Lobbyist in Brüssel "Korrupte Politiker werden entsorgt"

Sein Job hat einen schlechten Ruf, er beeinflusst Politiker im Sinne seines Arbeitgebers. Blöd für ihn, dass Parlamentarier nicht so leicht kaufen lassen wie in "House of Cards". Ein EU-Lobbyist erzählt anonym von seinem Alltag.

AFP

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"In Filmen und TV-Serien sind Leute wie ich immer die Unsympathen. Schmierige Typen, die im Notfall auch zu kriminellen Mitteln greifen, um ihre Interessen durchzusetzen. In der Realität ist das ein bisschen anders. Eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl.

Für welches Unternehmen ich lobbyiere, möchte ich nicht sagen. Nur so viel: Es stellt keine Waffen her, keine Zigaretten und auch keine alkoholischen Getränke.

Zu meinem Beruf bin ich über ein Praktikum gekommen. Ich habe Politik studiert und mich damit beschäftigt, wie Gesetze in der Europäischen Union entstehen. Um zu verstehen, wer da alles seine Finger im Spiel hat, hospitierte ich an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft, in einem Lobbyistenbüro in Brüssel.

Als ich nach den Semesterferien an die Uni zurückkam und begeistert von meinem Praktikum erzählte, fragten mich viele meiner idealistischen Kommilitonen, ob ich verrückt geworden sei. Irgendwann hab ich einfach den Bösen gespielt, das fand ich witzig.

Wie kann ich Win-win-Situationen schaffen?

Ich bin jetzt 28, arbeite seit fünf Jahren als Lobbyist und empfinde meine Arbeit als intellektuell stimulierend. Immer wieder stellen sich die gleichen Fragen: Wie kann ich eine Win-win-Situation schaffen, also einen Kompromiss, der für die Politik, die Gesellschaft und uns akzeptabel ist? Kann ich eine geplante Gesetzgebung hinauszögern, wenn sie uns schadet? Oder muss ich kapitulieren und meinem Unternehmen klarmachen, dass es keine Chancen hat, seine Interessen durchzusetzen?

Was meinen Arbeitgeber und seine Ziele angeht, habe ich keine Bedenken. Ich finde gut, was er produziert und wofür er steht. Außerdem ist das alles wie ein Wettbewerb, auch das gefällt mir. Es gibt in Brüssel für jedes Interesse einen Lobbyisten, der es den Politikern gegenüber vertritt, und wer die besten Argumente hat, gewinnt.

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Mit den anderen Lobbyisten verstehe ich mich gut, auch mit denen von der "gegnerischen" Seite, die zum Beispiel für NGOs arbeiten und manchmal mit noch härteren Bandagen kämpfen. Mit einigen bin ich sogar befreundet, und oft stellen wir fest, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Die NGOs haben zwar weniger Geld als die Unternehmen, werden aber von der EU finanziell unterstützt, um mithalten zu können.

Der schlechte Ruf kommt nicht von ungefähr

Eine meiner Hauptaufgaben ist es, herauszufinden, welche Gesetze in der Mache sind und wie die Politiker abstimmen wollen. Brüssel ist eine riesige Gerüchteküche. Deshalb rede ich mit Vertretern aller Parteien, also zumindest mit allen demokratischen. Ich erkläre ihnen, wie mein Unternehmen das sieht. Und warum sie das bedenken sollten.

Der schlechte Ruf meines Jobs kommt nicht von ungefähr, in der Vergangenheit sind einige Sachen gelaufen, die ethisch nicht in Ordnung waren. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Man darf sich das in Brüssel nicht so vorstellen wie in der Serie "House of Cards". Da drehen die Lobbyisten den Politikern einfach den Geldhahn zu, wenn die nicht abstimmen, wie sie sollen. Wenn es so liefe in Brüssel, wäre es einfacher für mich und meine Branche. Aber es läuft nicht so, und das ist auch besser.

Das verdiene ich

Natürlich gibt es korrupte Abgeordnete und Lobbyisten, aber die halten sich meist nicht lange in Brüssel und werden entsorgt. Es ist einfach ethisch falsch und kriminell, sich als Volksvertreter kaufen zu lassen. Die Politiker durchschauen auch, wenn wir versuchen, sie zu bestechen. Und die Journalisten kriegen es früher oder später sowieso raus.

75 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich am Schreibtisch. Ich lese mich ein, bereite Argumentationen vor oder langweile mich in internen Sitzungen. Es ist ein Alltag wie in jedem anderen Unternehmen, und ich überarbeite mich nicht. Ich fange um neun an und bin in der Regel um halb acht bei meiner Frau. Am Wochenende habe ich frei. Vor meiner Zeit als Lobbyist war ich kurz bei einer Politikberatung, das war viel stressiger.

Ich verdiene 81.000 Euro im Jahr, dazu gibt es Boni, das sind noch mal knapp zehn Prozent des Jahresgehalts. Damit bin ich zufrieden, aber es klingt nach mehr, als es ist. Denn in Belgien liegt mein Steuersatz bei 53 Prozent, dagegen ist Deutschland ein Steuerparadies."

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
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bananenrep 29.04.2015
1. Blödsinn ...
ein Lobbxist denkt an die Gesellschaft. Hahaha, in erster Linie muss er an das Unternehmen denken. Die Gesellschaft interessiert die doch nicht. Es geht wie immer um das Geld. Und wenn er nicht für Zigaretten etc. Lobby macht, gibt es noch Schlimmere, ich denke da nur an die Pharmaindustrie. Politiker sind käuflich ? Hahaha. Wo hatte den Herr Schäuble seinen Schwarzgeldkoffer versteckt. ? Gibt es da nicht auch CD aus der Schweiz. Alles eine große Vermischung von Macht. Schon seit den Fuggern so. Aber am
garfield 29.04.2015
2.
Zitat von bananenrepein Lobbxist denkt an die Gesellschaft. Hahaha, in erster Linie muss er an das Unternehmen denken. Die Gesellschaft interessiert die doch nicht. Es geht wie immer um das Geld. Und wenn er nicht für Zigaretten etc. Lobby macht, gibt es noch Schlimmere, ich denke da nur an die Pharmaindustrie. Politiker sind käuflich ? Hahaha. Wo hatte den Herr Schäuble seinen Schwarzgeldkoffer versteckt. ? Gibt es da nicht auch CD aus der Schweiz. Alles eine große Vermischung von Macht. Schon seit den Fuggern so. Aber am
Ja, mir kam der Artikel auch etwas sehr naiv vor. Das Kerlchen ist zwar erst 28, aber ich möchte DEN Lobbyisten mal sehen, der öffentlich NICHT mit dem treuherzigsten Augenaufschlag behauptet, er arbeite auch im Interesse der Gesellschaft. Aber er wäre wahrlich nicht der erste Lobbyist, der "ein netter Kerl" ist und doch nur das Beste für alle will. Ja, für sein Unternehmen bzw. seine Branche und die bearbeiteten Politiker stimmt das sicher; dass dabei "die Gesellschaft" beteiligt ist, kann er jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anzieht. Schließlich sind es Lobbyisten und Politiker, die definieren, was für "die Gesellschaft" gut ist. Soso, die "Argumente" machen den Unterschied. Und da gibt es doch böse "Verschwörungstheoretiker", die einen Zusammenhang von Politikerentscheidungen und Spendenhöhe aus der Wirtschaft auszumachen glauben. Da frage ich mich eigentlich, WOFÜR die überhaupt spenden, wenn die Spende dann durch das "bessere Argument" ausgestochen wird. Ach so, aus Dankbarkeit. Hallo, Kneifzange! Ja, mit einer Anschlussverwendung in der begünstigten Wirtschaft. Na, das hoffe ich doch sehr. Wie dumm wäre denn ein Politiker, wenn man ihm erst mit dem Geldbündel vor der Nase rumwedeln muss? So dumme Fauxpas wie mit "jüdischen Vermächtnissen", schwarzen Koffern und verheimlichten Spendern sind einfach nur noch peinlich. Da haben alle Beteiligten gelernt. Das geht heute subtiler ab. Und wo ist das Problem? So lange Spenden aus der Wirtschaft und Drehtüreffekt-Anschlussverwendungen höchst legal sind, kann jedes Land mit Bakschisch-Korruption da nur neidisch werden. Man muss die Korruption einfach nur umbenennen und legalisieren. Dann läuft alles wie geschmiert - im wahrsten Sinne des Wortes.
Bearhawk 29.04.2015
3. Lobbyismus
gehört unter Strafe gestellt! Punkt!
PowlPoods 29.04.2015
4. Welch
schöne Gutenachtgeschichte. Da fragt man sich, welcher Werbekunde SPON dazu genötigt hat, diesen Quark zu veröffentlichen. Da lachen ja sogar die Hühner auf der Stange, wenn sie das lesen.
lupidus 29.04.2015
5.
eine demokratie lebt nunmal vom austausch. dazu gehört auch, dass man sich mit interessenverbänden auseinandersetzt bevor man gesetze verabschiedet, die ganze unternehmen ruinieren. sehen wir es realistisch: die meisten abgeordneten sind lehrer und anwälte. welche ahnung haben die von den problemen der landwirtschaft oder des großhandels. übrigens ist auch greenpeace ein interessenverband...
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