Beruf Kriminalbiologin Im Zwiegespräch mit dem Tod

Wenn Maden und Fliegen sich zum Leichenschmaus treffen, schaut Kristina Baumjohann genau hin. Die einzige selbständige Kriminalbiologin Deutschlands untersucht Insekten auf verwesenden Kadavern. Gestandenen Polizisten graut es davor, sie hat keine Probleme: "Die Leute sind ja tot."

Fritz Habekuß

Schlecht geträumt hat Kristina Baumjohann bislang noch nicht, zumindest nicht wegen Leichen. Und so geht die Kriminalbiologin auch an diesem Vormittag im Mai munter und zielstrebig dem toten Körper entgegen, der seit gut zwei Wochen vor sich hin modert. Auf dem Weg zum Fundort bleiben die Beine in Himbeersträuchern hängen, das kniehohe Gras ist feucht vom Tau, das Wetter schwül. Madenklima. "Was ist denn hier los? Das ist ja cool", ruft die 33-Jährige als sie vor der Leiche kniet.

Außer Maden sitzen auch schwarze Aaskäfer auf dem Kadaver - ein totes Ferkel, das Baumjohann für Forschungszwecke ausgelegt hat. Die Anzahl der Käfer auf einer recht jungen Leiche seien ungewöhnlich, die Literatur sage etwas anderes, erklärt Baumjohann. Sie hebt das Ferkel an. Die Tierleiche ist über und über mit Fliegeneiern bedeckt. Aus ihnen werden in den kommenden 24 Stunden Maden schlüpfen, die das verwesende Fleisch mit ihren scharfen Mundwerkzeugen abraspeln.

Der Tod macht sich durch stechenden Verwesungsgeruch bemerkbar, es wimmelt auf dem Ferkelleib nur so von Leben: Neben den Maden, die auf der Haut, in der schwarzen Mundhöhle und zwischen den Beinen sitzen, krabbeln und fliegen eine Reihe anderer Arten.

Ein paar hundert Leichen, darunter heftige Fälle

Die Körper von Schweinen und Menschen ähneln sich im Zersetzungsprozess. Daher sind sie ein gutes Modell für die Biologin, die über die Verwesung von Ferkeln im ländlichen Gebiet und in der Stadt promoviert. Die Schweine sind schon tot, wenn sie zu Baumjohann kommen. Pro Versuchsreihe nimmt sie drei Tiere, eines ist nackt, eines bekleidet, eines verbrannt. Dann werden sie ausgelegt, zum Schmaus für Fliegen und Käfer. Drahtgestelle schützen sie vor größeren Tieren. Ferkelfee oder Schweineprinzessin nennen ihre Kollegen sie wegen der Versuche manchmal, Baumjohann mag die Spitznamen. "Ist doch nett."

Wenn sie nicht gerade Ferkel seziert, kümmert sich die selbständige Kriminalbiologin um menschliche Leichen. Ein paar hundert hat sie schon gesehen, darunter heftige Fälle: Tote, die erst nach Wochen gefunden wurden, verwahrloste Alkoholiker, die tagelang unentdeckt in ihrer Wohnung lagen. Die Geschichten hinter den Fällen sind oft traurig und grausam. Baumjohann blendet das bei ihrer Arbeit weitgehend aus. "Ich will nicht an jedem Tag in irgendwelche Abgründe blicken", sagt sie.

Vielmehr interessieren sie die kleinen Tiere mit den sechs Beinen und die Geschichten, die sie zu erzählen haben: "Ich bin im Zwiegespräch mit dem Tod, die Insekten sind die Souffleure des Todes." Art und Größe der Maden zeigen ihr, wie lange die Leiche schon dort lag und ob sie womöglich von einem Ort an einen anderen gebracht wurde. Oder ob pflegebedürftige Menschen von ihren Betreuern vernachlässigt und schon zu Lebzeiten von Insekten befallen wurden. So können mithilfe von Baumjohanns Gutachten Todesfälle rekonstruiert und aufgeklärt werden.

Gestandene Polizisten trauen sich oft nicht an Faulleichen heran

Polizei und die Rechtsmedizin sind ihre Auftraggeber, aber auch Anwälte, die an der Beweissicherung der Polizei zweifeln. Baumjohann arbeitet selbständig, eine Ausnahme unter Kriminalbiologen. Außer ihr arbeitet in Deutschland nur Kollege Mark Benecke so. Die Verdienstmöglichkeiten für Freiberufler sind gering, von einem Gehalt wie im Öffentlichen Dienst kann sie nur träumen. Dafür hat sie Abwechslung, die ihr die Polizeiarbeit nicht bieten könnte. Während Polizisten vor allem den Einzelfall betrachten, arbeitet Baumjohann stärker wissenschaftlich orientiert.

Selbst gestandene Polizisten trauen sich oft nicht an Faulleichen heran, und so ist auch Baumjohann ihnen nicht geheuer, wenn sie mit Sammelgläschen und Pinzette anrückt, um die Maden einzusammeln. Ihre Arbeit werde mit allerhand falschen Klischees verbunden, sagt sie. Zum Beispiel stimmt es nicht, dass Maden nach dem Leichenschmaus in südliche Richtung wandern. Das muss sie oft aufklären. Die Theorie kommt bei Thriller-Autor Simon Beckett vor. Selbst Polizisten, vor denen Baumjohann Vorträge hält, fragen danach.

Doch was muss man mitbringen, um als Kriminalbiologe zu arbeiten? Keine Scheu vor Leichen reicht nicht als Berufsqualifikation. Wer sich für die forensische Entomologie, die Insektenkunde, interessiert, muss die krabbelnden und fliegenden Sechsbeiner mögen. "Ist das nicht toll?", fragt Baumjohann, als sie einen riesigen Aaskäfer auf ihrer Hand krabbeln lässt. Das Tier will vor ihr fliehen, Baumjohann ist schneller und setzt ihn vorsichtig wieder auf das tote Ferkel zurück.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DieButter 28.07.2012
1. optional
Interessant, die praktische Arbeit einer Doktorandin in einem Artikel präsentiert zu bekommen, der die Leute "schockieren" soll. Ich wünsche der Doktorandin viel Erfolg und den Lesern mehr Erfahrung, was Wissenschaft bedeutet.
kaigue 29.07.2012
2. Maden?
Klingt stark nach Mark Benecke. Kann ich nur empfehlen, sich mal einen Vortrag von ihm anzuhören.
adsum 29.07.2012
3. Atomistische betrachtet,
Zitat von sysopFritz HabekußWenn Maden und Fliegen sich zum Leichenschmaus treffen, schaut Kristina Baumjohann genau hin. Die einzige selbstständige Kriminalbiologin Deutschlands untersucht Insekten auf verwesenden Kadavern. Gestandenen Polizisten graut es davor, sie hat keine Probleme: "Die Leute sind ja tot." http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,843402,00.html
besteht unsere Natur aus Atomen, Molekülen, Neutronen, Elektronen und anderen noch exotischeren Elementarteilchen, und die sind für sich betrachtet nicht eklig, auch wenn manche Moleküle recht eklig stinken, ja und manche können Krankheiten erzeugen und sind sogar tödlich giftig, keine Frage. :-(((
unverblendet 30.07.2012
4. Klischee
In der Regel sind es zuerst Polizeibeamte, die Fundorte solcher Leichen recht intensiv erleben. Denn üblicherweise sind gerade bei stark verwesten Leichen die den Tod bescheinigenden Aerzte nicht in der Lage, zwischen natürlicher oder unnatürlicher Todesart zu unterscheiden. Das ruft zwingend die Kripo auf den Plan. Dazu kommt häufig die Identifizierungsarbeit, vor allem bei Fundorten im Freien. Das ist alles Routinearbeit der Polizei. Angenehm ist sie nicht, das sagt aber auch die Kriminalbiologin nicht. Das schliesst aber nicht aus, dass die Arbeit faszinierend ist. Ab einen Tenor zu wählen, der quasi aussagt: Hoppla, jetzt komme ich. Fragwürdig. Mich würde interessieren, mit wie vielen der hart gesottenen Polizeibeamten der Jungautor wohl gesprochen hat.
cassandros 30.07.2012
5. Maden in Germany
Zitat von DieButterInteressant, die praktische Arbeit einer Doktorandin in einem Artikel präsentiert zu bekommen, der die Leute "schockieren" soll. Ich wünsche der Doktorandin viel Erfolg und den Lesern mehr Erfahrung, was Wissenschaft bedeutet.
Auf welchen Artikel bezieht sich Ihr Beitrag? Bei "Beruf Kriminalbiologin: Im Zwiegespräch mit dem Tod" kommt keine Doktorandin vor! "Wenn sie nicht gerade Ferkel seziert, kümmert sich die _selbständige_ Kriminalbiologin um menschliche Leichen. .... Baumjohann arbeitet _selbständig_, eine Ausnahme unter Kriminalbiologen. ..."
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.