Training für Kreuzfahrt-Jobs Überlebenskampf im Hafenbecken

Per Luxusliner um die Welt, das klingt famos. Der Jobstress beginnt lange vorher: Wer als Koch, Kellner, Kindermädchen bei Kreuzfahrten anheuert, hüpft beim Sicherheitstraining erst mal in die kühle Ostsee. Und muss sich als Landratte verspotten oder zum Gruppensex auffordern lassen.

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Dirk Wegner, 35, steht auf der Kaimauer des Rostocker Fischereihafens und schreit "Gruppensex". Immer wieder, "Gruppensex, Gruuuuppensex". Auf das Kommando hat er sich gefreut, seit seine 24 Schüler den Klassenraum betraten. Jetzt dümpeln sie im trüben Wasser des Hafenbeckens wie dicke Bojen.

Wegner leitet heute das Sicherheitstraining für angehende Seefahrer. Was er mit seiner lautstarken Order meint: Jeweils drei Leute sollen einen kleinen Kreis bilden und sich umarmen, das ist die Übung. Im Ernstfall könnten sie sich so länger warmhalten und würden von Rettungskräften eher entdeckt. Im Ernstfall müssten sie sich allerdings ohne Kommando formieren - und ohne Überlebensanzüge, die nicht zur Grundausstattung von Kreuzfahrtschiffen gehören. Und auf denen werden Wegners Schüler später arbeiten, als Animateure, Sommeliers, Kellner, Küchenchefs. Die Arbeitsverträge haben sie schon.

Den Auftrieb im Rostocker Hafen verdanken sie den übergroßen, orangefarbenen Strampelanzügen, nur ihre bleichen Gesichter schauen heraus. Ab und an taucht ein orangefarbener Fuß auf oder ein Fäustling und patscht ungelenk ins Wasser. Man könnte die Szene als neue "Teletubbies"-Folge verkaufen, vielleicht ans holländische Fernsehen. Wenn nur Wegner endlich aufhören würde mit seinem "Gruppensex"-Gebrüll.

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Härteprüfung für den Traumjob: Training im Teletubby-Outfit
Norman Tiersch, 23, ist ausgebildeter Mediengestalter aus Jena und hatte mit Seefahrt nichts zu tun. Bis er im Internet auf eine Stellenanzeige stieß: "Kameramann und Cutter auf Kreuzfahrtschiff gesucht" - Luxusliner als Arbeitsort, "Reisefilme bildstark und dramaturgisch in Szene setzen" als Aufgabe. Für den MDR filmte er hauptsächlich in Leipzig, die Entscheidung fiel leicht. Wenige Wochen später hatte er die Zusage im Briefkasten - plus Einladung zum Rostocker Sicherheitstraining.

"Ihr Landratten!"

Am 8. Juni beginnt seine erste Reise, mit der "MS Columbus 2" in 13 Tagen von Hamburg bis zum Nordkap. Tiersch wird die Gäste beim Einsteigen filmen, beim Landausflug, im Fitnessclub. Fast 2000 Euro kostet die Fahrt in der günstigsten Kabine ohne Fenster. Da kommt es auf 69 Euro bis 149 Euro für eine DVD mit den Reisehöhepunkten auch nicht mehr an.

Filmen, wie andere Urlaub machen - ob's wirklich Spaß bringt, weiß Norman Tiersch noch nicht, er nimmt es aber locker. Anders als die meisten Mitschüler ist Tiersch nicht bei einer Reederei angestellt, sondern arbeitet freiberuflich für die Agentur CruiseVision TV. Er bekommt ein monatliches Gehalt, Kost und Logis, ist aber nicht festangestellt.

Dirk Wegner hat den ganzen Vormittag von durchsichtigen Kotztüten, durchlöcherten Rettungsinseln und brennendem Stahl erzählt: "Wenn ihr richtig seekrank seid, wollt ihr sterben, sterben wollt ihr, ihr Landratten!" Ein Unterricht wie eine Comedy-Show, jede Powerpointfolie ein Witz. Wenn da nur die "Costa Concordia" nicht wäre. Schlagseite. Chaos, Panik. 32 Tote. Auch die Costa-Mitarbeiter haben die Gruppensex-Übung gemacht, einige sogar hier im Rostocker Hafenbecken. Der Ernstfall ist immer anders.

"Sicherheitstraining für Servicepersonal in der Kreuzschifffahrt" heißt Wegners Kurs offiziell: 40 Stunden, verteilt auf vier Tage. Pflicht für jeden, der auf einem Schiff arbeiten will, egal für welche Reederei oder unter welcher Flagge. Offiziere oder Maschinenbauer mit technischen Aufgaben an Bord müssen doppelt so lange trainieren und ihr "Basic Safety"-Zertifikat alle fünf Jahre erneuern.

Übungen nach Uno-Konvention

Ob in Rostock, Genua oder Sydney - überall paddeln Crewmitglieder in Hafenbecken oder Schwimmbädern, krabbeln in Rettungsinseln, pauken den Inhalt von Notfallkoffern. Die Übungen sind von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation vorgeschrieben und weltweit identisch, STCW95 heißt die Uno-Konvention. Bis Ende 2012 soll es in Europa zusätzliche Regeln für die Sicherheit von Schiffspassagieren geben.

An der Rostocker Schifffahrtsschule läuft das Training das ganze Jahr über, nur im vergangenen Winter war das Hafenbecken drei Wochen komplett zugefroren. Heute hat es die Truppe recht gut getroffen: Sonne, das Wasser hat immerhin zwölf Grad. Dirk Wegner düst jetzt mit einem Rettungsboot umher, er steht breitbeinig, lenkt mit einer Hand, gestikuliert mit der anderen wild. Mit seiner orangefarbenen Latzhose sieht er aus wie ein Bauarbeiter beim Bullriding.

Seine Schüler sollen eine Kette bilden, mit dem Rücken zwischen den Beinen und auf der Brust des Hintermannes. Damit's noch schwieriger wird, rast Wegner mit dem Boot auf sie zu, dreht direkt vor ihnen ab: Welle schwappt über Teletubbies. "Mach die Beine breit, Schnucki!", ruft er. Wen er meint? Egal - Wegner nennt alle Frauen Schnucki. Kann er sich leisten: Im Ernstfall wäre jeder froh, einen Seebären wie ihn an der Seite zu haben, kauzig und großmäulig, aber kompetent und zupackend. Das weiß er.

Der gelernte Schreiner ist einer von elf Ausbildern der Rostocker Schifffahrtsschule, alle sind zur See gefahren, alle Männer. Wegner hat jahrelang auf Frachtern und Luxuslinern gearbeitet und kam erst im Januar von seiner letzten Reise zurück, drei Monate "MS Europa". Das Schiff gehört zu Hapag Lloyd, wie die "MS Columbus 2", auf der Norman Tiersch die Gäste filmen soll. Die Reederei schickt alle Mitarbeiter zum Kurs nach Rostock, auch die Aida-Crews werden hier geschult. Ein vergleichbares Angebot haben in Deutschland nur zwei andere Schifffahrtsschulen, in Travemünde und Elsfleth.

Teambuilding im Freifallboot

Der Praxisteil besteht aus drei Aufgaben: den Übungen im Hafenbecken, Feuer löschen im Brandcontainer, mit dem Freifallboot aus zwölf Metern Höhe ins Wasser klatschen. Kreuzfahrtschiffe haben in der Regel keine Freifallboote. Aber den meisten Schülern macht die Übung Spaß. Der gemeinsame Absturz sei "integraler Bestandteil der Sicherheitsausbildung" und "verstärke die Teambildung", sagt Bernd Sturzrehm vom Aus- und Fortbildungszentrum Rostock.

Mehr als 4000 Seeleute haben 2011 an den Rostocker Kursen teilgenommen. 1994, im Gründungsjahr der Schule, gab es nur 57 Schüler. "Die Nachfrage ist enorm, aber wer weiß schon, wie lange der Boom in der Kreuzfahrtbranche noch hält?", so Sturzrehm.

280 Euro kostet der viertägige Sicherheitskurs pro Person, plus Übernachtung auf dem Wohnschiff. Bei der schriftlichen Prüfung am Ende fällt nur ganz selten jemand durch. "Die Leute sind alle hoch motiviert, sie wollen ja den Job", sagt Sturzrehm. Die Kosten tragen die Reedereien, wer will, kann sich auch privat anmelden, als Zusatzqualifikation für den Lebenslauf. Wer aber nur im Teletubby-Kostüm "Titanic" spielen will, muss draußen bleiben.

Bernd Sturzrehm hatte schon Anfragen von Unternehmen, die das Freifallboot für ihre Betriebsfeier mieten wollten. Aus zwölf Metern Höhe ins Wasser klatschen, das klingt spaßig, schweißt zusammen und ist bestimmt ein prima Teambuildig-Seminar. Davon aber will Sturzrehm nichts wissen: "Wir müssen ja auch unsere Glaubwürdigkeit bewahren."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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spiegelkb 05.06.2012
1. Kosten trägt der Teilnehmer
Hallo, ich saß heute selbst in dem Fallboot und muss leider die Kostenübernahme verneinen. Zumindest trifft dies auf die AIDA zu. Wie dies bei den anderen Reedereien aussieht kann ich nicht sagen. Die Kosten muss also jeder Teilnehmer selbst tragen oder per Bildungsgutschein durch das Arbeitsamt finanzieren lassen.
hlsc12 17.06.2012
2. Selektive Wahrnehmung der Autorin
Als ehemaliger Kursteilnehmer von Dirk Wegner kann ich mich über die Darstellung seines Unterrichts nur wundern. Ich habe weder in der Schule noch später an der Uni einen Dozenten erlebt, der über ein ähnliches didaktisches Talent wie Dirk Wegner verfügte oder mit vergleichbarem Engagement und Spaß und vor allem mit absoluter Sachkompetenz unterrichtet hat. Dirk Wegner hat es von der ersten Minute geschafft, seine Schüler zu begeistern, sowohl er als auch seine Art zu unterrichten trafen ausnahmslos auf Zustimmung. Seine Präsentation mit dem Satz "jede Powerpointfolie ein Witz" zu beschreiben, ist nicht nur inhaltlich irreführend, sondern respektlos. Wichtige Inhalte mit einprägsamen Geschichten zu verknüpfen zeigt vielmehr ein durchdachtes didaktisches Konzept. Hier ist auch der Begriff "Gruppensex" einzuordnen, welcher originär von einem Kursteilnehmer benutzt und von Dirk Wegner später aufgegriffen wurde. Was auch zeigt, dass es schlichtweg falsch ist, dass er sich auf dieses Kommando gefreut habe, seit seine Schüler den Klassenraum betraten. Dies offenbart jedoch die durchweg negative Tendenz des Artikels. Die Tatsache, dass alle Frauen "Schnucki" gerufen wurden, erscheint ebenfalls in einem anderen Licht, wenn man hinzufügt, dass der Spitzname der Männer "Hasi" lautete. Und aus 20 Unterrichtsstunden ausgerechnet einen Satz über durchsichtige Spucktüten aufzugreifen, ist stilistisch eher bei bild.de zu erwarten. Abschliessend kann ich nur sagen, dass dieser Artikel absolut an der Sache vorbeigeht und vor allem ohne Rücksicht auf beteiligte Personen verfasst wurde. Ich jedenfalls werde im Fall eines Unglücks mein Leben unter Umständen der Tatsache verdanken, dass bei Dirk Wegners Unterricht "jede Powerpointfolie ein Witz" war.
srothe 05.10.2017
3. Das ist ziemlich unterste Schublade...
Moin, ich arbeite als Geologe in der Meeresbodenerkundung, zur zeit arbeite ich auf einem Surveyschiff in der Nordsee (na ja, im Moment im Hafen). Das Basic Safety Certificate habe ich auch gemacht, allerdings in der verschaerften Variante, mit Helikopter Evakuierung. Der Artikel strotzt vor Halbwahrheiten und Fehlern. Mit dem einseitigen Fokus auf das sexistische Vokabular des Ausbilders, welches wohl eher die Macke einer einzelnen Person ist (und normalerweise auch nicht hinnehmbar waere!), erzeugt er einen voellig falschen Eindruck von diesen Kursen. Da wird von Freifallrettungsbooten gefaselt, die es im Wesentlichen nur auf Bohrinseln gibt (diese Uebung wird nach Genickproblemen einzelner Teilnehmer heute zum Teil gar nicht mehr durchgefuehrt). Kein Wort dagegen ueber die wesentlich praxisnaeheren Uebungen z.B. zum aufrichten und besteigen einer Rettungsinsel, die mit Sicherheit zum Programm gehoerten. Keine "Erste Hilfe" in diesen Kursen? Bei uns hat das 1,5 Tage in Anspruch genommen, inklusive praktischer Uebungen mit realistisch praeparierten "Opfern". Neben der Brandbekaempfung (hach wie spektakulaer) mit Feuerloescher gab es doch sicher auch eine Orientierungsuebung mit Fluchthaube im dunklen Container? Das ist naemlich das Szenario welches die Leute koennen muessen: Gaeste bei Dunkelheit, Qualm und Panik zur Musterstation fuehren. So lustig diese Kurse fuer die Teilnehmer auch sind (ich habe meine auch genossen), unwichtig, niveaulos oder laecherlich sind sie nicht, und genau diesen Eindruck erzeugt leider der Artikel. Im uebrigen haette mich wesentlich mehr interessiert, wie die Teilnehmer da so ran gehen, als wie sich der total unrepraesentative Ausbilder geriert.
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