Tricks für Kreativität Wie Genies ihren Tag planten

Ein abgeschraubter Türknauf oder Picassos "Zu-Hause-Tag" - viele Geistesgrößen sind nicht nur genial, sondern haben auch eigene Rituale, um Raum für Kreativität zu schaffen. Davon kann jeder lernen.

Von Kai Lange

Andy Warhol
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Andy Warhol


KarriereSPIEGEL-Klassiker
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Sie hinterlassen kein Werk wie Pablo Picasso? Ihre Notizen für die Nachwelt reichen nicht an Hemingway heran? Kein Grund nachzulassen - denn die im Überblick genannten Geistesgrößen waren nicht nur mit viel Talent gesegnet. Dazu beherrschten sie kluge Strategien, um der Kreativität während des grauen Alltags Raum zu geben - Strategien, von denen auch kleinere Geister wie wir profitieren können.

Der Autor Mason Currey hat in seinem Buch "Daily Rituals: How Artists Work" die Gewohnheiten von 161 Kreativen untersucht. Aus den Anekdoten über den Tagesablauf berühmter Schriftsteller, Maler, Philosophen und Wissenschaftler können Normalsterbliche durchaus Lehren ziehen, wie Sarah Green in ihrem Blog für "Harvard Business Review" herausgefunden hat.

Kreativer und produktiver arbeiten - die Strategien, mit denen Genies wie Beethoven, Kierkegaard oder William Faulkner ihren Tag organisierten, sind oft ebenso einfach wie effizient. Faulkner zum Beispiel schraubte den Türknauf seines Arbeitszimmers ab, um konzentriert und ohne Ablenkung arbeiten zu können. Dass Ausflüge an die frische Luft Körper und Geist beleben, zeigt die Anekdote von Kierkegaards Regenschirm.

Die eigene Produktivität zu messen und niemals bis zur völligen Verausgabung zu schreiben, lehren Hemingway und Arthur Miller. Picassos "Zu-Hause-Tag" zeigt uns, wie man seine gesellschaftlichen Verpflichtungen effizient organisiert - und die Episode von Sigmund Freuds Zahnbürste belegt eindrucksvoll, dass hinter einem großen Geist meist ein tüchtiger Helfer steht, der ihm die kleinen Dinge des Lebens abnimmt.

Wie Genies ihren Tag planten

William Faulkner

Weil der Arbeitsraum des Literatur-Nobelpreisträgers kein Schloss hatte, schraubte Faulkner einfach den Türknauf ab und nahm ihn mit aufs Zimmer - ein Luxus, von dem Großraum-Büroarbeiter heute nur träumen können.

In dem Buch "Daily Rituals: How Artists Work" hat der Autor Mason Currey den Tagesablauf von 161 Kreativen und großen Denkern untersucht: Daraus ergeben sich wichtige Tipps, wie auch Normalsterbliche ihre Kreativität erhöhen und außergewöhnliche Resultate erzielen können...

Mark Twain

Der US-Autor nahm es ernst mit der Konzentration aufs Wesentliche. Sein Arbeitszimmer war sogar für seine Familie eine Tabuzone - wer Twain sprechen wollte, musste vorher in ein Horn blasen. Von E-Mails und Handyvibrationen hätte sich ein Denker wie Twain nie im Leben ablenken lassen. Konzentration ist aber nicht alles...

Ludwig von Beethoven

Der Komponist ging nach jedem Mittagessen an der frischen Luft spazieren - und nahm auf seine täglichen Spaziergänge Papier und Bleistift mit.

Der Autor Charles Dickens war berühmt für seine dreistündigen Stadtspaziergänge, die er jeden Nachmittag unternahm. Wie positiv sich frische Luft auf die Produktivität auswirkt, beweist auch...

Sören Kierkegaard

Der große Philosoph fand seine täglichen Spaziergänge an der frischen Luft dermaßen inspirierend, dass er sich häufig noch mit Hut, Spazierstock und Regenschirm an seinen Schreibtisch setzte und sofort mit dem Schreiben begann. Neben Konzentration und Bewegung gibt es noch weitere Lehren aus dem Tagesablauf der großen Denker, die auch kleineren Geistern helfen können...

Ernest Hemingway

Der Autor von "Wem die Stunde schlägt" notierte täglich die Zahl der geschriebenen Wörter in einer Tabelle, um sich "nicht selbst zu betrügen". Anthony Trollope schrieb immer nur drei Stunden pro Tag - und nie mehr als 250 Wörter pro 15 Minuten. Solche Messmethoden für die eigene Produktivität können ebenso hilfreich sein wie ein Schreib-Stopp...

Arthur Miller

Der Autor und Ehemann von Marilyn Monroe (Bild) hielt nichts davon, sich völlig zu verausgaben. "Ich finde es besser, von der Schreibmaschine aufzustehen und Abstand zu gewinnen, solange ich noch etwas zu sagen habe", schrieb Miller. Hemingway sah es genauso: "Man schreibt so lange, bis man an einen Punkt kommt, an dem man immer noch Energie hat und weiß, was als Nächstes kommt. Dann hört man auf." Die Strategie, Kreativität zu erhalten, indem man sich nicht völlig verausgabt, wurde allerdings von einem großen Künstler missachtet...

Wolfgang Amadeus Mozart

Der Komponist stand morgens um sechs Uhr auf, hatte den Tag randvoll mit Komponieren, Unterricht, Konzerten und sozialen Verpflichtungen gefüllt und ging erst sehr spät zu Bett - im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die regelmäßig kreative Pausen einlegten. Jemand, der eine Ruhepause brauche und trotzdem weiterarbeite, sei ein Narr, schrieb C.G. Jung. Mozart starb jung, ganz im Gegensatz zu...

Sigmund Freud

Der Begründer der Psychoanalyse hatte ein besonders wirksames Rezept, um sich Raum für Kreativität und Schaffenskraft zu erhalten. Er holte sich Unterstützung vom Partner, um sich nicht mit den kleinen, zeitraubenden Dingen des Lebens abgeben zu müssen. Seine Ehefrau Martha Freud "legte ihm morgens seine Kleider hin, wählte die Taschentücher für ihn aus und drückte sogar die Zahnpasta auf seine Zahnbürste", berichtet Autor Currey. Ähnlich aufopfernd verhielt sich auch die Frau von...

Gustav Mahler

Mahlers Frau bestach die Nachbarn mit Eintrittskarten für die Oper, damit diese ihre Hunde ruhig hielten, während ihr Gatte komponierte, schreibt Currey - obwohl sie bitter enttäuscht war, als Mahler sie zwang, ihre eigene musikalische Karriere aufzugeben. Aber auch viele unverheiratete Künstler umgaben sich mit hilfreichen Menschen...

Jane Austen

Jane Austens Schwester Cassandra übernahm einen Großteil ihrer Haushaltspflichten, damit Jane genügend Zeit zum Schreiben hatte. "Es erscheint mir unmöglich, etwas zu verfassen, wenn ich den Kopf voller Hammelkeulen und Rhabarber habe", hat Jane Austen einmal geschrieben.

Andy Warhol

... rief seine Freundin und Mitarbeiterin Pat Hackett jeden Morgen an und berichtete ihr über seine Aktivitäten am Vortag. Dieses "Tagebuch" konnte zwei volle Stunden in Anspruch nehmen - und Hackett machte sich dabei gewissenhaft Notizen, die sie anschließend abtippte. Während die einen hilfreiche Mitmenschen aktiv einbezogen, zogen sich andere Künstler bewusst zurück...

Marcel Proust

... etwa "traf im Jahr 1910 freiwillig die Entscheidung, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen", schreibt Currey in seinem Buch "Daily Rituals", über das Sarah Green im Harvard Business Review berichtet.

Pablo Picasso (Bild) borgte sich die Idee, den Sonntag zum "Zu-Hause-Tag" zu erklären, angeblich von Gertrude Stein - mit dem Ziel, "um sich aller Verpflichtungen, die ihr Freundeskreis ihnen auferlegte, an einem einzigen Nachmittag zu entledigen". Wer sein Leben so ordnet, dass er nicht ständig von einem Termin zum anderen hetzt, schafft mehr - es muss ja nicht gleich das Lebenswerk eines Picasso sein.

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Seite 1
al2510 24.03.2015
1. Wan werden wir endlich aufhören
zum Werk unserer Hände zu sagen: Mein Gott. Wir brauchen nicht solche "Größen" zu betrachten, es reicht doch im Baumarkt vorbei zu sehen. Das wird natürlich verachtet, weil das ist ja nützlich, wenn es nicht Kunst werden soll. Aber wäre es nicht viel besser wir würden so viel Zeit und Interesse für die Probleme und Nöte unseres Mitmenschen aufwenden. Gestern beim Nähen habe ich mir auch gedacht, wäre es jetzt nicht schöner mit Menschen zusammen zu sitzen und zu reden. Nur leider ist das nicht möglich, weil jeder etwas Großes sein will und sich durch seine Arbeit verherrlicht. Und weil jeder etwas Großes sein will, verachtet er das Werk der anderen weil er ja der Größte sein will, und alle sind unglücklich. Und jeder macht etwas noch Größeres und alle sind noch unglücklicher, weil keiner die Größe erkennen will, weil man ja selber der Größte sein will. Gemeinsam einsam. Lauter Kleine können ihre Unfähigkeit ertragen und sind aufeinander angewiesen. Da ist man glücklich. Da ist der Nächste der Gott, der Helfer in der Not. Da hat man echte Freunde. Weil keiner ein Großer sein will.
nandolino 24.03.2015
2.
Also mein Tagesablauf und der anderer Genies läuft meistens normal ab ,nur auf einer anderen Ebene.
syracusa 24.03.2015
3. eine andere Strategie
Eine andere, in meinen Augen die wichtigste überhaupt, Strategie zur Förderung von Kreativität besteht darin, "neben der Spur" zu denken. Unser Hirn arbeitet am effektivsten, wenn es in eingefahrenen Bahnen denkt. Aber das lähmt nicht nur die Kreativität, sondern führt über das Phänomen der "kognitiven Dissonanz" oft sogar zu Wahrnehmungs- und Verständnisfehlern. Einsteins Schaffung der speziellen Relativitätstheorie beispielsweise beruht "lediglich" in der Aufgabe einer solchen liebgewordenen Denkgewohnheit. nämlich sich von der Definition (!) Newtons einer absoluten, von allem unabhängig und gleichmäßig fließenden Zeit zu verabschieden. Dazu reichte es völlig aus, die Lichtgeschwindigkeit als oberste Grenzgeschwindigkeit anzunehmen. Der Rest ist weitgehend trivial, denn da reicht schon der Satz des Pythagoras, um über ein paar kurze Umwege die berühmte Formal E=mc² abzuleiten. Dieses "Neben-der-Spur-Denken" kann man sich antrainieren. Warhol ist ein gutes Beispiel dafür, aber eigentlich gilt das für die meisten Kreativen aus Kunst und Wissenschaft, die nicht nur modische Eintagsfliegen geblieben sind, sondern die zeitlose Wereke geschaffen haben.
Herr Hold 24.03.2015
4. Teilweise
Zitat von nandolinoAlso mein Tagesablauf und der anderer Genies läuft meistens normal ab ,nur auf einer anderen Ebene.
Das stimmt nur teilweise. Mein normaler Tagesablauf wird von Zeit zu Zeit von genialen Einfällen unterbrochen, die ich dann in Melodien kleide, in Gemälden umsetze, in mathematische Formeln bringe. Manchmal bin ich auch etwas müde, weil ich nachts wach bin und neue Planeten und Sterne finde.
curryander 24.03.2015
5. fuer dieses buch
wurde doch hier bei spon schon geworben.
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