Ein Lottogewinn-Berater erzählt "Ich habe mit diesen Menschen vieles durchgestanden"

Wer zu Rainer Holmer ins Büro kommt, hat gerade im Lotto gewonnen. Der Germanist ist einer von 16 Gewinnberatern Deutschlands - und hat in seinem Job erlebt, dass sechs Richtige nicht das große Glück bedeuten müssen.

Gewinnberater Rainer Holmer
Thomas Köhler

Gewinnberater Rainer Holmer

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"'Bitte, schnaufen Sie mal aus. Kommen Sie erst mal an. Erzählen Sie mal.'

Ich sitze den Leuten gegenüber und sage genau das. Immer wieder. Es ist für viele schwer zu fassen, plötzlich reich zu sein. Ich muss behutsam sein.

Denn es ist eine feine Sache, Millionär zu werden. Aber es stellt auch vor große Fragen: Wie geht es jetzt weiter? Mit mir, dem Leben, dem Geld? Wir suchen die Antwort zusammen. Und zwar nicht mit einer Vermögensberatung, sondern mit einem Kaffee. Oder zwei. So viele Kaffee sie wollen.

Die neuen Millionäre haben meistens mit niemandem über ihren Gewinn gesprochen, ehe sie in mein Büro in der Münchner Zentrale kommen. Ich gebe ihnen den Gewinn, natürlich nicht aus einem Tresor, sondern per Überweisung.

Am Freitag ist es vielleicht wieder so weit, dann ist Eurojackpot. Er wurde bei den vergangenen Ziehungen nicht geknackt, 90 Millionen sind drin. In diesem Jahr gab es allein in Bayern 21 neue Millionäre durch verschiedene Angebote von Lotto. Letztes Jahr waren es 13, dazu noch die, die nur ein paar Hunderttausend gewinnen. Die kommen fast alle zu mir. Ich habe mit diesen Menschen vieles durchgestanden, die ganzen Emotionen. Das ist das Aufregende an diesem Beruf.

Zur Person
  • Thomas Köhler
    Rainer Holmer, Jahrgang 1969, ist seit 17 Jahren Gewinnberater bei Lotto in Bayern. Er studierte Deutsch und Geschichte auf Lehramt - dann bekam er den Job im Glücksgeschäft und blieb dabei.

Da war der Handwerker aus Mittelfranken. Sein Betrieb stand kurz vor der Pleite. Er hatte sich schon Geld geliehen. Bald hätte er die Karten auf den Tisch legen müssen, hätte seinen Mitarbeitern sagen müssen: 'Das Geschäft geht nicht weiter, wir sind komplett pleite.' Dann der Lottogewinn. Es war wie im Märchen. Wie glücklich der war. Nach unserem Gespräch ging ich beschwingt in die Kantine: 'Jep! Ja! Wunderbar!'

Kaffee trinken, keine Bevormundung

Da war auch dieser Professor. Er hatte jahrelang mit derselben Zahlenkombination gespielt. Seine Söhne hatten ihn schon ausgelacht. 'Ob in zehn oder in hundert Jahren, ich werde gewinnen', hatte er zu ihnen gesagt. Dann gewann er.

Da war auch dieser Mann, der sehr leise rüberkam und nur einen Satz sagte: 'Ich würde Ihnen meine Millionen dalassen, wenn meine Frau dafür wieder gesund wird.' Es gab keine Rettung für sie. Er nahm das Geld am Ende trotzdem.

Wenn Sie Millionär werden, dann rate ich Ihnen eins, ganz ohne Sie zu bevormunden: Sagen Sie es nicht so vielen. Posten Sie das auch nicht irgendwo. Genießen Sie das schön für sich. Das sage ich auch zu meinen Gewinnern, beim Kaffee. Wenn Sie das jemandem erzählen, dann will der vielleicht schon morgen was abhaben von den Millionen. Geld ist etwas sehr Intimes, das merkt man, sobald man es hat.

Geld ist eben nicht alles

Wenn sie in meinem Büro ankommen, sind viele der Überzeugung, sie hätten sich verguckt. 'Es kann nichts mehr passieren, Ihr Gewinn ist längst angefordert, herzlichen Glückwunsch', sage ich dann. Wenn sie mein Büro verlassen haben, höre ich nichts mehr von den Leuten. Ob das Geld sie wirklich glücklich gemacht hat?

Ich habe noch nie vom Gegenteil gehört, aber die Geschichte von Lotto-Lothar kennt man in Deutschland ja. Ein Mann, der Sozialhilfe bekam, als er den Jackpot knackte. Mit den Millionen in der Tasche verspielte er sein Leben. So etwas habe ich in meinen 17 Jahren nicht erlebt - zum Glück.

Nur einmal rief mich eine Gewinnerin später wieder an. Sie stand gerade auf dem Markt und sagte: 'Ach, wissen Sie, Herr Holmer, mit all dem Geld ist mir aufgefallen, dass ich alles, was ich mir immer mit Geld kaufen wollte, gar nicht brauche.'

Mir hat noch nie jemand was von seinem Gewinn angeboten. Ich dürfte ohnehin nichts annehmen, unsere Behörde ist staatlich. Und ich bin eh ein Mensch, der gönnt anderen etwas. Neidisch bin ich nie. Ich hatte in meinem Leben oft Glück, davon kann ich abgeben. Die Phasen, in denen es bei mir nicht lief, zogen mich nicht auf Dauer runter, sie lehrten mich viel.

Momente, die man nicht kaufen kann

Ich war zum Beispiel einmal sehr krank. Und es gab einige Momente, in denen wichtige Menschen in meinem Umfeld starben. Das waren Zeiten, in denen ich mich gefragt habe: Warum hampele ich eigentlich herum auf dieser Welt? Was macht mich jetzt wieder glücklich?

Hermann Hesse hat mal gesagt: 'Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.' Sie können jetzt sagen, das ist ein Kalenderspruch. Aber für mich ist es mehr. Wenn ich eins gelernt habe, in all den Momenten, in denen ich mit Fremden ihr Glück besprach, und während der guten und schlechten Tage in meinem Leben, dann ist es das: Geld allein macht nicht glücklich, natürlich nicht.

Echtes Glück, das kriegen Sie nicht mal für einen Cent. Das ist abends mit Freunden an der Isar sitzen, im Sommer. Glück, das ist München, der Starnberger See, oder Hamburg, ich mag diese weltoffene Stadt. Glück, das ist auch Wien, gutes Essen, architektonischer Wahnsinn.

Geheime Glückszahlen

Am Ende meines Lebens will ich mich so fühlen, wie ein glasklarer Gebirgssee aussieht: keine Wellen, alles ruhig. Nichts mehr, was noch getan werden muss. Ein Gefühl, das mit Geld nicht zu kaufen ist. Um das zu kriegen, muss man andere Wege gehen.

Was nicht heißt, dass ich die Million nicht nehmen würde, wenn ich sie mal gewinnen würde. Ich spiele selbst Lotto, mit einer Zahlenkombination, die ich mit Freunden in Peru ausgetüftelt habe. Wir saßen am Lagerfeuer, jeder sagte seine Glückszahl. Ist selbstverständlich ein Geheimnis.

Wenn ich gewinne, weiß ich genau, wie sich mein Leben verändern würde. Ich würde mir ein Seegrundstück kaufen. An einem See in Bayern. Da, wo es wirklich nicht überlaufen ist. Meine Freundin wäre dabei, hat sie schon gesagt.

Ich würde keine Villa bauen an diesem See, sondern ein Baumhaus. Das ist mein Traum. Habe ich schon oft gegoogelt, Haus am See, Haus im Baum, ohne Tourismus, Einsamkeit."

Video: Lotto-Gewinner - Einmal Millionär und zurück (SPIEGEL TV 2007)

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
Dudenquatscher 06.11.2018
1. Cooler Typ
Schön zu lesen und zu wissen, dass es auch solche Menschen gibt in unserer schnellen Welt.
Gaztelupe 06.11.2018
2. Keine falsche Bescheidenheit!
Ein inhaltlich doch eher dürftiger Artikel. Dafür erfahren wir ganz viel über Herrn Holmer, wie er so tickt und was für ein moralisch einwandfreier Mensch er doch ist, wie er vor allem mitfühlt und wie unbestechlich er ist. Und zwar von ihm selbst! Bisschen eitel vielleicht, der Gute? Ziemlich eingenommen von sich selbst, würde ich sagen.
Palmstroem 06.11.2018
3. Glücklichsein ist nicht Millionär
Man kann ein Leben lang auf sein Glück warten oder man kann versuchen, es selbst zu finden. Das ist der erfolgreichere Weg.
knuty 06.11.2018
4.
Zitat von GaztelupeEin inhaltlich doch eher dürftiger Artikel. Dafür erfahren wir ganz viel über Herrn Holmer, wie er so tickt und was für ein moralisch einwandfreier Mensch er doch ist, wie er vor allem mitfühlt und wie unbestechlich er ist. Und zwar von ihm selbst! Bisschen eitel vielleicht, der Gute? Ziemlich eingenommen von sich selbst, würde ich sagen.
Ja, und vielleicht auch zu Recht.
dasfred 06.11.2018
5. Zu Nr.2 Gaztelupe
Ich glaube, für diesen Beruf ist seine Lebenseinstellung eher hilfreich. Seinen Kunden rüberzubringen, dass sie jetzt reich sind, dass aber der Reichtum nicht alles ist, sondern eine bewusste Lebensweise nur unterstützen kann, ist doch ein Wert an sich. Ich selbst halte nichts von Glücksspielen aller Art, aber ich gönne jedem seine Hoffnung und sein eventuell eintretendes Glück.
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