Fotoprojekt in Norwegen 30 Nächte mit 30 Truckern

Einsamkeit in der norwegischen Einöde, klirrend kalte Nächte - und dann klopft eine Fotografin an die Lastwagentür. Line Søndergaard traut sich was. Sie übernachtete in 30 Trucks und machte intime Porträts der Fernfahrer.

Ein Interview von Anja Tiedge

Line Ornes Sondergaard

Zur Person
KarriereSPIEGEL: Sind Sie tatsächlich im Dunkeln zu wildfremden Männern in Lkw gestiegen - allein und mitten in der Prärie?

Søndergaard: Genau. Am Anfang waren die Fahrer ziemlich verwirrt. Viele dachten, ich sei eine Prostituierte. Aber als ich ihnen mein Projekt erklärt hatte, wollten es die meisten unterstützen. Sie waren froh, dass jemand ein anderes Bild von Truckern zeigen wollte. Einige musste ich dann noch überzeugen, dass ich sie im Schlaf fotografieren darf.

KarriereSPIEGEL: Also haben Sie im Lastwagen mit übernachtet?

Søndergaard: Ich wollte Lkw-Fahrer fotografieren - aber nicht, wenn sie unterwegs sind, das hat man schon oft gesehen. Mir waren Trucks aufgefallen, die nachts mitten in der Einöde parkten, im Wald, auf der Wiese, auf Feldwegen. Ich fragte mich immer, warum die Fahrer dort übernachten statt auf einem normalen Rastplatz. Für eine Fotoreportage im Studium wollte ich herausfinden: Was passiert, wenn der Lkw stillsteht?

KarriereSPIEGEL: Und gingen nachts auf Brummi-Pirsch...

Søndergaard: Mit den Fahrern habe ich mich nicht verabredet, weil sie dann den Lkw aufräumen oder sich Gedanken machen, was sie mir sagen und zeigen. Stattdessen bin ich einfach drauflos gefahren, habe abends Ausschau nach parkenden Trucks gehalten, an die Tür geklopft und gefragt, ob ich die Nacht dort verbringen kann.

KarriereSPIEGEL: Warum waren Ihnen Bilder im Schlaf so wichtig?

Søndergaard: Weil Menschen dann am verletzlichsten sind. Im Schlaf sind wir völlig gelöst, die Muskeln entspannt. Ein sehr intimer Moment - und gerade bei Truckern spannend: Männer, die tagsüber stark und unnahbar wirken, werden im Schlaf weich und verwundbar.

KarriereSPIEGEL: Ist denn im Laster Platz für Besucher?

Søndergaard: Die meisten Trucks haben zwei Betten übereinander. Ich schlief immer im oberen. Eine Stunde, nachdem sie eingeschlafen waren, habe ich Fotos von Fahrern im Schlaf geschossen - natürlich nur, wenn sie zugestimmt hatten. Anfangs habe ich mir immer einen Wecker gestellt, aber bald war mein Körper so daran gewöhnt, dass ich von allein aufgewacht bin.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie Angst?

Søndergaard: Nicht wirklich. Am Anfang hatte ich einen leichten Schlaf, aber schon nach kurzer Zeit mussten mich die Fahrer morgens wecken. Und ich habe Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Bevor ich in einen Lkw gestiegen bin, habe ich immer Kennzeichen und Kontaktdaten der Firma fotografiert. Die Fotos sendete ich zusammen mit meinen aktuellen GPS-Koordinaten an meine Eltern und meinen Freund. Das wussten die Fahrer auch. Wäre jemand übergriffig geworden, hätte er mindestens seinen Job aufs Spiel gesetzt. In Privatautos wäre ich wahrscheinlich nicht eingestiegen - aber so fühlte ich mich ziemlich sicher.

KarriereSPIEGEL: Schlechte Erfahrungen gab es gar keine?

Søndergaard: Nur einmal. Normalerweise habe ich immer ein paar Minuten mit den Fahrern geredet, bevor ich eingestiegen bin. Danach wusste ich, ob ich ihnen vertrauen kann; ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl. An einem Tag regnete es, da bin ich direkt eingestiegen. Als der Mann übergriffig wurde, habe ich ihn angeschrien und mich gewehrt. Da hat er mich aussteigen lassen. Normalerweise rede ich darüber nicht. Ich möchte nicht, dass das Bild der Fahrer darauf reduziert wird. Negativ war nur eine Erfahrung von 30 - da ist die Quote an einem Freitagabend in einer Bar leider deutlich höher.

KarriereSPIEGEL: Hatten Sie vor Ihrem Fotoprojekt mit Lkw-Fahrern zu tun?

Søndergaard: Nein, nie. In meiner Vorstellung waren sie große, grimmige, fast schon beängstigende Typen - ich hatte einfach vom Truck auf die Fahrer geschlossen. In den Medien tauchen sie ja meist im Zusammenhang mit Unfällen oder Staus auf.

KarriereSPIEGEL: Und wie haben Sie die Fernfahrer erlebt?

Søndergaard: Sie sind sehr stolz auf ihren Job. Es stört sie, dass die meisten Menschen Lkw als Hindernisse auf der Straße sehen - obwohl wir ohne sie keine Lebensmittel im Supermarkt hätten, kein Benzin an den Tankstellen. Die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert, die Fahrer arbeiten mehr Stunden für weniger Geld. Und die Vorgaben, wann sie Pausen machen müssen, sind strenger geworden.

KarriereSPIEGEL: Die Regelungen sind doch auch zu ihrem Schutz.

Søndergaard: Das sollten sie sein, aber leider ist es nicht so einfach. Innerhalb von 24 Stunden müssen die Fahrer zwei Pausen à 45 Minuten machen und eine längere Pause von neun Stunden. Sie fahren, bis der Timer piepst, halten an und schlafen - wo sie gerade sind. Daher parken sie nachts irgendwo im Nirgendwo und bleiben oft stundenlang hellwach. Der Körper hat nun mal keinen Timer, der Mensch ist keine Maschine. Und es macht einsam, wenn weit und breit kein Kollege ist, mit dem man zu Abend essen oder sich unterhalten kann.

KarriereSPIEGEL: War Einsamkeit ein großes Thema?

Søndergaard: Auf jeden Fall. Die Fahrer haben viel darüber geredet, wie sehr sie ihre Familie vermissen. Sie haben unglaublichen Respekt vor ihren Frauen, die den Haushalt schmeißen und sich um die Kinder kümmern, wenn sie selbst nicht da sind. Sie sind sehr reflektiert, weil sie den ganzen Tag Nachrichten hören und viel Zeitung lesen. Hinter dem Lenkrad haben sie Zeit, sich Gedanken über das Leben und die Liebe zu machen. Manche sind wahre Philosophen.

KarriereSPIEGEL: Und worüber philosophieren sie?

Søndergaard: Alles Mögliche. Einer verglich das, was er durch die Frontscheibe sah, mit seiner Zukunft und das Bild im Rückspiegel mit seiner Vergangenheit. "Wenn du im Leben zu viel in den Rückspiegel schaust, baust du einen Unfall und rauschst in deine Zukunft", sagte er. Ziemlich kluger Gedanke.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie von Fahrern auch mal einen Korb bekommen?

Søndergaard: Zweimal. Beide waren in meinem Alter - und wussten nicht, wie sie das Ganze ihrer Freundin erklären sollten.

KarriereSPIEGEL: Und was hat Ihr Freund zur Übernachtung mit fremden Männern im Lkw gesagt?

Søndergaard: Seine erste Frage war, ob ich nicht mal was weniger Bescheuertes machen kann, schlafende Nonnen porträtieren oder so. Aber ich traf ja Sicherheitsvorkehrungen. Er weiß, dass er mir vertrauen kann, und war vom Ergebnis total begeistert.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie zu den Fahrern noch Kontakt?

Søndergaard: Ja, über ein paar Facebook-Gruppen. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, halte ich manchmal an und klopfe an Lkw-Türen, um mit Fahrern zu reden. Viele kennen mich vom Hörensagen: Es hat sich ziemlich schnell rumgesprochen, dass da eine junge Frau unterwegs ist, die im Truck übernachten will.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.

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hermann_huber 29.09.2015
1. Job hat sich extrem verändert
früher vor 25 Jahre konnte man mal die Fahrtzeit kurz überziehen um dort zu stehen wo man WC und Dusche hat bzw am Routier wo man mit Kollegen essen konnte. Elefantenrennen gab es weniger. Überholt hat man durch kurzes Gas geben bis auf fast 100Km/h sehr schnell ohne große Nerverei für alle. Sogar ordentlich Lohn hatte man. 3.500 Euro netto Spesen waren normal. Nun ist der Job verkommen wie der Lohn auch und die Jungs sind wie geschlagene Hunde die das ganze Wochenende auf dem Autobahn Seitensteifen verbringen. Alles hyperoptimiert um den billigsten Preis zu bringen Wie wir alle.
chris4you 29.09.2015
2. Einer von
30 (war "übergriffig", das entspricht ja sogar nicht den offiziellen Zahlen, Untersuchungen etc. Brummifahren ist dank der billigen Konkurrenz aus dem "Ausland", kein sehr lohnender Job mehr, dafür mit viel Druck ("Zeit ist Geld", wenn der Spruch mal zutrifft, dann hier). Das Zauberwort lautet "just-in-Time"... ;o)
lequick 29.09.2015
3.
Zuerst dachte ich, das ist mal wieder so ein Thema welches verzweifelte "Fotografen" suchen nur um irgendwie irgendwann irgendwas vorzeigen zu können. Aber ich finde die Fotos sogar recht gelungen, und das Thema ist gar nicht so schlecht wie zuerst gedacht.
hatshepsut 29.09.2015
4. Auf den Hund gekommen
Stimmt daran habe ich nie gedacht, aber ich denke wenn ich Trucker wäre, würde ich auch einen Hund haben der immer mitfährt. Wundere mich gerade das ich das bisher nie in Deutschland gesehen habe. Wahrscheinlich sehen die Arbeitgeber das hier nicht gern wenn man noch einen Hund im feinen LKW hat ...
jujo 29.09.2015
5. ...
Überrascht hat mich die Information, das die Trucker größten Respekt vor der Leistung ihrer Frauen haben eigentlich nicht. Bei Seeleuten ist es ähnlich, meine war jahrelang 8 Monate im Jahr verheiratete Alleinerziehende. In den achtzigern wares mit der Kommunikation ja durchaus schwierig. Meine Frau fand es sehr belastend alleine entscheiden zu müssen, und hat immer gehandelt mit der Überlegung wie würde ich das haben wollen oder mitentscheiden.
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