und Kleidung hatte es anfangs schwer. Unausgesprochen stand im Raum: "Haben wir wirklich nichts Besseres zu tun als über Krawattenfarben zu reden?"

In deutschen Konzernen - Starlays Auftritt war bei einem Großunternehmen der Pharmabranche - wird derzeit erstaunlich häufig über Krawatten geredet. Oft in der Vergangenheitsform. Denn das Accessoire, einst Pflicht für alle, die im Geschäftsleben ernst genommen werden wollten, wird allmählich abgeschafft.

  • Daimler-Chef Dieter Zetsche zeigt sich schon länger gern ohne. Im April betrat er sogar ohne Krawatte die Bühne der Hauptversammlung des Konzerns.
  • Auch Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser ist für Auftritte ohne Binder bekannt. Er hat seinem Konzern mehr "Start-up-Spirit" verordnet, dazu passt der Schlips nicht mehr.
  • Oliver Bäte, in gleicher Position bei der Allianz, bestreitet Pressekonferenzen auch lieber mit offenem Kragenknopf. Für Aufsehen sorgten im Mai die knallroten Turnschuhe, die er auf einem Aktionärstreffen trug. Sie standen für eine wohltätige Aktion seiner Firma.
  • Continental-Chef Elmar Degenhart verzichtete im März bei einer Bilanzpressekonferenz auf die Krawatte und sagte zur Erklärung: "Wir passen uns den Gegebenheiten der Industrie an."

Der Schlips schwindet - eine hochsymbolische Entwicklung im Geschäftsleben, findet Beraterin Starlay. "Noch bevor Sie einem neuen Geschäftspartner die Hand reichen, beginnt die Kommunikation", erklärt sie. "Mit einem gepflegten Äußeren zeigen Sie, dass Sie Ihr Gegenüber und sich selbst ernst nehmen."

Krawatte = offiziell

Eine Krawatte ist dafür nicht zwingend notwendig - es kommt darauf an, was man damit sagen will. Darauf ließen sich schließlich die Pharmamanager in Starlays Workshop ein, das Ergebnis war die Fibel "Wie wir in Zukunft vor Kunden auftreten wollen".

Die Wirkung der Krawatte erklärt sich am einfachsten, wenn sie abgelegt wird: Dann nämlich tritt bei vielen Entspannung ein, der offizielle Teil ist beendet, die Verhandlungspartner lassen den Abend in der Kneipe nebenan ausklingen.

Wird also alles locker, wenn die Krawatten fallen? Oft hat es den Anschein, denn auch eine weitere Förmlichkeit ist auf dem Rückzug: das Siezen. Die Otto Group hat hochoffiziell aufs Du umgestellt, und sogar der streng geführte Discounter Lidl.

Es geht um weit mehr als Stoffmuster oder neue Anreden, der gesamte Stil des Geschäftslebens ändert sich. Die Konzerne wollen jünger erscheinen, das sagt Conti-Chef Degenhart ganz offen: "Die junge Generation hat andere Ansprüche", der Abschied von der Krawatte "ist ein Zeichen für unsere Flexibilität", die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen.

Früher war das anders, da fühlten sich Berufseinsteiger wohl, wenn sie sich jeden Morgen mit der Krawatte einschnürten und so einer der vielen wurden, die in der Firma gutes Geld verdienten. Aber die Vorbilder im Geldverdienen sehen heute anders aus. Sie sind, dem Klischee nach, kalifornische Softwareunternehmer, tragen Jeans und T-Shirt. Und im Fall von Facebook-Chef Mark Zuckerberg sogar nur Adiletten - wie locker geht's, bitte?

Doch nicht so eigenverantwortlich

"Viele große Konzerne kooperieren mit jungen Start-ups", erklärt die Organisationssoziologin Rena Schwarting. Daimler etwa spricht mit der Aktion "Start-up Autobahn" gezielt junge Technikgründer an, will von deren Innovationen und Flexibilität profitieren. "Dabei gibt Daimler hierarchische Kontrolle ab, an den alten Konzernstrukturen vorbei. Dieser Strukturwandel findet sich in Äußerlichkeiten wieder." Wenn Zetsche ohne Krawatte mit den jungen Leuten im Meeting sitzt, will er für Jungunternehmer "auf Augenhöhe ansprechbar" sein. Und wenn sein Unternehmen öffentlich nicht so hüftsteif erscheint, so die Hoffnung, werde es attraktiver für junge Fachkräfte.

Volker Kitz: Hierarchien lösen sich auf, der Look wird leger
Mareike Föcking

Volker Kitz: Hierarchien lösen sich auf, der Look wird leger

Offene Hemdkragen, ein paar Sneakers, Anrede per Du: Das Klima wird familiärer in den Firmen, einfach netter. Zumindest an der Oberfläche.

Der Autor und Jurist Volker Kitz, der auf Themen der Arbeitswelt spezialisiert ist, sieht das kritisch. "An ganz vielen Stellen in der Wirtschaft lösen sich Hierarchien gerade auf, und der legere Look soll das unterstützen", erklärt er. Aber dabei würden falsche Erwartungen geweckt. "Ich erlebe viele frustrierte Arbeitnehmer, die aus allen Wolken fallen, wenn sie dann doch nicht so eigenverantwortlich arbeiten dürfen, wie sie anfangs geglaubt haben - dabei duzen sie doch den Chef!"

Außerdem habe die Krawatte früher eine gesunde Trennung von Arbeits- und Privatleben signalisiert, sagt Kitz. "Trug ich die Krawatte, war ich im Dienst - und damit war zu Hause Schluss." Heute nehmen viele den Jobstress mit nach Hause. Schuld daran sind viele Faktoren, vor allem moderne Elektronik, die das ermöglicht: Laut einer neuen Umfrage liest jeder zweite deutsche Arbeitnehmer in der Freizeit Dienstmails.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass sich viele Firmen in ihrer neuen Lockerheit wie eine Familie präsentieren. Denn auch wenn der Ton freundlich ist: Unter der Oberfläche lässt der Druck nicht nach.

Weniger formale Erwartungen führen zu mehr Druck

Das Gegenteil ist der Fall, glaubt Soziologin Schwarting: "In dem Maß, in dem die formalen Erwartungen an den einzelnen Arbeitnehmer reduziert werden, steigen die informellen Erwartungen: Muss ich abends noch mal meine Mails checken? Wie viel muss ich im Home Office arbeiten? Wie viel Verantwortung trage ich selbst? Wenn all das unklar ist, werden loyale Mitarbeiter im Zweifel eher mehr leisten als weniger."

Dazu passt, dass es im Management inzwischen verbreitet ist, viel Verantwortung, die früher Chefs und Abteilungsleiter übernommen haben, auf Mitarbeiter zu übertragen. Die finden das zunächst toll, weil sie sich ernst genommen fühlen. An ihren Chancen auf eine wirklich bessere Stelle ändert das aber nichts, sie sind nur Zuarbeiter. "Verantwortung und Gehalt fallen dann oft auseinander", sagt Kitz.

Was also wie eine Lockerungsübung im Geschäftsleben daherkommt, verweist zugleich auf die Dinge, die in vielen Betrieben derzeit schieflaufen. Das Beispiel Lidl macht es deutlich: Seit März dürfen sich dort alle duzen. Den Chef der Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, zitierte die "FAZ": "Es gibt keinen Zwang. Aber klar ist: Wer sich nicht duzt, isoliert sich. Das sind nicht die Leute, die wir brauchen." Und schon klingt das Du gar nicht mehr so freundlich.



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cedebe 02.08.2016
1. als wären die jungen AN schuld
der Duz-Trend wurde aus den USA kopiert, wo es kein Sie gibt. Das hat nichts mit jungen AN zu tun. Und die "neue Leichtigkeit" ohne Krawatte ist wohl eher ein gesellschaftlicher Wandel. Mode kommt, Mode geht. Heute ist Standard eben Hemd mit Jeans und Lederschuh und offiziell dann Anzughose und Sakko mit Hemd und Lederschuh.
großwolke 02.08.2016
2.
Das Siezen ist ein tolles Feature der deutschen Sprache, warum wir so bemüht sind, es abzuschaffen, verstehe ich nicht so richtig. Die einfache Du/Sie-Unterscheidung legt bei einem gut erzogenen Menschen eine ganze Menge Verhaltensweisen auf eine Art Autopilot, über die ich zumindest ohne diese "Hilfe" bewusst nachdenken muss. In dem Punkt bin ich daher, wie an einigen anderen Stellen, der Meinung, dass wir uns der Welt nicht nach unten anpassen sollten. Im Vergleich mit dem Rest der Welt läuft es bei uns ziemlich gut. Das muss Gründe haben, und die liegen sicher nicht nur im Wetter.
goethestrasse 02.08.2016
3. Hierarchie
..ist eines dieser Worte, welches negativ belegt ist. Die Sicherheit, die dadurch aber auch gegeben ist - genauso wie Familie und Heimat - wird gern dem Trend und dem Individualismus geopfert. Aber mal ehrlich, wer schwimmt gerne im weiten Ozean ohne Land in Sicht ? Viele sind doch mit der Berufswelt und der großen Freiheit überfordert.
karamelltaler 02.08.2016
4. andere Zeiten andere Moden
die Krawatte ist ein derartig lächerliches Kleidungsstück, dass man sich wirklich wundern muss, wie lange sie durchgehalten hat. Wahrscheinlich werden sich in einigen Jahren die Menschen darüber kaputt lachen, dass die Leute jemals so etwas getragen haben, und sich dabei auch noch furchtbar wichtig vorkommen sind.
dererzer 02.08.2016
5. Meine persönliche Erfahrung...
In den vergangenen Jahren habe ich 2 Mal das Unternehmen gewechselt. Im 1. galten alte Strukturen, die Chefs trugen Krawatte und man siezte sich, im 2. (SEHR viel kleiner, Tochter des 1.) kannten sich alle von Anfang an, da gab es nur das "Du" und im 3. bin ich seit Gründung mit dabei und würde es schon fast ein wenig beleidigend finden wenn mich dort jemand siezt. Witziger Weise hat das 1. Unternehmen mit relativ hoher Fluktuation zu kämpfen und musste vor einiger Zeit stark abbauen, das 2. blieb weitestgehend stabil und das 3. ist in 3 Jahren von 10 auf 130 Mitarbeiter angewachsen. Klar werden durch das "Du" öfters mal kleine Reiberein offener ausgetragen und man hört schon mal "Du Ar***", allerdings gibt es keine still schwelenden Konflikte, die irgendwann eskalieren oder dazu führen, dass Leute unzufrieden sind und irgendwann einfach kündigen. Ideen werden offener angesprochen weil man den GF einfach mal bei Seite nehmen und fragen kann "Du, ich habe da eine Idee: ... Was hältst du davon?" Die Kommunikation ist schneller, direkter und viel einfacher und ein Grund dafür, dass ich überhaupt kein Interesse habe das Unternehmen zu wechseln, selbst wenn mir mehr Gehalt geboten wird.
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