Hauptsache Flecken Die Schmuddel-Spezialistin

Jacken oder Kleider mit Farbe bespritzen, in Erde wälzen, per Schere durchlöchern - für Sabine Kubat ein perfekter Tag mit Drecksarbeit. Als Patiniererin beschmutzt sie Klamotten für Filme oder eine "Tatort"-Folge. Oder verpasst einem Hipster schön schäbige Schuhe.

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Als Sabine Kubat dem Mann vom Arbeitsamt ihre Rechnungen präsentierte, starrte er sie fassungslos an. Dutzende Packungen Babypuder und -öl, Kaffee, Haarspray und Heilerde, Vaseline, Latex und einen Betonmischer hatte sie gekauft. "Wollen Sie mich verarschen?", entfuhr es dem Berater. Nein, wollte sie nicht. Sie hatte nur ihre Werkstatt ausgestattet, den ersten Schritt in die Selbständigkeit getan.

Mit Vaseline werden Hemden schön speckig, das Öl mit Heilerde ergibt prima Modderflecken, der Betonmischer verteilt den Dreck schnell und ungleichmäßig, und dank Latex überlebt der Modder sogar die Wäsche. Patinieren nennt man das in der Fachsprache: Kleider dreckig machen.

Der Beruf dazu trägt in der Klassifikation der Bundesagentur für Arbeit die Nummer 24382 und steht im alphabetischen Verzeichnis zwischen Pathologie-Assistent und Patissier Commis. Das passt eigentlich ganz gut. Wie eine Pathologin muss sich Sabine Kubat, 35, häufig mit Leichen beschäftigen: Wie sieht die Wunde aus? Welche Flecken auf Hemd und Hose sind realistisch? Und wie ein Patissier rührt sie dazu Pasten mit Lebensmittelfarbe an. Die Ergebnisse kann man dann zum Beispiel im "Tatort" sehen.

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Prüfstaub: Dreck nach DIN-Norm
"Die meisten Aufträge bekomme ich für Krimis und Historienfilme", sagt Kubat. "Da fällt sofort auf, wenn die Kleidung picobello ist, das passt einfach nicht." Gerade hat sie fünf graue Jacken hereinbekommen. Im Film gehören sie einem Bauern, sein persönlicher Niedergang soll sich in den Kleidungsstücken spiegeln - je desillusionierter der Mann, desto kaputter die Jacke.

Die erste Version soll nur leichte Patina haben, bei der zweiten sind die Löcher sorgfältig gestopft, bei der dritten lösen sich die Flicken auf. Und weil selten in der chronologischen Reihenfolge gedreht wird, müssen die Kleider in allen Verfallsstadien gleichzeitig zur Hand sein. Einmal sogar in doppelter Ausführung, damit auch der Stuntman eingekleidet werden kann.

Aber bitte keine echten Schweißflecken

Zweimal die gleichen Flecken an der gleichen Stelle auftragen, das findet Kubat ein wenig einfallslos. Sie kleckert, reißt, flickt lieber frei drauflos. Ganz ohne Regeln geht aber auch das nicht: Weil Stuntmen meist Ellbogen- und Schienbeinschützer tragen, achtet sie zum Beispiel darauf, dass die Kleider dort keine Löcher haben; im Film sollen die Schützer ja verborgen sein. Ist eine Nahaufnahme der Hand geplant, widmet sie sich dem Ärmelbündchen besonders intensiv. Wenn's ideal läuft, bekommt sie solche Infos vorab vom Regisseur. Sonst muss sie improvisieren: "Flecken auf dem Kragen lohnen sich eigentlich immer. Meist gibt es ja mindestens eine Großaufnahme des Gesichts."

Kubat hat in Berlin Modedesign studiert und nach ihrem Abschluss sieben Jahre lang als Garderobiere beim Film gearbeitet. So kam sie auch auf die Idee mit dem "Patinierdienst": Sie wurde immer wieder für ihre schönen Flecken gelobt. "Die meisten denken, als Garderobiere sei man so eine Art Zofe", sagt Kubat. "Tatsächlich kümmert man sich etwa darum, dass den Schauspielern nicht zu warm ist, aber immer auch mit dem Hintergedanken, dass sonst Schweißflecken entstehen."

Die Garderobiere hat dafür zu sorgen, dass die Kleider in jeder Szene so aussehen, wie sie aussehen sollen. Mal fleckig, mal sauber, zerrissen, ausgeblichen, faltig oder frisch gebügelt. Manche Hemden müssen zehn Drehtage lang blutverschmiert bleiben, obwohl sie jeden Abend gewaschen werden; andere müssen von einem auf den anderen Tag sauber glänzen.

250 Euro für die Schmuddelcouch

Kubat hat daher schon als Garderobiere viel mit Flecken und Fleckenlösern experimentiert: "Die Tipps werden von einem zum anderen weitergegeben. Wer zum ersten Mal eine bestimmte Optik erzeugen soll, braucht natürlich länger, als wenn man das täglich macht." Sie als externe Patiniererin zu beauftragen, ergebe für die Produktionsfirmen doppelt Sinn: "In der Zeit, in der ich die Kostüme bearbeite, kann die Garderobiere schon wieder etwas anderes machen. Das ist schneller und günstiger."

Eine halbe Stunde braucht Kubat, um ein Hemd zu patinieren, bei Sonderwünschen dauert die Arbeit aber auch schon mal mehrere Tage. Entsprechend unterschiedlich sind die Preise. Einmal rief eine Frau bei ihr an: Ob sie ihrer neuen Couch einen "Shabby Look" verpassen könne? Kubat ließ sich die Maße schicken, rechnete, kam im Kostenvoranschlag auf 250 Euro. Die Frau war geschockt - so viel Geld für ein bisschen Schmuddeloptik?

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Ausgestorbene Berufe: Die Wiedergänger
"Die meisten unterschätzen die Arbeit", sagt Kubat. "Als Stundenlohn wäre für mich kaum etwas übrig geblieben." Mit ein wenig Dreck sei es nicht getan - "die Optik soll ja gleichbleiben, die Löcher dürfen nicht weiter aufreißen, es darf nicht abfärben. Generell kann man sagen: Für Privatpersonen ist das zu teuer". Einmal hat sie trotzdem für einen Hipster einen Auftrag übernommen: Er wollte, dass seine neuen Lederschuhe wie alte aussehen - und sich auch so anfühlen. Mit Feile und Dehnungsschaum schaffte Kubat das in einer Stunde.

Sie schreibe jetzt, ein Jahr nach der Gründung, schon schwarze Zahlen, erzählt Kubat. Bei Großaufträgen engagiere sie sogar andere Freiberufler, meist erfahrene Garderobieren. Hauptberufliche Patinierer, die nebenher nicht noch als Kostümbildner oder Garderobiere arbeiten, sind schwer zu finden. "Dafür ist der Markt noch nicht da", so Kubat. Einfach mal in Urlaub zu fahren, das traut sie sich auch noch nicht: "Ich habe Angst, einen Auftrag zu verpassen."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.



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analyse 24.07.2013
1. Ihre Ausbildung hat sie in der SPD-Zentrale für Aufklärung
und Propaganda erfolgreich abgeschlossen.Im nWahlkampfteam war sie die Beste! Klar Satire,aber nicht so weit von der Realität entfernt wie die rotgrünen Wahlkampf- Formulierungen !
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