Desillusioniert an der Schule Wie Lehrer der Leere entkommen können

Manche Lehrer sind voller Elan in den Beruf gestartet, nun stellen sie fest: Das Schulsystem lässt kaum Freiräume, Querdenker sind unerwünscht. Karriereberaterin Svenja Hofert hat einen Rat.

Eine junge Lehrerin unterrichtet Mathematik (Symbolbild)
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Eine junge Lehrerin unterrichtet Mathematik (Symbolbild)


"In unserem Job sind wir nachweislich sehr gut, dennoch hadern wir mit unserem beruflichen Schicksal", schreiben Merle und Marion, zwei Gymnasiallehrerinnen im zweiten und dritten Berufsjahr. "Wir hängen in diesem starren Schulsystem fest und fühlen uns unterfordert. Das System lässt kaum Gestaltungsmöglichkeiten. Selbst als Schulleiter hat man nur einen kleinen Radius - und muss dafür erst 50 Jahre alt werden und die Ochsentour durchlaufen. Wir sind kreativ, agil, durchsetzungsfähig, motiviert und engagiert, aber das wird überhaupt nicht honoriert. Was sollen wir tun?"
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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Kreativität ist nicht gefragt? Es gibt kaum Spiel- und Freiräume? Darunter leiden alle Menschen, die in Branchen und Berufen tätig sind, die stark reguliert, kontrolliert und qualitätsüberwacht werden, aus welchen Gründen auch immer. Das schlägt aufs Gemüt, denn es dämmt die intrinsische Motivation, also den Antrieb von innen. Autonomie und Freiraum sind menschliche Grundbedürfnisse.

Es sind nicht nur bestimmte Persönlichkeitstypen, die kreativ sein wollen. Jeder braucht Kreativität, auch wenn manche es gar nicht bemerken, weil sie sich so sehr angepasst haben an Erwartungen von außen.

Das Beamtentum verhindert wirksam, dass man wie andere Angestellte einfach mal so den Arbeitgeber oder Beruf wechseln kann. Die scheinbare Sicherheit, die dieser Status vermittelt, macht zwar alle satt, aber viele nicht glücklich.

So bleiben Leute im Schulbetrieb, die gar nicht die passende Motivation für den Lehrerberuf mitbringen. Sie absolvieren Dienst nach Vorschrift - und leben nach Feierabend.

Ich will mein Ding machen! Aber was ist das?

Menschen brauchen nicht nur Freiraum, sondern ab und zu auch mal neue Impulse. Wer öfter den Job und das Umfeld wechselt, sieht und erlebt mehr. In aller Regel fördert das die Persönlichkeitsentwicklung, denn es regt dazu an, sich in immer wieder neuen Bezugsgruppen selbst zu definieren und zu reflektieren. Das fördert besonders die Entwicklung von Führungsqualitäten - und genau das sind Lehrer. Sie leisten einen Dienst an Kindern im Sinne der Bildung. Was könnte eine großartigere und gesellschaftlich wichtigere Führungsaufgabe sein?

Tatsächlich wird Kreativität im staatlichen Schulbetrieb oft weder gefördert noch positiv gewertet. Als mein Sohn einen Torwart im Kunstunterricht zeichnerisch auf den Kopf stellte, kam das nicht gut an. Ich erkannte in seiner freien Interpretation Querdenken. Aus meiner Perspektive sollte das mehr gewürdigt werden - brauchen wir in der Digitalisierung doch Mut, Querdenken und neue Wege. Anpassung hilft uns nicht weiter.

Von Lehrern, die zu uns in die Beratung kommen, hören wir oft, dass Querdenken leider nicht gefragt sei. Sie fühlen sich eingeengt, dürfen zu wenig experimentieren und haben kaum Freiraum bei der Bewertung von Arbeiten. Da werden schon alle Argumente vorgegeben, die ein Kind bei der Analyse eines Zeitschriftenartikels oder eines Gedichts einbringen muss. Und wenn ein Schüler etwas genial anders sieht? Um Gotteswillen, dafür gibt es ja keine Schablone!

Spielraum gibt es im engsten Korsett

Was also tun? Gehen Sie raus in die Welt. Erleben Sie andere Dinge. Schauen Sie sich Waldorfschulen und Montessori an, probieren Sie ganz was anderes aus. Ich kenne Lehrer, die andere Länder bereist und für Hilfsorganisationen gearbeitet haben und solche, die nach dem Ausstieg aus dem Lehrdienst heute in Softwareunternehmen als agile Coaches arbeiten.

Es gibt viele Lehrer in der Politik. Bassist Gene Simmons von der Band Kiss und auch Musiker Sting waren mal Lehrer. Genau wie die Moderatoren Jean Pütz und Thomas Gottschalk.

Wenn Sie aussteigen, haben Sie keine Angst. Wenn man sich verändert, dann gehen immer wieder Türen auf, man muss nur die Augen öffnen und bereit sein für Entdeckungen.

Vielleicht führt einen der Weg irgendwann auch wieder zurück. Mir sind viele Menschen begegnet, die erst mit über 40 Lehrer wurden - oder mit 50 wieder Lehrer. Das war oft wunderbar für alle Beteiligten. Sie hatten Lebenserfahrung, hatten gelebt und dadurch auch das Standing und die Persönlichkeit, die Dinge zu verändern und nicht so zu nehmen, wie sie sind. Denn Spielraum gibt es immer, selbst im engsten Korsett.

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
elmarwa 07.03.2018
1. Quatsch
Dieser Artikel ist inhaltlich falsch. Ich bin selber Lehrer, und was hier berichtet wird ist K..e. Antworten in Aufsätzen sind vorgegeben? Man kann sich nicht einbringen? Das wäre mir neu. Ich bin zwar nur Fußvolk, aber ich kann viel gestalten im Unterricht, so wie ich es für richtig erachte. Klar, "engagierte" Kollegen dürfen in einer erstten Klasse nicht den hundertsten Aufguss von "schreiben wie gehört" "erproben", zum Glück nicht. Alerdings bin ich an einer staatlichen Schule. Die beschriebene Enge trifft wohl mehr auf Waldorf Schulen zu, zumindest berichten das Kollegen, die vorher jahrelang dort waren.
Sibylle1969 07.03.2018
2.
Guter Artikel. Die Sicherheit des Beamtendaseins ist ja schön und gut, aber allein der Gedanke, dass man mit Anfang 30 schon desillusioniert ist, wie soll man das bis zur Pension aushalten? Für mich wäre das nichts.
rugall70 07.03.2018
3. Schreibt hier eher die Mutter als die Coaching-Frau?
Der Artikel klingt ein wenig so, als hätte ihn die Autorin eher aus der Perspektive einer enttäuschten Mutter geschrieben. Und weniger aus Sicht einer Beraterin. Wer immer als Lehrkraft desillusioniert ist, wird mit diesem Artikel wenig anfangen können. Im Prinzip lautet der einzige Tipp der Autorin: Dann mach halt was anderes. Nun ja.
simulacron 07.03.2018
4. Augen auf bei der Berufswahl
Ich habe wenig Mitleid mit Lehrern. Sie arbeiten in einem Umfeld das jeder von uns kennt weil er als Schüler jahrelang Teil davon war. Auch was hinter den Kulissen (im Lehrerzimmer) so los war konnte man schon mit nur wenig Interesse problemlos verfolgen. Ich selbst hatte mir auch überlegt Lehrer zu werden und hatte keine Probleme sehr schnell festzustellen dass das nichts für mich ist. Und das war schon vor Jahrzehnten, als angeblich die Welt noch in Ordnung war.
bandelier 07.03.2018
5. Jedes Jahr gibt es, meistens im Juni verliehen,
den deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung. Die Preise gehen immer an Schulen, die sich über Vorschriften hinwegsetzten und kreativ wurden. Scheint also doch wohl möglich zu sein, wenn mann ur will. Und ich fürchte, da liegt die Crux. Man darf e zwar nicht wirklich laut aussprechen, dennoch sind viele Lehrer deshalb Lehrer, weil sie verbeamtet werden, ein sicheres Dasein mit viel Freizeit führen können, um sich mit der üppigen Altersversorgung dann Weltreisen gönnen zu können. Es gibt viele gute und damit auch erfolgreiche Ausnahmen, doch die Regel ist tatsächlich mangelnde Kreativität.
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