Ameisenbären-Forscherin in Brasilien "Ich war sofort verzaubert"

Brasilien? Nie gewesen. Ameisenbär? Nie gesehen. Über Nacht wurde Lydia Möcklinghoff zur Tierforscherin. Das halbe Jahr lebt sie nun in Südamerika, schlägt sich mit der Machete durchs Gestrüpp, wird von Wasserbüffeln attackiert - und vom Forschungsobjekt ignoriert.


"Neulich bin ich barfuß im Bad auf einer Fledermausleiche ausgerutscht. Vor der Tür kämpfen Füchse um meine Schuhe, im Spülkasten der Toilette singt ein Frosch ein heiteres Lied, und wenn sich wieder Wildschweine durch die Vorgärten wühlen, kommt der Cowboy nebenan schon mal im Schlafanzug aus dem Haus und schießt mit dem Gewehr in die Luft.

Willkommen in meinem Alltag, willkommen in Brasilien! Ich bin Forscherin im Pantanal, einem riesigen Feuchtgebiet im Westen des Landes, vier Stunden von der nächsten Stadt entfernt. Auf einer Rinderfarm untersuche ich das Verhalten Großer Ameisenbären.

Sie sind die merkwürdigsten Säugetiere Südamerikas: groß wie ein Schäferhund, mit buschigem Schwanz, langer Schnauze und einer 60 Zentimeter langen Zunge. Sie ernähren sich ausschließlich von Termiten und natürlich Ameisen. Sonst ist nahezu nichts über ihre Lebensweise bekannt. Das ist schlecht, wenn man sie vor dem Aussterben bewahren will. Und da komme ich ins Spiel.

Feldforschung ist super, aber mies bezahlt

Sechs Monate im Jahr schlage ich mich durchs brasilianische Dornengestrüpp, um herauszufinden, was der Ameisenbär zum Überleben braucht. Geld gibt es kaum - meine Kosten trägt eine deutsche Stiftung. Das würde gerade so reichen, müsste ich davon nicht noch Flüge und Materialkosten zahlen. Öffentliche Gelder für ökologische Feldforschung sind knapp.

Daher sage ich jedem, der vor Neid erblasst, wenn ich von meinem Beruf erzähle: Ja, es ist ein phantastischer Beruf und eine unglaublich tolle Erfahrung. Aber es ist eine bewusste Entscheidung gegen Geld. Das muss man können und hinnehmen. Und ja: Bei allem Idealismus nervt mich meine 19-Quadratmeter-Wohnung in Köln manchmal enorm.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wie man Ameisenbärenforscherin wird? Purer Zufall. Nach meinem Grundstudium in Biologie wechselte ich an die Uni Würzburg, dort konnte man Tropenökologie und Verhaltensbiologie studieren. An der neuen Uni kam ich in keinen Kurs - alle überfüllt. Die Stadt fand ich ungemütlich.

Von Würzburg ab in die Hitze der Savanne

Da sah ich einen Aushang: 'Wer kann sofort nach Brasilien fliegen? Praktikum zur Ökologie des Großen Ameisenbären.' Mir war alles egal, Hauptsache weg. Brasilien? Nie da gewesen. Ameisenbären? Nie gesehen. Wenige Tage danach saß ich vollgepumpt mit Impfstoff im Flieger, bald darauf stand ich in der Hitze der Savanne neben meinem ersten Ameisenbären.

Kurzsichtig und taub, wie der Ameisenbären nun mal ist, lief er direkt an mir vorbei. Ich war sofort verzaubert. Seitdem bin ich am Ameisenbären hängen geblieben, diesem merkwürdigen Tier, das sich irgendwie in einem Paralleluniversum aufzuhalten scheint - und mit ihm auch an Brasilien.

Erst Praktika, dann die Diplomarbeit, und aus wenigen Sätzen Portugiesisch, die für Unterhaltungen über Bier und Angela Merkel reichten, wurde langsam mehr. Die brasilianischen Kollegen, die ich für dubiose Schlitzohren hielt, sind längst Freunde. In Deutschland promoviere ich inzwischen am Zoologischen Forschungsmuseum Koenig in Bonn. Die Hälfte des Jahres verbringe ich aber in diesem Tierparadies mit großer Schönheit und wilder Natur. Die traditionelle Wirtschaftsform ist nachhaltige Rinderzucht: Hier gibt es tatsächlich noch Cowboys mit Hut, Pferd, Stiefeln und Lasso.

Diese Kultur wird von den stillen, verschlossenen Menschen im Pantanal, den Pantaneiros, bewahrt. Sie haben so gar nichts zu tun mit den Brasilien-Klischees von runden Hintern in bunten Tangas, Caipirinhas, Strand und wildem Samba.

Mit der Machete durch den Dornenwald

Auf der Farm, auf der ich arbeite, gibt es zusätzlich zur Rinderzucht eine kleine Lodge für naturbegeisterte Ökotouristen. Beruflich herrscht bei den Familien noch klare Geschlechtertrennung: Die Männer arbeiten mit den Rindern, die Frauen in der Lodge. Als Forscherin hänge ich dazwischen: einerseits unbestritten eine Frau - deshalb darf ich die Küche betreten. Andererseits schnalle ich mir morgens wie die Männer meine Satteltasche aufs Pferd und reite mit der Machete am Gürtel ins Feld.

Was ich als Ameisenbärenforscherin den ganzen Tag treibe? Klar, ich suche Ameisenbären, habe ein Fotoregister mit allen mir bekannten Individuen angelegt und kann sie anhand ihrer Fellzeichnung unterscheiden. Außerdem stelle ich Kamera-Fallen auf, die automatisch auslösen, wenn ein Säugetier vorbeiläuft. Ihre Positionen sind meist nicht leicht zu erreichen. Teilweise muss ich 15 Kilometer mit dem Pferd reiten und mich die letzten 500 Meter mit der Machete durch den dichten Dornenwald schlagen.

Nebenbei vermesse ich noch Kratzbäume, denn Ameisenbären kratzen an Bäumen und hinterlassen dabei Duftmarkierungen für Artgenossen. Ein Verhalten, das ich entdeckt habe. Ich versuche jetzt herauszufinden, welche Informationen dabei ausgetauscht werden.

Das hört sich unspektakulär an. Dabei bin ich mal fast draufgegangen: Als ich gerade die Duftmarken an einem Baum vermaß, attackierte mich plötzlich ein Wespenschwarm. Ich rannte davon, nur raus aus dem Wald. Dummerweise galoppierte von vorn eine aggressive Horde Wasserbüffel auf mich zu. Hinter mir der Wald und die Wespen, vorn die Büffel, dazwischen mein Maultier - meine einzige Chance. Ich rannte, die Büffel rannten auch. Ich war schneller, band die Schnur los, sprang auf, galoppierte davon. Mein Hut flog vom Kopf. Egal! Ich hatte sie endlich abgehängt. Wespen wie Büffel. Puh.

Solche Abenteuer erlebt man als Ameisenbärenforscherin, wenn man wissenschaftlich nicht im Büro arbeitet, sondern irgendwo in der fremden Wildnis. Kultur- und Naturschock gibt es dabei gratis dazu."

Kulturschock

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
uchawi 25.06.2013
1. Schönen Gruß an die Fotoredaktion
Der "Ameisenbär" auf Foto drei trägt zwar tatsächlich sein Junges auf dem Rücken, ist aber ein Wasserschwein (Capybara). Eigentlich eher schwer zu verwechseln ...
KeinZoologe 25.06.2013
2. Bild 3 der Bilderstrecke...
... zeigt eindeutig keinen Ameisenbär mit seinem Jungen auf dem Rücken. Es handelt sich vielmehr um ein Capybara (Wasserschwein).
bafibo 25.06.2013
3. ... und auf Bild 4 der Bilderstrecke ...
... sind "links vorne" auch nur männliche Wesen zu entdecken, aber keine Forscherin.
Olaf 25.06.2013
4.
Zitat von uchawiDer "Ameisenbär" auf Foto drei trägt zwar tatsächlich sein Junges auf dem Rücken, ist aber ein Wasserschwein (Capybara). Eigentlich eher schwer zu verwechseln ...
Deshalb hier noch mal für die Redaktion: So sieht ein richtiger Ameisenbär aus. (ein Weibchen). die blaue Elise (http://www.trickfilmwelt.de/elise.htm)
uchawi 25.06.2013
5. Ömmm ... nicht ganz ...
Zitat von OlafDeshalb hier noch mal für die Redaktion: So sieht ein richtiger Ameisenbär aus. (ein Weibchen). die blaue Elise (http://www.trickfilmwelt.de/elise.htm)
Mitnichten, lieber Mit-Forist. Die blaue Elise ist (auch wenn's in der deutschen Übersetzung gelegentlich falsch gesagt wird) ein Erdferkel. Im englischen Original heißt sie dann auch so: "The Aardvark". Und ist dort übrigens ein (namenloser) Kerl. :o)
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