Ghostwriterin für Liebesbriefe "Diana, Du bist mir aufgefallen"

Corbis

Von Marie-Charlotte Maas

2. Teil: Liebesbriefe von Laura Nunziante: "Mein lieber Oskar"



Mein lieber Oskar,

ich finde es eigentlich herzlich komisch, jetzt an Dich heranzutreten, mit diesem Brief, in dieser Zeit. Kennst Du mich eigentlich noch?

Ich bin mir nicht sicher, ob Du so viel an mich denkst wie ich an Dich, aber ich weiß, dass es Dich für mich irgendwo da draußen noch gibt. Den kleinen Oskar, der mich wohl immer noch verteidigen würde, wenn mich die Jungs aus der Elisabeth-Landmann-Straße bedrohten; der die Bäume hochkletterte, als sei er ein echter Abenteurer,...

...das alles imponiert auch der erwachsenen Frau in mir.

Oder sagen wir es so: Ich konnte diese Bilder nicht vergessen.

Ist es nicht seltsam, dass es mir nach 25 Jahren noch immer nicht leicht fällt, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen? Es sind doch Kindheitserinnerungen; man kramt sie mal hervor und gräbt sie dann wieder ein. Simpel. Doch so ist es nicht immer.

Deswegen schreibe ich Dir.

Ich schreibe Dir also aus dieser Not heraus, die Erinnerungen, die noch immer in mir sind, an den Menschen, den es betrifft, zu richten und mich wohlmöglich davon zu befreien.

Osli kommt mir da in den Sinn. Kennst Du noch unsere kleine Bande, die wir damals mit einer Ernsthaftigkeit gegründet haben, so dass ich heute noch darüber lachen muss?

Wir hatten diese kleinen Stempel, die wir jedem Kind verpassten, das unserer Bande beitreten wollte, und so verlängerten wir auch unseren Bandennamen stetig um eine Silbe.

Am Ende des Tages waren es doch immer nur wir zwei - Osli -, die bei Deiner Oma an dem großen Tisch Spätzle mit Soße aßen, die Beine zu kurz, um auf den Boden zu gelangen.

Vier kleine Kinderfüße liefen jeden Tag zusammen auf und ab.

Es war nicht unbedingt weltbewegend, was wir taten, aber es bewegte meine Welt.

Nach der Grundschule verloren wir uns aus den Augen.

Du gingst deiner Wege und ich meiner. Ich weiß nicht, wo du damals hingezogen bist, nie bekam ich eine Postkarte, obwohl ich unzählige Briefe an Dich schrieb.

Ständig dachte ich mir neue Phantasienamen für deine Adresse aus, doch jeder Brief kam zurück. Sie alle liegen noch immer in einem kleinen Schuhkarton auf dem Dachboden meiner Eltern. Und alles, was ich jetzt von Dir habe, ist Deine E-Mail- Adresse.

Es ist doch irgendwie nicht das Gleiche.

Ich vermute, dass unser Band von damals auch heute noch genauso Bestand haben könnte, und das sage ich auch jedem, dem ich von Dir erzähle.

Meine Freunde erklären mich schon für verrückt. Lass sie doch reden, denke ich mir.

Es ist mein Leben, und ich gehe meiner Wege. Auch wenn das bedeutet, dass ich einem Schulfreund aus der Grundschule wieder schreibe. Ja, dann ist es die Art von Verrücktheit, die das Leben noch braucht.

Ich glaube, ich weiß, was Du jetzt denkst, lieber Oskar. Vermutlich ist dir das alles unbegreiflich, und Du hast in Deinem Leben keinen Platz mehr für Klettereien auf Bäumen. Kein Platz mehr für WWF-Panini-Sammelbilder; kein Platz mehr für Spätzle mit Soße und Grundschulsport. Ich verstehe das. In 25 Jahren wird ein Mensch erwachsen. Er reift und wächst, er lebt, leidet - und verliert. Er liebt und lacht, viel und laut.

Und manchmal, ja manchmal schreibt er auch Briefe. Er denkt sich die wildesten Worte aus, dabei reichte es doch, in aller Einfachheit zu sagen, zu sagen, dass...

...ich sehe immer noch einen kleinen Oskar, wenn ich an großen Bäumen vorbeigehe.

Ich blättere immer noch in meinen Paninih-Heften, so wie man in einem alten Familienalbum blättert. Und manchmal scheinen die Aufkleber sich in Bilder von früher zu verwandeln, als würden sie den Vergilbungen trotzen wollen; als hätten sie noch viel zu sagen und wollten mich an Dich erinnern. An ein Lachen, ein Kinderherz; einen Freund aus der Vergangenheit.

So lass sie doch, denke ich mir.

Das Leben braucht eben diese Art von Verrücktheit.

Oskar, vielleicht meldest Du Dich ja mal bei mir.

Ich wünsche es mir sehr.

Lisa



insgesamt 7 Beiträge
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Pfefferkuchenmann 14.07.2012
1. Traurig.
Ich verstehe nicht wie Menschen auf die Idee kommen etwas so persönliches jemanden anders machen zu lassen. Sie gibt doch selbst zu, dass die Briefe nicht besonders gut sein müssen. Es muss nur so formuliert sein, als hätte der Kunde den Brief selbst geschrieben. Das allein zeigt doch wie nutzlos der Dienst ist.
msg10 14.07.2012
2. Verständnis
Hi, könnte mir jemand vielleicht den Sinn der folgenden 2 Zeilen ein wenig erläutern? "Wir sind wie irrsinnige Zweifel und Eifersucht Meilen, die uns trennen fast wie Zitronentee - Duft " Also das wir bezieht sich auf den Schreiber und Schwarm? Und wieso denn jetzt Meilen und der Zitronentee Duft, bin da einfach total neugierig und würde es schon ganz gerne verstehen.
Dumme Fragen 15.07.2012
3. Einige Fragee drängen sich mir auf...
Schreiben mehr Frauen Liebesbriefe an Männer? Ist die Länge eines Liebesbriefes geschlechtsspezifisch? (Ich frage, weil die beiden langen Liebesbriefe ja von Frauen an Männer gerichtet sind...)
spon-facebook-663512361 15.07.2012
4. Feine Reime
Also ich hab mich mal auf der Seite http://feinereime.de/ umgesehen. Es handelt sich eher um eine Textagentur. Sie schreiben also auch andere Texte. Was spricht dagegen sowas persönliches auch andere Leute machen zu lassen? Werden denn alle Blumen die verschenkt werden auch von den Leuten selber gepflückt, die sie verschenken. Vielleicht muss man einfach nur mal seinen Horizont etwas erweitern.
robicon 16.07.2012
5. "wohlmöglich??"
Zitat von sysopLaura NunzianteLaura Nunziante verfasst Liebesbriefe an Männer und Frauen, die sie noch nie gesehen hat - im Auftrag anderer. 50 Euro bezahlen die Kunden pro Seite. Dafür formuliert sie schwülstige Zeilen oder Gedichte - nur "Ich liebe Dich" schreibt die Ghostwriterin nie. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838360,00.html
Monsieur de Bergerac hätte sich im Grabe umgedreht. Oder fällt "wohlmöglich" unter die Rubrik "Creative Writing"? Oder ist dies eines der Füllwörter, die Sie -gleich zweimal- im Beratungsgespräch herausgefiltert haben?
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