Management trifft Mensch Da hilft nur rausschmeißen, oder?

Wenn Mitarbeiter unbequem werden, fällt Unternehmen meist nur die Kündigung ein. Dabei bieten solche Phasen ganz andere Chancen - für alle Beteiligten. Aber dafür fehlt es meist an Mut oder Vertrauen.

Kündigungsschreiben
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Eine Kolumne von


Was Fachwissen angeht, macht Markus keiner was vor. Kaum jemand versteht mehr von diesem Feld, das alle immer "das nächste große Ding" nennen und von dem in Wahrheit kaum jemand weiß, wie es funktioniert. Außer Markus natürlich. Dem Mann mit der Doppelpromotion und dem verschusselten Zerstreuter-Professor-Auftritt.

Womit gleichzeitig schon Markus' Problem benannt wäre. Denn so brillant er fachlich ist, so schwierig ist er im sozialen Umgang. Markus findet nötige Routinearbeiten öde. Er findet auch die meisten Kollegen "nicht besonders inspirierend", wie er sagt. Das beruht allerdings auf Gegenseitigkeit: Ausnahmslos jeder, der länger als zwei Stunden mit Markus in einem Raum saß, ist anschließend zum Abteilungsleiter gerannt und hat um einen neuen Arbeitsplatz gebeten. Es ist ein Dilemma: Fachlich profitiert die Abteilung von niemandem mehr als von Markus - doch seine Wirkung auf den allgemeinen Workflow, vom Arbeitsklima gar nicht erst zu reden, kann nur mit destruktiv beschrieben werden. Wohin also mit Markus?

Belohnung für die Schrullen?

Eine Führungsposition ist ausgeschlossen. Auch Markus von den Routinejobs zu befreien und in einem Einzelbüro vor sich hinbröckeln zu lassen, würde für Unfrieden unter allen anderen Mitarbeitern sorgen. Sinnvoll wäre eine Art herausgehobene Expertenposition - doch die ist nicht darstellbar, weil der Abteilungsleiter - zu Recht - heftige Proteste der Kollegen befürchtet, nach dem Motto: "Jetzt wird der für seine Schrullen auch noch belohnt!"

Also wählt der Abteilungsleiter den Weg des geringsten Widerstands: Er einigt sich mit Markus auf eine Trennung. Knappes Gespräch, üppige Abfindung, keine lange Erklärung, bloß kein Streit.

Talentmanagement und Talententwicklung - das sind die zentralen Schlagworte in Zeiten des Fachkräftemangels. Unternehmen geben Unsummen aus, um ihr Arbeitgeberimage nach außen auf Hochglanz zu polieren und für die besten Talente attraktiv zu sein. Doch wenn es zum Schwur kommt, versagen sie oft - dabei gäbe es gerade in kritischen Situationen viel zu gewinnen. Zum Beispiel bei Kündigungen.

Wenn es stimmt, dass wir immer öfter den Job wechseln, dann werden auch Kündigungen immer alltäglicher, durch den Mitarbeiter selbst, aber auch durch das Unternehmen. Sie werden vom Ausnahmefall zum Normalfall - und die Unternehmen wären gut beraten, sie professionell zu managen. Doch die meisten sind davon weit entfernt.

Wenn ein Mitarbeiter kündigt, reagieren Firmen entweder nüchtern-erleichtert (wenn er okay oder so lala performt hat) oder beleidigt (wenn er super war). In beiden Fällen lässt das Unternehmen Chancen liegen - nämlich aus einem So-lala-Performer einen Supermitarbeiter zu machen (was oft günstiger wäre, als jemanden neu zu suchen). Oder einen Leistungsträger zu halten, indem Wechselmotive früh erkannt werden und gegengesteuert werden kann.

Gekündigt wird bevorzugt Freitags

Kündigt dagegen das Unternehmen selbst, sieht es oft noch schlechter aus, wie Manuela Richter in einem Interview mit dem "Human Resources Manager" erklärt: "Die Unternehmen sind noch zu sehr darauf bedacht, den Trennungsprozess rechtssicher zu machen und schauen dabei zu wenig auf das Zwischenmenschliche", sagt die Psychologin, die an der Universität des Saarlands zum Thema Kündigungen forscht.

Zu wenig Führungskräfte führten das Kündigungsgespräch auf "wertschätzende Art"; 15 Prozent der in einer Studie zum Thema Befragten bereiten sich noch nicht einmal darauf vor. Gekündigt wird bevorzugt Freitags - da hat man dann erst mal zwei Tage Ruhe vor nervigen Rückfragen und Klagen der Betroffenen.

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Im Netz das gleiche Bild: Texte zum Thema konzentrieren sich beinahe ausschließlich auf arbeitsrechtliche Fragen: bloß keine Formfehler machen, bloß alles rechtlich absichern. Alternativen, menschliche Seite, Empathie? Fehlanzeige.

Hier liegen enorme Chancen brach. Gerade in Sonder-, Krisen- und Umbruchsituationen prägt sich das Bild, das Menschen von ihrem Arbeitgeber haben - und das sie über ihre Netzwerke verbreiten. Inzwischen legen Unternehmen enormen Wert gerade auf diese inoffizielle Art des Employer Brandings. Bei Recruiting-Themen etwa werden gerne "echte" Mitarbeiter einer Firma gezeigt, die von deren "echten" Vorzügen schwärmen, ganz authentisch eben.

Bei der Kündigung - genauer gesagt: dem möglichst fairen und professionellen Umgang mit ihr - wäre nun die Gelegenheit, mit einer menschlich sauberen Vorgehensweise für sich zu werben und damit ein wirklich echtes Testimonial zu gewinnen - doch die Möglichkeit wird vertan, weil zwischen Paragrafen abarbeiten und Unlust der Führungskraft kein Raum dafür bleibt. Schade.

Und Markus? Der ist inzwischen bei einem Mittelständler untergekommen. Er ist jetzt "Senior Expert Irgendwas", von Meetings und anderen Tagesgeschäftsdingen weitgehend befreit und bröckelt in seinem Einzelbüro rum. Die Geschäftsführung vertraut darauf, dass sich die kreative Lösung irgendwann auszahlt. Bei Markus' vorherigem Arbeitgeber, dem multinationalen Konzern, mochte dieses Vertrauen keiner aufbringen. Oder den Mut, je nachdem.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
gsfx 06.07.2017
1. Mittelständler sind eben besser und mutiger als Konzerne
Konzerne sind Behörden. Und zahlen oft noch wenig Steuern. Mittelständler sind da überzeugender. Und mutiger auf jeden Fall...
cosmose 06.07.2017
2.
Zitat von gsfxKonzerne sind Behörden. Und zahlen oft noch wenig Steuern. Mittelständler sind da überzeugender. Und mutiger auf jeden Fall...
Da gebe ich Ihnen recht. Nach 2 Jahren in einem großen Krankenhaus-Konzern habe ich wieder zurück in den Mittelstand gewechselt. Hier sind die Aufstiegschancen zwar geringer, aber ich habe Spaß an der Arbeit und kurze Entscheidungswege. Wenn der Schuh drückt, sitzt die GL nur ein Stockwerk tiefer...
mcpoel 06.07.2017
3. Workflow...
... ist Englisch und heißt wörtlich übersetzt "Arbeitsablauf". Im Zusammenhang könnte man es auch mit "Zusammenarbeit" übersetzen. Hat man bei SPON die eigene Sprache schon verlernt...?
lachender lemur 06.07.2017
4. Eigene Sprache
Zitat von mcpoel... ist Englisch und heißt wörtlich übersetzt "Arbeitsablauf". Im Zusammenhang könnte man es auch mit "Zusammenarbeit" übersetzen. Hat man bei SPON die eigene Sprache schon verlernt...?
Das Deutsche, fass Sie das die "eigene Sprache" nennen, hat keine Worte für moderne Fachbegriffe, die im Englischen Sprachraum entstehen. So auch "workflow", was bei Arbeitsteilung den Fluß von nur teilfertiger Arbeit zwischen den am Endprodukt beteiligten beschreibt. Das hat nur sehr begrenzt etwas zu tun mit den im Deutschen bereits abschließend definierten Worten "Arbeitsablauf" (prozedural, kann auch einen Einzelnen betreffen ohne jede Arbeitsteilung) oder "Zusammenarbeit" (was extrem allgemein gehalten ist und sich nicht konkret mit der Art der Übergabe von Zwischenprodukten befasst).
w.weiter 06.07.2017
5. Schöner Konter.
Zitat von lachender lemurDas Deutsche, fass Sie das die "eigene Sprache" nennen, hat keine Worte für moderne Fachbegriffe, die im Englischen Sprachraum entstehen. So auch "workflow", was bei Arbeitsteilung den Fluß von nur teilfertiger Arbeit zwischen den am Endprodukt beteiligten beschreibt. Das hat nur sehr begrenzt etwas zu tun mit den im Deutschen bereits abschließend definierten Worten "Arbeitsablauf" (prozedural, kann auch einen Einzelnen betreffen ohne jede Arbeitsteilung) oder "Zusammenarbeit" (was extrem allgemein gehalten ist und sich nicht konkret mit der Art der Übergabe von Zwischenprodukten befasst).
To flow = fließen, strömen, auch wallen. Arbeit soll fließend "von der Hand gehen", die Freude an der auszuführenden Arbeit soll einen Menschen durchströmen, ihn/sie aus Freude am Produkt/der Firma gerne durchwallen. Das ist wohl "win/win". In großen Firmen gibt es meist nur "---/win". Sehr viele Klein-, und Mittelbetriebe "leben", Gott sei Dank, die "win/win"-Philosophie. Für beide Saiten gut. ;-) Odah?
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