Fotoserie über geliebte Kuscheltiere Möppi wird zum Model

Je abgewetzter, desto besser: Fotografin Elke Moorkamp porträtiert "abgeliebte" Stofftiere. Hier erzählt sie, wer Fotos von ramponierten Teddys kauft - und warum man den alten Kumpel niemals wegwerfen sollte.

Elke Moorkamp

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Moorkamp, was fasziniert Sie an alten, ramponierten Stofftieren?

Elke Moorkamp: Der Gesichtsausdruck! Selbst wenn es sich um das gleiche Tier des gleichen Herstellers handelt, sieht doch jedes anders aus, und man scheint sofort bestimmte Charakterzüge erkennen zu können. Manche schauen freundlich, andere ehrgeizig, missmutig oder lustig, je nach Grad des Abgeliebtseins. Im Grunde fotografiere ich keine Stofftiere, sondern verschiedene Menschentypen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie finden Sie die?

Moorkamp: Ich kaufe die Stofftiere auf Flohmärkten oder im Internet. Gut erhaltene Sammlerstücke interessieren mich nicht, ich suche Tiere, die schon was gesehen haben vom Leben (lacht). Gerade habe ich einen Dackel gekauft, der kaum noch Fell hat - auf das Fotoshooting mit ihm freue ich mich schon. Den bringe ich ganz groß raus.

Zur Person
  • Elke Moorkamp
    Elke Moorkamp hat Kunst mit Schwerpunkt Fotografie studiert und nach dem Studium ihre eigene Galerie in Köln eröffnet. Außer der Fotoserie "Möppi Baumann" zeigt sie dort Architekturfotos, Panoramen, Schwarz-Weiß- und Meer-Fotografien.
  • "Möppi Baumann"-Serie
  • Homepage von Elke Moorkamp

SPIEGEL ONLINE: Die Tiere Ihrer Serie haben sehr eigenwillige Namen wie Dieter Pichler oder Mechthild Knispel. Denken Sie sich die aus?

Moorkamp: Ja, ich schaffe quasi eine kleine Parallelgesellschaft und erfinde Namen, die zum jeweiligen Charakter passen. Wie die Stofftiere ursprünglich mal genannt wurden, weiß ich nicht, denn die Verkäufer sind meist Händler, die deren Geschichte gar nicht kennen, weil sie zum Beispiel aus Haushaltsauflösungen stammen. Ich habe bisher zum Glück noch niemanden gefunden, der sein eigenes Stofftier verkaufen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wieso zum Glück?

Moorkamp: Stofftiere sind Verbündete der Kindheit, die ersten Freunde fürs Leben. In der Psychoanalyse werden sie "Übergangsobjekte" genannt: Kinder emanzipieren sich mit ihrer Hilfe von der Mutter. Insofern kommt ihnen eine große Bedeutung zu. Ich selbst würde es nicht übers Herz bringen, meinen ersten Teddy wegzugeben, und den meisten Menschen scheint es ähnlich zu gehen. Auch wenn sie hundertmal umziehen, das alte Stofftier kommt mit.

Fotostrecke

16  Bilder
Alte Liebe: Möppi und seine Freunde

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Teddy denn auch in der Serie?

Moorkamp: Nein, der ist mittlerweile rausgeflogen, weil ich bessere Tiere gefunden habe, also welche mit ausdrucksstärkeren Gesichtern. Ich habe mittlerweile so um die 100 Stofftiere, die alle großartig sind und die ich auch immer wieder neu in Szene setze. Vor Kurzem habe ich eine Eule rausgekramt, die ich zuletzt vor fünf Jahren fotografiert hatte.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind die Fotos von ihr so viel anders geworden?

Moorkamp: Ja, diesmal hatte ich einen anderen Fokus. Ich habe eine Porträtserie mit Sprüchen gestartet und da brauchte ich sie, um den Spruch "Bin früh aufgestanden. Da war kein Wurm" zu illustrieren. Es ist auch gar nicht so einfach, den richtigen Ausdruck der Tiere einzufangen. Ich gehe da recht martialisch vor und fixiere sie mit Stricknadeln und Klebestreifen.

Elke Moorkamp

SPIEGEL ONLINE: Wer kauft denn ein Foto von einer mürrischen Eule?

Moorkamp: Die Spruchbilder verkaufen sich vor allem als Kalender oder Postkarten sehr gut. Meine Porträtbilder hängen in vielen Arztpraxen. Oder in Seminarräumen. So ist vor zehn Jahren auch die Idee zu der Serie entstanden: Ich sollte für das Erzbistum Köln Bilder für Seminarräume entwerfen. Und von den Fotos der alten Plüschtiere waren alle spontan begeistert. Ich bin selbst immer wieder überrascht, was diese Bilder in Menschen auslösen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie mal ein Beispiel nennen?

Moorkamp: Mir haben schon viele geschrieben, dass sie meine Fotos inspiriert haben, nach ihren eigenen alten Stofftieren zu suchen. Die werden dann plötzlich wieder aus dem Keller geholt und kriegen wieder eine Bedeutung. Man glaubt auch gar nicht, wie viele Menschen immer noch ihr Stofftier als Ratgeber nehmen, und wie viele Erinnerungen damit verbunden sind. Es kommt sogar vor, dass Leute mit ihrem Teddy in mein Atelier kommen.

SPIEGEL ONLINE: Um ihn fotografieren zu lassen?

Moorkamp: Ja. Ein älterer Herr schaut sogar regelmäßig vorbei. Er besitzt einen winzigen Teddy, den sein Vater während des gesamten Zweiten Weltkriegs und in der anschließenden Kriegsgefangenschaft in der Hosentasche trug. Ich habe den Bären fotografiert, aber in meine Serie passt er nicht. Dazu guckt er viel zu traurig. Ich suche eher Tiere mit grotesken, witzigen Gesichtsausdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Stofftiere Ihrer Serie sind mehr als 40 Jahre alt. Haben neuere Tiere nicht mehr so spannende Gesichter?

Moorkamp: Ja, das kann man so sagen. Die Stofftiere meiner Serie stammen noch aus einer Zeit, als Erziehung ernster war, moralischer. Seither hat sich viel geändert, und das spiegelt sich auch in den Tieren. Sie gucken jetzt alle lieb und ein bisschen doof. Das ist zwar niedlich. Aber als Charakter kann man sie nicht darstellen, geht das immer in Richtung Döskopp.



insgesamt 8 Beiträge
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mirage122 02.06.2018
1. Mieze
Mieze hat unser Leben bestimmt. Sie musste überall mit - ein wirklich fast gefährliches Leben. Natürlich hatte sie einen ganz besonderen Gesichtsausdruck, dem man nicht widerstehen konnte. Und sie liebte das Abenteuer. Im Wintersport in den Dolomiten musste der letzte Sessellift abends nochmal extra gestartet werden, weil wir sie oben vergessen hatten. Es gibt sie selbstverständlich immer noch. Nur die Enkelkinder haben leider nicht den notwendigen Bezug. Der Platz auf dem Nachttisch ist heute noch Ehrensache!
dasfred 02.06.2018
2. Ich kann das gut nachvollziehen
Ich habe auch noch einige alte Stofftiere, die einen großen Weidenkorb bewohnen. Ich hole sie gelegentlich vom Schrank, aber wenn ich sie in die Hand nehme, weiß ich, ich kann mich nicht von ihnen trennen. Kaum ein Gegenstand ist so emotional aufgeladen wie ein altes verlebtes Plüschtier.
Ossifriese 02.06.2018
3. Teddies
Der Gedanke ist sehr gut. Doch man muss nur bei Ebay einmal Stofftiere aufrufen - vor allem Teddies - , die dort zum Verkauf per Foto angeboten werden. Manche dieser "Tiere" bzw. deren Blicke sind einzigartig.
hubie 02.06.2018
4. Diese herrliche Irrationaliät
Mein 'Wusel' (Strauß) ist natürlich auch griffbereit in meinem Schrank. Viele andere liebgewonnene Tiere werden aufbewahrt zuhause bei den Eltern. Weggeben könnte ich sie nie. Was habe ich alles mit ihnen und meinem Bruder gespielt. Erinnerungen!
Emma Woodhouse 02.06.2018
5.
Besonders niedlich finde ich, dass dieser Artikel in der Rubrik 'Karriere' steht. Es wird auch Zeit, dass diese treuen Begleiter, die stets ohne Murren für mich da waren, ausdrücklich öffentlich gewürdigt werden! Was haben sie nicht alles erlebt und mitgemacht - verkleidet mit Puppensachen im Wägelchen herumgefahren, gebadet, auf Reisen mitgewesen, mit uns im Sandkasten gewühlt, beim Einschlafen geholfen ... Stand hier nicht kürzlich, dass ein vergessenes Einhorn sogar von der Polizei gerettet wurde? Recht so!
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