Von Beruf Lektor "Die meisten haben keine Chance auf Veröffentlichung"

Er quält sich durch miese Texte und wundert sich über die Großspurigkeit mancher Hobby-Literaten: Ein Lektor berichtet von seinem Alltag in einem Großverlag - und wie er die Bestsellerautoren von morgen findet.

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Traumjob Lektor? Viele Manuskripte sind nur mittelmäßig
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Traumjob Lektor? Viele Manuskripte sind nur mittelmäßig


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Es wundert mich immer wieder, wie viele Menschen Bücher schreiben wollen - und glauben, dass sie es können. Science-Fiction-Fans entwerfen Schreckensszenarien, wie unser Planet in 30 Jahren aussehen wird. Rentner stricken eine Geschichte um ihren Urgroßonkel, der vor hundert Jahren die Welt verändert haben soll. Es werden die absurdesten Texte eingereicht, und ich bekomme etwa zehn davon am Tag. Bei den meisten ist schnell klar, dass kein großer Schriftsteller dahintersteckt, sondern ein Mensch, der nicht genügend Talent besitzt.

Der erste Eindruck entsteht beim Anschreiben. Schrecklich ist es, wenn da so was steht wie: 'Sie dürfen sich glücklich schätzen, als erster Mensch dieses Werk zu lesen.' Oder: 'Meinem Literaturprofessor hat meine Arbeit sehr gut gefallen.' Es gibt viele, die davon überzeugt sind, gerade einen Bestseller abzuliefern. Die wollen dann oft auch alles sehr professionell angehen und schicken ganze Marketingpläne inklusive aufwendig gestalteter Buchumschläge mit. Das schreckt mich ab, weil ich ahne, dass eine Zusammenarbeit schwierig wäre.

Ein gutes Anschreiben ist ganz simpel, darin muss nur stehen, an welchen Schreibwerkstätten der Autor teilgenommen, wo er schon publiziert und welche Preise er gewonnen hat.

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Bei meinem Arbeitgeber bin ich nun seit 14 Jahren für deutsche Literatur zuständig, und von den meisten Manuskripten lese ich nur die ersten 10 bis 15 Seiten, das reicht oft schon. Wenn ich unsicher bin, gehe ich noch mal in der Mitte rein, um herauszufinden, ob der Ton noch stimmt. Bleibt man hängen? Erzählt da jemand originell - oder konventionell und langweilig?

Große Überraschungen im Plot gibt es selten, gerade bei den jungen Autoren sind die Themen recht vorhersehbar: Es geht meistens um das Abnabeln von zu Hause oder irgendwelche selbst erlebten Sex- und Drogeneskapaden.

Autoren sollten sich auf keinen Fall nach Trends richten, denn wer weiß schon, was beliebt ist, wenn das Buch irgendwann erscheint. Trotzdem gibt es gewisse Konjunkturen. Die Faszination für Erotikliteratur nimmt schon wieder ab, dafür schreiben im Moment viele darüber, wie sie nach dem Finanzcrash 2008 aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Die Themen ändern sich, aber was seit Jahren gleich bleibt, ist meine Erschütterung darüber, wie viel Mittelmäßiges mit sehr viel Energie geschrieben wird.

Es gibt Tage, an denen ich gerührt bin angesichts all der Menschen, die Manuskripte einschicken und dann keine Chance auf Veröffentlichung haben. Da verschanzt sich einer jahrelang in seinem Kämmerlein - und am Ende wird das Werk doch nicht erscheinen. Das muss wehtun, denn Schreiben ist ja kein normales Hobby wie Sport.

Der Sportler hat einfach Spaß an dem, was er tut, mehr Belohnung braucht er in der Regel nicht. Der Hobbyschriftsteller verarbeitet aber oft seine persönliche Lebensgeschichte und ist erst dann zufrieden, wenn sein Werk von möglichst vielen gelesen wird. Wir Lektoren sind diejenigen, die diesem unbändigen Wunsch nach Öffentlichkeit im Wege stehen. Darüber rede ich auch mit meinen Kollegen, das fordert uns alle am meisten. Das - und die oft geringe Qualität.

Schon unsere Verlagsvolontäre können erkennen, wenn etwas nicht gut ist. Schwieriger ist es, dieses Urteil zu begründen, wobei die Autoren, die ungefragt ihre Manuskripte eingeschickt haben, keine Absagen mit Begründungen bekommen. Das ist wichtig, denn sonst würden wir schnell in die Betreuerfunktion rutschen und die leicht abgeänderten Manuskripte ein weiteres Mal im Postkasten finden. Viele Schreiber sitzen einem Missverständnis auf: Als Verlag sind wir keine Literaturförderinstitution, sondern ein Unternehmen, das am Jahresende eine positive Bilanz liefern muss.

Zeit zum Lesen bleibt oft erst abends

Die meisten interessanten Texte erreichen mich sowieso über Empfehlungen. Die Literaturagenturen sind gute Filter, ich lese Literaturzeitschriften, fahre zu Festivals, gehe zu Poetry Slams und biete Schreibwerkstätten an. Dass jemand im stillen Kämmerlein vor sich hin schreibt und dabei etwas Geniales zustande bringt, kommt ganz selten vor.

Wenn wir jemanden unter Vertrag nehmen, dauert es noch mal ein Jahr bis zur Veröffentlichung. In dieser Zeit arbeiten Autor und Lektor intensiv zusammen, zuerst geht es um die großen strukturellen Fragen, die Plots und die Psychologie der Figuren, dann werden Stilfragen und einzelne Sätze diskutiert. Auch das Marketing braucht seinen Vorlauf. Daher bin ich tagsüber eher so etwas wie ein Projektmanager, zum Lesen komme ich oft erst abends.

Grundsätzlich sind die Zeiten für junge Autoren besser geworden. Es ist für alle Verlage selbstverständlich, Nachwuchstalente im Programm zu haben. Vielleicht steigen auch deshalb die Bewerberzahlen für die Literaturinstitute in Leipzig und Hildesheim. Doch auch wenn die Buchverkäufe stabil sind, ist neben dem großen Stamm an Hausautoren nicht viel Platz im Verlagsprogramm. Die Chance, dass das eingesandte Manuskript veröffentlicht wird, ist also nach wie vor klein."

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insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
Miere 31.07.2015
1. nur schon publiziert
Achso, ganz simpel das Anschreiben: Man muss nur schon publiziert und Preise gewonnen haben. Ja, doch. Hört sich total machbar an, dass man das vor seinem ersten Buch schon erledigt hat. Mir sagte mal eine Lektorin, dass Manuskripte unbekannter Autoren ausnahmslos immer ungelesen in den Papierkorb wandern. Das ist wenigstens ehrlich.
JerryKraut 31.07.2015
2. Wer unbedingt veröffentlichen will,
kann das im Internet tun. Dann kann die Global Community entscheiden, ob es lesenswert ist oder nicht. Habe mal einen Artikel über US-Autorin von Vampirgeschichten Amanda Hocking gelesen, die damit groß rausgekommen ist und auch viel Geld verdient hat nachdem alle Verlage ihre Geschichten abgelehnt hatten. Vom Urteil eines gestressten Lektors darf man sich glaube ich nicht abschrecken lassen. In erster Linie sollte man für sich selbst schreiben und strenge Qualitätsansprüche anlegen. Es muß Spaß machen. Mich würde mal interessieren, wieviele Bestseller-Autoren je an einer Schreibwerkstätt teilgenommen haben. Steven King vielleicht? Das glaube ich nicht. Eine typisch deutsche Krankheit: zeige mir deine Papierqualifikationen, was Du wirklich kannst interessiert mich nicht.
uventrix 31.07.2015
3. Fragen hierzu
Interessant! Jedoch bin ich immer wieder verwundert, was gerade im Sci-fi und Fantasy Bereich alles an Geschichten veröffentlicht wird. Teilweise sind die Storys einfach platt und schlecht und die Texte wimmeln von Rechtschreibfehlern oder Vertippern. Wie kommt das? Haben unterschiedliche Verlage und Lektoren unterschiedliche Ansprüche? Ist es wie überall auf dem Markt: Geiz frisst Qualität?
meinmein 31.07.2015
4.
Die Hobbyautoren, die ich kenne (ausschließlich pensionierte Lehrerinnen), haben den Druck ihrer Geschichten selber finanziert, touren von einer Landfrauenveranstaltung zur nächsten mit Lesungen und verkaufen ihre Bücher so selber. Es kommt sogar vor, dass nach einer solchen Veranstaltung ein Artikelchen in der Lokalpresse erscheint. Geld wird natürlich nicht verdient, es geht nur darum, wichtig zu erscheinen.
3-plus-1 31.07.2015
5. Der Text widert mich an!
Eins vorweg, ich bin kein abgelehnter Autor. Ich bin nur Leser. Aber diese Hochnäsigkeit, diese Vorstellung allein zu wissen was relevant ist, was da aus jeder Zeile trieft, lässt mir die Faust in der Tasche ballen. Ich habe z.B. die Nerd-Geschichten von Constantin Gillies gerne gelesen, wette aber, dass die bei einem Lektor wie diesem natürlich im Papierkorb gelandet wären: "Liest keiner, zu viel Details". Dann vielleicht noch die Grundeinstellung, dass nur Hausfrauen und Rentnerinnen Zeit zum Lesen haben und am Ende ist die "wertvolle Literatur", die er durchlässt ausschließlich gefühlsduseliges Befindlichkeitseinerlei und Geschichten auf Rosamunde-Pilcher-Niveau. Kurzes Fazit: Es wird höchste Zeit die Verlage auf dem kalten Wege zu entmachten. Für E-Books braucht es keinen, der den Druck finanziert, warum also nicht alles aufnehmen, was Autoren zu schreiben meinen, und den Leser entscheiden lassen, was er lesen will?
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