Liebesaus am Arbeitsplatz Er nannte sie Puppe

Wenn der Ex ein Kollege ist, kann das Büro zum Ort der Finsternis werden. Der Flur, die Konferenz, die Küche: Überall lauert die frühere Liebe - und damit Tränen, Hass oder Schmerz. Und dann?

Nach der Liebe kommt der Stress
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Nach der Liebe kommt der Stress

Von Almut Steinecke


Sie ist Steuerinspektorin im Finanzamt, sie trifft jeden Tag schwierige Entscheidungen. Aber die Entscheidung, die Bianca an diesem Morgen trifft, ist mutig. Sie holt sich einen Kaffee aus der Kaffeeküche.

Sich aus ihrem Büro zu wagen, raus auf den Flur, in die Kaffeeküche und wieder zurück an ihren Schreibtisch - das ist jetzt ein Wagnis. Denn Bianca könnte dem Mann begegnen, der gerade auf ihrem Herzen herumtrampelt: ihrem Ex-Freund.

Liebe unter Kollegen kann zur Hölle werden, wenn die Beziehung in die Brüche geht, man aber weiter zusammenarbeiten muss. Genau das hat Bianca erlebt: Die 25-Jährige möchte ihren ganzen Namen nicht nennen, auch nicht, in welcher Stadt in Süddeutschland sich das Finanzamt befindet, in dem sie arbeitet. Zu schmerzhaft ist die Erfahrung, die sie mit einem 13 Jahre älteren Steuerfahnder namens Sven machte.

Plötzlich klang der Kosename hämisch

Ein Jahr lang waren sie ein Paar, Sven nannte sie zärtlich Puppe, wenn sie allein waren. "Ich fand das toll, sich so oft sehen zu können", erzählt Bianca, "am Arbeitsplatz zeigten wir uns offen als Paar."

Doch mit einem Mal zog Sven sich ohne jede Erklärung zurück, auch im Büro wich er ihr aus, schob Bianca vor den Augen der Kollegen von sich weg. Das Perfide: Er nannte sie plötzlich bei der Arbeit Puppe - was jetzt kalt klang, hämisch.

Der qualvolle Zustand erreichte seinen Höhepunkt, als Bianca in ein Büro versetzt wurde, das sich auf dem Flur von Sven befand. Sie sollte nun enger mit ihm zusammenarbeiten. Verbissen versuchte Bianca, auf der Sachebene zu bleiben; ein Kraftakt, weil nicht nur Sven sich einen Spaß aus der Situation machte. Auch sein Zimmerkollege nannte Bianca plötzlich Puppe und lachte sich dabei schief.

"Ich musste ständig meine Mimik unter Kontrolle halten, um mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das alles verletzte", erzählt Bianca. "Ich habe alles einfach über mich ergehen lassen, die meisten der Kollegen hielten zum Glück zu mir. Irgendwann hat Sven die Abteilung gewechselt."

Das Problem ansprechen

Bianca hat die Situation ausgesessen, sich mobben lassen und ihr Leid still ertragen. Das wäre jedoch nicht nötig gewesen. Bianca hätte ihren Arbeitgeber um Hilfe bitten können, unterstreicht der Münchner Arbeitsrechtler Dietmar Olsen: "Im Falle von Bianca liegt zum Beispiel extreme seelische Grausamkeit vor; ihr Arbeitgeber hätte beim Ex-Freund anordnen können, sie am Arbeitsplatz nicht mehr bei ihrem Kosenamen zu nennen", sagt der Anwalt. "Und für den Fall, dass der Ex-Freund sein Verhalten nicht unterlässt, wäre eine Abmahnung absolut legitim."

Manche Unternehmen kommen ihrer Fürsorgepflicht prophylaktisch nach; der IT-Riese Dell Deutschland zum Beispiel hat bei Paaren unterschiedlicher Hierarchieebenen klare Regeln. "Wenn uns eine Beziehung zwischen einem Mitarbeiter und einem Vorgesetzten in derselben Abteilung bekannt wird, suchen wir das Gespräch: um gemeinsam zu überlegen, ob es besser wäre, einen von beiden in einer anderen Abteilung unterzubringen und so Störungen im Teamgefüge vorzubeugen", sagt Anne Haschke, Personalerin bei Dell Deutschland am Standort Halle.

Man müsse als Personalchef "sämtliche Zyklen der Beziehung mitdenken - auch eine mögliche Trennung". Anders handhabt die Firma Beziehungen zwischen gleichgestellten Mitarbeitern; diese betrachtet sie als "reine Privatsache".

Die Trennung gleich am Anfang besprechen

Die Gefahr, dass Liebe am Arbeitsplatz zu Problemen führt, sei hoch, weiß Elisabeth Lindner, Psychotherapeutin aus Wien. "Zwei Drittel aller Paare", die Lindner in ihrer Praxis berät, "können eine Trennung nicht gesund gestalten, umso schwieriger ist die Situation, wenn man auch noch beruflich verbandelt ist."

Eine besonders präventive Beziehungsarbeit sei erforderlich: "Ein Paar, das sich am Arbeitsplatz findet, muss noch in der Verliebtheitsphase das heikle Thema Trennung ansprechen", bekräftigt Lindner. Das mache die Liebe nicht kaputt, "das stabilisiert die Liebe", versichert die Autorin des Buches "Mut in Beziehungen", das sie gemeinsam mit ihrem Mann Kurt Wawra, ebenfalls Psychotherapeut und ehemaliger Personalberater für Unternehmen geschrieben hat. Nicht zu vermeiden seien "Lagerbildungen unter Kollegen" egal ob man offen oder versteckt mit einer Trennung umgehe: "Den Beteiligten ist ihre Stimmung einfach anzumerken, und das kann sich auf eine ganze Abteilung niederschlagen."

Auch für Nicole, 27, aus Norddeutschland, Führungskraft in der Hotellerie, verwandelte sich der Arbeitsplatz in einen emotionalen Abgrund. Und auch Nicole will nur ihren Vornamen nennen, berichtet dafür umso offener von ihrem Verhältnis mit ihrem gleichaltrigen Kollegen. "Thomas war Führungskraft wie ich und im Job knallhart, der absolute Mann, darum habe ich mich in ihn verliebt", erzählt Nicole. "Schon nach kurzer Zeit merkte ich aber, dass Thomas privat ganz anders war; ständig war er bemüht, es mir in allem recht zu machen, er wirkte immer mehr wie das totale Weichei auf mich."

"Nie wieder!"

Thomas hingegen betete Nicole an - so sehr, dass er in einem Meeting mit dem Hotelinhaber fröhlich ausplauderte, dass er und Nicole ein Paar waren. "Ab da überschüttete er mich im Büro mit Küssen, die wir vorher heimlich ausgetauscht hatten, ich war völlig überrumpelt", sagt Nicole. Sie verkündete Thomas ziemlich bald das Beziehungsende - Thomas begann zu klammern.

"Eines Tages schien er meinen Trennungswunsch aber zu akzeptieren und zog sich auch zurück", erzählt Nicole. Kurz darauf begannen die Probleme im Job: "Thomas rastete bei dem kleinsten Fehler von mir aus und machte mich in Meetings vor allen Kollegen herunter." Irgendwann hielt Nicole seine Wutanfälle nicht mehr aus, kündigte, ging in ein anderes Hotel. Auf ihre Liaison blickt sie mit Schaudern zurück: "Ein Partner am Arbeitsplatz? Nie wieder!"

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Mobbing: Informationen und Hilfe im Netz
Souveräner Umgang mit Klatsch
1. Wie schütze ich mich vor Klatsch?

Wer weiß, worüber die Kollegen im Büro klatschen, wird selbst seltener zum Klatschopfer, sagt der Frankfurter Soziologe Christian Schuldt. Flurfunk sei ein wichtiges Instrument der Information: Beschäftigte großer Unternehmen beziehen fast zwei Drittel ihres des Jobwissens aus Gerüchten. Auch der berufliche Erfolg beruht nur zu 10 Prozent auf Fachkompetenz, aber zu 90 Prozent auf Beliebtheit und Bekanntheit - also letztlich auf Klatsch.

2. Wann wird man selber zum Klatschopfer?

Wem erzähle ich was? Wer kann Geheimnisse für sich behalten? Wer gibt vertrauliche Informationen ungefiltert weiter? Klatsch ist eine "diskrete Indiskretion" und darf nicht in jedem Fall weitergeleitet werden, sagt Schuldt. Es sei wichtig, immer informiert zu sein. Aber es sei auch gleichzeitig gefährlich, wahllos in alle Richtungen zu plaudern. Dann läuft man Gefahr, selbst zum Klatschthema zu werden.

3. Wann wird die Grenze zum Mobben überschritten?

Böse Gerüchte, üble Verleumdungen, Bettgeschichten - solche Themen haben in Bürogesprächen nichts zu suchen. Damit wird die Grenze zum Mobbing überschritten, das ist verboten. Es gibt klare Klatschregeln, und die haben immer etwas Versöhnliches, so Schuldt. Jede Klatschgeschichte will den Kollegen sanft anstupsen, aufzeigen: So ticken die Chefs und die Kollegen, so sind die kulturellen Werte des Teams oder des Unternehmens.

4. Warum sind Chefs solche Klatschmäuler?

An der Spitze ist es einsam, und mit Klatsch kann man Verbündete finden und gleichzeitig Feinde abwehren. Schuldt: Deshalb ist Klatsch oft ein beliebtes Mittel, um die eigene Macht im Unternehmen zu festigen. Besonders Vorgesetzte lästern gern über die Missgeschicke hochrangiger Kollegen und Konkurrenten.

5. Warum ist ein angenehmes Klatschklima wichtig?

Damit die Mitarbeiter ein Ventil haben, um Dampf abzulassen. Schuldt: Wer Gerüchte verbietet, produziert nur noch mehr Getuschel. Er ist sicher: Wenn die Mitarbeiter frei reden können, steigt die Motivation, steigen gleichzeitig der Teamgeist und das Wir-Gefühl.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
mad_doc 27.09.2016
1. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.
Deshalb wird sich ein vernünftiger Mensch nie in ein Techtelmechtel am Arbeitsplatz einlassen. Ich habe solche Mitarbeiter, die ihr Libido nicht unter Kontrolle bekamen, sofort gefeuert. Bringt nur Probleme, die keiner zu den üblichen noch brauchen kann.
herumnöler 27.09.2016
2. Interessant ...,
... dass in diesem und aehnlichen Artikeln immer die Frauen die Geschaedigten sind. SPON wuerde das als sexistisch bezeichnen.
virginia 27.09.2016
3. und wie haeufig
kommt so etwas vor? hier wird ein mini-konflikt zum gross-ereignis aufgebauscht.
westfalen7 27.09.2016
4. Das ist ganz einfach,
niemals eine Liason am Arbeitsplatz beginnen.
01099 27.09.2016
5.
Zitat von westfalen7niemals eine Liason am Arbeitsplatz beginnen.
Als ob die Liebe so vernünftig wäre... Wenn die Bombe einschlägt, schlägt sie ein, egal wo. Wie der Artikel schon sagt, sollte man schon vorab klären, dass eine Trennung immer möglich ist und wie man damit umgeht, wenn man sich täglich begegnet. Reife Menschen sollten da eine Lösung finden.
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