Deutscher Auswanderer in Las Vegas "Ich fliege vier Mal am Tag über den Grand Canyon"

Ingo Nehls wollte schon als Teenager Hubschrauberpilot in Deutschland werden, aber als Brillenträger hatte er keine Chance. Seinen beruflichen Traum erfüllte sich der 43-Jährige stattdessen in den USA.

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"Vor elf Jahren habe ich meinen Job als Programmierer bei einer Hamburger Werbeagentur gekündigt und bin in die USA geflogen, um dort Hubschrauberpilot zu werden.

Schon bei der Musterung mit 17 hatte ich gesagt, dass ich bei der Bundeswehr unbedingt Hubschrauber fliegen will. Das ging allerdings nicht, weil ich eine Brille trug. Also entschied ich mich für den Zivildienst. Danach habe ich erstmal meine IT-Karriere verfolgt. Erst als ich durch meine damalige Freundin, eine Krankenschwester, einige Rettungs-Hubschrauber-Piloten kennenlernte, wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich das auch wollte. Leider ist es in Deutschland sehr teuer und schwierig, die Ausbildung privat zu absolvieren.

Doch die Piloten aus dem Krankenhaus gaben mir einen Tipp: In den USA gebe es viele Flugschulen und meist könne man nach der Ausbildung gleich als Lehrer dort einsteigen. Ich bewarb mich also bei einer Flugschule im US-Bundesstaat Oregon, füllte für das Visum unzählige Papiere aus und ließ mich bei der amerikanischen Botschaft durchleuchten. Die wollten ganz genau wissen, wo ich in den vergangenen zehn Jahren überall war und was ich gemacht hatte.

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Las Vegas: Abgehoben

Bevor ich alles aufgab, um in die USA aufzubrechen, musste ich aber noch eine Sache erledigen: wenigstens einmal selbst in einem Hubschrauber mitfliegen - das hatte ich zuvor noch nie gemacht. Ich buchte einen Flug und nach einer Stunde war es um mich geschehen.

Natürlich ist die Ausbildung in den USA auch nicht umsonst. Für meine fünf Fluglizenzen - darunter die Berufspilotenlizenz und die Fluglehrerlizenz, die ich in 15 Monaten erlangte, zahlte ich insgesamt um die 70.000 Euro. Hinzu kamen etwa 30.000 Euro für Miete und Lebensmittel.

Als ich im April 2009 fertig war, ging es in den USA gerade wirtschaftlich den Bach runter. Und weil ich keine Stelle als Fluglehrer bekam, fuhr ich drei, vier Monate lang die komplette Westküste hoch und runter und stellte mich bei jeder Flugschule vor, die es dort gab. Leider erhielt ich überall nur Absagen. Ich dachte damals, na toll, du hast deinen Job gekündigt, viel Geld ausgegeben und jetzt stehst du vor dem Nichts.

Mein damaliger Mitbewohner, der mit mir die Ausbildung gemacht hatte, hatte das gleiche Problem. Zum Glück lernten wir damals über eine gemeinsame Freundin einen Millionär kennen, der sich einen Hubschrauber kaufte. Den mieteten wir einfach ab und zu von ihm. Er war einverstanden, und mein Mitbewohner und ich gründeten unsere eigene Firma für Hubschrauber-Rundflüge.

Das war ziemlich kompliziert. Wir mussten einen Businessplan schreiben, ein neues Visum beantragen. Nach mehr als einem halben Jahr waren wir soweit und konnten starten. Das erste Jahr haben wir allerdings fast kein Geld verdient, deshalb stieg mein Partner aus. Ich wollte weitermachen und verkaufte deswegen meine Wohnung in Hamburg.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Damals lernte ich meine jetzige Frau Holly kennen, eine Buchhalterin, die später in die Firma mit einstieg. Zusammen haben wir es geschafft. Bis Mitte 2017 boten wir unzählige Rundflüge in Oregon an. Das Geschäft lief richtig gut. Unsere Flügen kosteten zwischen 40 bis 800 Dollar pro Person.

Die langen Flüge gingen nach Portland, über den Columbia River, über Berge und Vulkane. Wir flogen zu Weingütern und boten Hochzeitsflüge an, bei denen wir das Brautpaar von der Feier zum Flugzeug brachten. Das hat viel Spaß gemacht, aber Holly und ich arbeiteten sieben Tage die Woche nonstop. Im Jahr 2016 übernahmen wir auch das Flughafenbüro in McMinnville, einer kleinen Stadt nahe Portland. Wir stellten Fluglehrer ein und verkauften Benzin.

Doch dann fingen die Probleme an, der Hubschrauber musste gewartet werden und die amerikanische Flugbehörde schloss den Flughafen, weil die Landebahn erneuert werden musste. Wir hatten also weder Flughafen noch Hubschrauber und nach sechs Monaten kein Geld mehr. Wir mussten unser Unternehmen verkaufen - und sind da zum Glück mit einem kleinen Gewinn rausgekommen.

Neuanfang in Las Vegas

Als wir anschließend in Las Vegas Urlaub machten, habe ich mich dort gleich bei mehreren Rundflugfirmen vorgestellt und meinen Lebenslauf hinterlassen. Ein paar Tage später bekam ich tatsächlich eine E-Mail von einer großen Firma und nach einem Skype-Interview hatte ich den Job: Ich sollte in Las Vegas Touristen herumfliegen.

Wir sind nun schon seit sieben Monaten hier und ich fliege die Leute nachts über die Stadt und tagsüber durch den Grand Canyon. Manchmal fliege ich vier Mal am Tag dorthin. Jeder Flug ist anders und sehr beeindruckend. Meist scheint die Sonne, und jeder Tourist erzählt dir eine andere Geschichte. Hier habe ich meinen absoluten Traumjob gefunden. Ich arbeite fünf Tage die Woche, dann habe ich zwei Tage frei. Mein Wochenende ist zurzeit Mittwoch und Donnerstag.

Wir wohnen direkt in Las Vegas, aber nicht am Strip, also der Hauptstraße der Stadt, wo die ganzen Hotels und Casinos stehen. Wir mieten eine Vier-Zimmer-Wohnung und zahlen dafür 1400 Dollar im Monat. Das finde ich okay - zumal es in unserer Wohnanlage einen Pool und einen Whirlpool gibt.

Wenn wir abends weggehen wollen, haben wir Tausende Möglichkeiten. Wir können uns Shows angucken, in Fünf-Sterne-Restaurants essen gehen oder einfach nur zum Mexikaner um die Ecke. Flüge von und nach Las Vegas sind immer relativ günstig, sodass wir gut überall hinkommen.

Am Anfang fand ich das Leben in Las Vegas schon etwas oberflächlich. Aber wir haben zum Glück schnell Anschluss durch unsere Kollegen gefunden. Wenn wir mal frei haben, dann wandern wir, gehen ins Kino oder bowlen. Ich besuche auch mal das Casino, aber eher selten. Um hier klarzukommen, braucht man ein Auto und viel Geduld, denn ich habe das Gefühl, dass die Ampeln hier länger auf Rot stehen als anderswo.

Nach Deutschland möchte ich nicht zurück. Nur, falls ich hier nicht mehr fliegen könnte."

Kulturschock
  • DPA
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nadennmallos 05.03.2019
1. Konsequent einen Traum verfolgen und ...
... ihn umsetzen, das verdient großen Respekt und Anerkennung. Toll, wie zielstrebig der Berufswunsch umgesetzt worden ist. Mit Kopf und Herz!
susuki 05.03.2019
2.
Optimal! Ein gelungenes Leben! Mit Ups and Downs, aber gelungen und grossartig!
sponuser936 05.03.2019
3. Respekt
Ich ziehe meinen Hut vor Jedem, der so konsequent seinen Berufs- und Lebenswunsch umsetzt.
ClausB 05.03.2019
4. Keine
Chance als Brillenträger in Deutschland ? Aber in den USA ist es möglich auch als Brillenträger die entsprechenden Lizenzen zu erwerben ? Mal angesehen davon. dass ich großen Respekt vor seiner(Lebens)-leistung habe.
bollocks1 05.03.2019
5. Akkurat
So hat das Hand und Fuss. Realitätssinn und kontrollierte Wagnis, dabei nicht blauäugig. Durststrecke durchlaufen, durchgebissen. Wünsche ihm alles Gute. Wohltuend zuzuschauen, im Gegensatz was sonst oft unter ‘Auswanderern’ läuft...
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