Kündigen für Fortgeschrittene Der Werbewicht muss weg

Ob schlechte Nachrichten oder Weihnachtsgeschenke - auf die Verpackung kommt's an. Als Fuchs unter den Mittelmanagern weiß Achtenmeyer: Notfalls kann man alles umtauschen. Bücher, Schmuck, sogar Mitarbeiter.

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Eine Karriere-Glosse von


Die Festtage sind vorüber, damit auch der Harmonie-Overkill. Alle Sätze in Watte gepackt, Rücksichtnahme und frohe Wünsche allüberall. Stille Nacht und Friede auf Erden. Achtenmeyer ist von Jahr zu Jahr mehr davon genervt. Den ganzen Dezember über steht das Business praktisch still, weil alle nur noch nett zueinander sind.

Sogar Dr. Karl: Erst stellte er Achtenmeyer einen Schoko-Nikolaus auf den Schreibtisch ("Frohes Fest! Mit freundlichen Grüßen, Dr. Karl"). Dann gestattete ihm sein Vorgesetzter auch endlich, Peters einzustellen. Das junge Marketing-Talent, das Achtenmeyer im Sommer bei einem Kongress kennenlernte. Von Haus aus Werber, dennoch mit irritierend selbstbewussten Gehaltsvorstellungen. Weshalb Dr. Karl Achtenmeyer ein halbes Jahr lang Stegreif-Vorträge über das angespannte Budget in 2015 hielt und Peters als "arroganten Werbewicht" vom Tisch fegte. Kurz vor Heiligabend dann eine dürre Mail der Personalabteilung: Peters ist bewilligt.

Es war Achtenmeyers schönstes Weihnachtsgeschenk; im Überschwang kaufte er seiner Frau endlich die sündhaft teure Perlenkette, um die er seit Wochen herumschlich. Sicher, eine höhere vierstellige Summe ist auch für einen Mann in Achtenmeyers Position kein Pappenstiel. Aber mit dem üppigen Bonus, der ihm dank Peters' brillanten Einfällen für 2015 jetzt schon so gut wie sicher ist, wird er das locker wieder rausholen.

"Perlen? Sehe ich aus wie eine alte Frau?"

Alles also in bester Ordnung unterm Tannenbaum. Und weil Achtenmeyer damit selbst dem Harmonie-Virus zum Opfer gefallen war, befand er sich geradewegs auf Schussfahrt in die Katastrophe. "Perlen? Sehe ich aus wie eine alte Frau?", schrie die Gattin entsetzt, als sie das Päckchen öffnete. Achtenmeyer sagte nichts, wusste aber: Ihn erwartete eine weitere schmerzvolle Expedition in die Gedankenwelt seiner Frau im Speziellen sowie des Lebens als Ehemann im Allgemeinen.

Perlenketten, fuhr die Gemahlin in einem Ton fort, an dem die Wut zerrte wie ein Dobermann in der Metzgerei, Perlenketten seien das klassische Accessoire älterer Damen mit noch älterem Geld. Von beidem sei sie ja wohl himmelweit entfernt, fuhr sie mit Salzsäure in der Stimme fort. Leise warf Achtenmeyer ein, der Preis sprenge durchaus das übliche Budget für ein "Accessoire", doch seine Frau pfefferte die Kette auf den Boden und stürmte hinaus. "Brillanten wären's gewesen, du Trottel", war noch zu hören, bevor die Tür ins Schloss knallte.

Das war vor zwei Wochen. Jetzt ist Januar, die Geschenke werden umgetauscht, das Business startet wieder mit voller Kraft. Es ist traditionell der Monat der Korrekturen und des Neuanfangs. Achtenmeyer hat zwei Punkte auf der Agenda: Perlen zu Diamanten machen. Und Peters wieder loswerden.

Weg mit dem Ehrgeizling

Der einstige Hoffnungsträger hat heute zwar erst seinen dritten Arbeitstag, doch Achtenmeyer ist klar: Der muss weg. Sicher, er ist brillant. Wohl eine Spur zu brillant, zumindest für einen Konzern, in dem nicht alle "Hurra!" schreien, wenn jemand eine neue Idee hat. Sondern eher "Das kriegen wir oben doch nie durch!" Kurz: Peters will einfach zu viel zu schnell, er passt nicht rein. Nicht in den Konzern, nicht ins Team. Schon gar nicht zu Achtenmeyer, der es in vielen Jahren als corporate guy zu einer gewissen Exzellenz in der Disziplin "dicke Bretter bohren" gebracht hat und sein standing jetzt nicht von einem jungen Ehrgeizling ruinieren lassen möchte.

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Nur: Wie soll er das Peters verklickern? Vielleicht hilft es, wenn er seine beiden Probleme kombiniert? So bittet Achtenmeyer Peters, die Perlenkette umzutauschen. "Manchmal passt es einfach nicht, egal ob Schmuck oder auch, sagen wir mal, im Job", fügt er betont deutlich hinzu. "Das hat gar nichts mit der Person oder der Perlenkette selbst zu tun, sondern einfach mit der Chemie. Wichtig ist, dass man die Entscheidung dann schnell korrigiert, verstehen Sie?"

Achtenmeyer hofft inständig, Peters möge den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, von sich aus kündigen und ihm so die Peinlichkeit zu ersparen, besonders vor Dr. Karl. "Ach ja, Peters? Nehmen Sie bitte die Brillanten eine Nummer kleiner. Ist nicht schlimm, wenn sie weniger kosten als die Perlen", ruft er ihm noch hinterher.

Eine Stunde später hat Peters zurück den Auftrag vorbildlich erledigt. Vor Achtenmeyer funkelt eine Brillantenkette wie zwei Dutzend Kometen. Macht deutlich mehr her als die Perlen, war aber sogar noch ein paar Hundert Euro günstiger. Wortlos blättert Peters die Scheine auf den Tisch. Dann sagt er: "Übrigens, ich kündige."

Achtenmeyer ist perplex; dass seine Hinweise derart schnell Früchte tragen würden, hätte er nicht gedacht. Doch Peters nennt ganz andere Gründe: "Ich weiß sehr zu schätzen, dass Sie mich geholt haben. Aber das Tempo hier ist nicht meins. Und ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei einem Unternehmen, in dem ein Mann Ihrer Seniorität um ein paar Hundert Euro beim Weihnachtsgeschenk für seine Frau feilschen muss."

Lessons learned

1) Small ist beautiful: Wer von einer kleinen Firma in eine große wechselt, wird meist feststellen, dass alles etwas langsamer und komplizierter abläuft. Das führt nicht zu schlechteren Ergebnissen und steht einem Wechsel auch nicht im Wege. Aber man sollte es sich vorher bewusst machen.

2) Vorbild Führungskraft: Einer der häufigsten Kündigungsgründe von Mitarbeiterseite aus ist Unzufriedenheit mit dem Vorgesetzten. Führungskräfte sollten immer bedenken: People join companies - but leave managers.

3) Jahresschlusspanik: Vor Weihnachten drängeln sich Entscheidungen, alle wollen alles noch rasch erledigen. Vorsicht: Das führt nicht immer zu den klügsten Schritten. Die wenigsten Manager-Entscheidungen lassen sich so einfach korrigieren wie ein geschenkter Pullover in der falschen Größe.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
lini71 07.01.2015
1. superklasse geschrieben
Selten so gelacht, und immer dabei gedacht, ja dass passt auch zu unser firma
Leser161 07.01.2015
2. Da ist was Wahres dran
"People join companies - but leave managers" Es gibt viel zu wenig kompetente Führungskräfte. Als Mitarbeiter bin ich darauf angewiesen, das meine Arbeit bemerkt wird. Im positiven wie im negativen Sinne. Nichts ist schlimmer als wenn man feststellt, dass man eigentlich auch die Füsse hochlegen könnte ohne das es was am Feedback des Chefs ändert. Weil er entweder ein Motzhansel ist oder ein Allesgutfinder.
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