Lohndumping in Sicherheitsfirmen "Wir mussten dieselbe Matratze teilen"

Wachleute werden oft bedroht und bepöbelt - ihre Bezahlung wiegt das kaum auf. Viele Chefs der Branche tricksen, um selbst die Mindestlöhne noch zu unterbieten. Sie definieren Pausen und Fahrtzeiten höchst eigenwillig oder stellen lausige, dafür teure Behelfsunterkünfte.

Von Tobias Lill

Mitarbeiter im Sicherheitsgewerbe: Da noch irgendwo 'ne Überstunde?
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Mitarbeiter im Sicherheitsgewerbe: Da noch irgendwo 'ne Überstunde?


Wie gefährlich seine Arbeit ist, bekam Marcel Huber* im Sommer 2010 zu spüren. In einem Zug randalierte ein junger Mann, Huber hatte Streifendienst und wurde hinzugerufen. Da drohte ihm der betrunkene Fußballfan plötzlich mit einer abgebrochenen Flasche. Huber konnte den Jugendlichen zwar beruhigen. Doch da wurde ihm bewusst, "dass das Verhältnis von Risiko und Bezahlung in meinem Beruf nicht stimmt".

Auf den ersten Blick ist die Lage nicht so schlecht: Seit Juni 2011 gilt für das Sicherheitsgewerbe eine Mindestlohnverordnung, die für 180.000 Beschäftigte regional differenzierte Lohnuntergrenzen einzieht. In den meisten Bundesländern, darunter Niedersachsen oder Thüringen, liegen sie derzeit bei 7,50 Euro brutto je Stunde, in Ländern wie Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen auch höher.

Doch das Geld kommt bei vielen Wachleuten nicht komplett an. Huber, ein Endzwanziger aus Thüringen, hat in den vergangenen Jahren für eine Vielzahl von Wachunternehmen gearbeitet. Fast alle verstießen gegen das Arbeitszeitgesetz oder versuchten, ihn um Teile seines Lohns zu bringen, erzählt er: "60-Stunden-Wochen sind bei den meisten meiner Arbeitgeber üblich gewesen." Mehrmals habe er sogar zwei Wochen am Stück in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet, ohne einen Tag Pause.

"In mein Zimmer konnte jeder rein"

Betriebe setzten ihn über Monate an verschiedenen Orten quer durch die Republik ein, "je nachdem, wo uns der Kunde gerade gebraucht hat". Die Unterkünfte stellte der Arbeitgeber. Ab Sommer 2011 sei er für knapp ein Jahr in München gewesen. "Weder die Zimmer- noch die Haustür ließ sich absperren. Da konnte jeder rein." In einer Stuttgarter Unterkunft war es noch schlimmer: "Da musste ich mir wochenlang mit einem Kollegen dieselbe Matratze teilen", so Huber.

Dafür zog ihm der Chef 257 Euro für das Zimmer vom Lohn ab, obwohl es anders vereinbart war. In München wurde sein Mindestlohn noch um einige Cent pro Stunde gekappt, für Dienstkleidung.

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Für die Gewerkschaft Ver.di sind solche Abzüge nur eine von vielen Methoden, mit denen Firmen versuchen, verbindliche Lohnuntergrenzen zu umgehen. Demnach zahlen zweieinhalb Jahre nach Einführung des branchenspezifischen Mindestlohns viele Sicherheitsunternehmen ihren Angestellten nicht, was ihnen zusteht.

Wolfgang Kopf von Ver.di Bayern kennt viele der Tricks: "Zwölf-Stunden-Schichten ohne Pause sind keine Seltenheit." Auf dem Gehaltszettel werde dann aber eine Stunde von der Arbeitszeit abgezogen. Mit solchen und anderen dubiosen Praktiken kann der Lohn auf 6,50 Euro oder darunter gedrückt werden.

Mehr Lohndumping als auf dem Bau

Eine Hauptursache für die miesen Löhne sei der schlechte Organisationsgrad im Sicherheitsgewerbe, sagt Ute Gottschaar vom niedersächsischen Landesverband der Gewerkschaft. "Viele Mitarbeiter kennen nicht einmal ihre Rechte."

Der Zoll kontrollierte im vergangenen Jahr 1924 Sicherheitsfirmen. In 6,4 Prozent der Fälle wurde daraufhin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Damit liegt die Quote sogar leicht über der des Baugewerbes, das 16 Jahre nach Einführung eines eigenen Mindestlohns als Lohndumping-Hochburg gilt.

Selbst Vertreter der Arbeitgeberseite fordern stärkere Kontrolle. "Der Zoll sollte ruhig mehr Personal haben", sagt Martin Hildebrandt vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft. "Schließlich schaden einzelne schwarze Schafe auch den vielen korrekten Wettbewerbern und dem Ruf der Branche." Hildebrandt betont allerdings auch: "Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen hält sich unserer Erfahrung nach strikt an die gesetzlichen Vorgaben."

Gewerkschafter bestätigen, dass die meisten großen Anbieter ihrer Stammbelegschaft Tariflöhne oder zumindest den Branchenmindestlohn zahlen. Doch ein großer Teil der Mitarbeiter sei nicht bei der Sicherheitsfirma selbst, "sondern per Werkvertrag von Subunternehmen zu Ausbeuter-Konditionen angestellt", so Ver.di-Mann Kopf. Und bei kleinen Firmen herrsche "oft eine Wildwest-Mentalität". Nicht wenige Betriebe setzen laut Ver.di schlicht darauf, "nicht kontrolliert zu werden".

Zwei Stunden für lau gearbeitet

Der Nachweis von Verstößen ist für die Betroffenen mühselig. Lisa Fuchs* ließ sich von der oberbayerischen Firma, bei der sie in diesem Jahr mehrere Wochen als Objektschützerin arbeitete, den Mindestlohn von 8,42 Euro sogar vertraglich zusichern. Gebracht hat es nichts: Aus einer Stundenabrechnung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, geht hervor, dass ihr Arbeitgeber für eine fünfeinhalb Stunden dauernde Abendschicht nur dreieinhalb Stunden bezahlt hat.

Die Differenz erklärt sich laut Fuchs überwiegend aus der Fahrtzeit von einem Einsatzort zum nächsten, quer durch die ganze Stadt und später noch in eine acht Kilometer entfernte Nachbargemeinde. Fahrtzeiten nicht zu bezahlen, ist ebenfalls ein verbreiteter Trick. Ein Sprecher der Sicherheitsfirma versichert dagegen, man habe Fuchs die gesamte Arbeitszeit, inklusive Fahrten, vergütet. Er verweist darauf, dass die Firma aufgrund fehlender tarifvertraglicher Regelungen nicht zur Bezahlung der unfreiwillig zwischen den Einsätzen anfallenden Pausen verpflichtet sei.

Fuchs sagt, ihr seien bei zwei Zwölf-Stunden-Einsätzen auf einer Baustelle die Pausen verweigert worden. Als sie die vor Ort nehmen wollte, herrschte der Chef sie am Telefon an: "Wer passt dann auf die Baustelle auf?" Vom Gehalt sei dennoch eine Pause abgezogen worden.

Besserung ist nicht in Sicht, auch weil viele Security-Leute gezielt Mammutschichten übernehmen - um ein wenig mehr zu verdienen. Selbst wenn Firmen ohne Lohndumping-Tricks zahlen, reicht der Lohn ja kaum zum Überleben.

Auch Marcel Huber arbeitet weiter bis zu 60 Stunden pro Woche, mittlerweile allerdings als Werkschützer in Sachsen, für gut acht Euro brutto. Doch zumindest lebt er jetzt in einer eigenen Wohnung.

* Name geändert.

  • Tobias Lill (Jahrgang 1977) absolvierte die Deutsche Journalistenschule und arbeitet als Journalist in München.

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