Frag die Karriereberaterin Diese Lücke im Lebenslauf - soll ich die Wahrheit sagen?

Eine berufliche Auszeit, freiwillig oder erzwungen: Damit wissen Bewerber oft nicht umzugehen. Wie reagieren Unternehmen? Schnappt sofort die Abseitsfalle zu? Karriereexpertin Svenja Hofert empfiehlt mehr Mut zur Lücke.

Tücke der Lücke: Personaler sind darauf geeicht, Lebensläufe zu hinterfragen
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Tücke der Lücke: Personaler sind darauf geeicht, Lebensläufe zu hinterfragen


KarriereSPIEGEL-Klassiker
Manche Dinge ändern sich (fast) nie: Wie man eine interessante Bewerbung schreibt. Wie man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt. Die besten zeitlosen Artikel aus dem KarriereSPIEGEL präsentieren wir Ihnen in loser Folge.
Karsten, 45, ist Teamleiter, hat seinen letzten Job selbst gekündigt und sich anschließend eine einjährige Auszeit gegönnt. Im Vorstellungsgespräch wird er immer wieder darauf angesprochen. Freunde sticheln und sagen, dass diese Lücke selbst verschuldet sei, und ein schlimmer Makel bei einer Bewerbung. Was soll er tun?
Zur Autorin
  • Ann-Christine Krings

    Karriereberaterin Svenja Hofert hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Slow-Grow-Prinzip. Lieber langsam wachsen als schnell untergehen" und "Am besten wirst du Arzt... Wie Eltern ihren Kindern wirklich helfen".

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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:
Beim Thema Lücke muss ich an Jürgen Vogel denken, den Schauspieler. Er hat eine große Zahnlücke, aber das passt und gehört zu ihm. Er sollte das nicht kaschieren. So ähnlich ist es mit Lücken im Lebenslauf. Wer souverän damit umgeht, muss nichts kaschieren. Er kann einfüllen, was drin ist: die bewusst gewählte Pause, Neuorientierung, Sabbatical, Weltreisen, Plastikmüllsammeln in Australien. Bis zu einem Jahr kann auch mal gar nichts drinstehen. Die Jobsuche dauert eben, von der Bewerbung bis zur Einstellung warten qualifizierte Bewerber oft Monate.

Aber nach etwa einem Jahr sollte schon eine Brücke zwischen dem letzten Job und dem Hier und Heute gebaut werden, und sei es nur als "bewusste Auszeit". Auch die Pflege der Großmutter füllt eine Lücke mitunter besser als Leere. Ich erinnere mich an einen Entwickler, der nur Absagen bekam. Bis die Oma Teil des Lebenslaufs wurde, ab dann füllten Dutzende Einladungen sein Postfach. Leere heizt die Fantasie an, bei mehr als einem Jahr ohne Arbeitgeber werden Sie schnell zum Ladenhüter - deshalb lieber die bewusste Auszeit oder eben die Oma wählen.

Nicht immer ist das Problem die Lücke selbst

Es gibt Lücken, die erzeugen bei ihren Besitzern rote Flecken am Hals und schlaflose Nächte. Die Lückenursachen sind dabei oft denkbar harmlos. Man mag es kaum glauben, aber immer noch erzeugt Arbeitslosigkeit bei erwachsenen Menschen ein Schamgefühl. Für viele ist es der schlimmste denkbare Makel, eher in Oberbayern als in Berlin.

Empfinden Sie die Lücke als Malus, schließen Sie sie für den inneren Frieden: mit Familienmanagement, autodidaktischer Weiterbildung, dem Online-Kurs der Stanford-University, einer Unternehmensgründung oder der Arbeit im familieneigenen Hotelbetrieb. Selbst wenn die nur zwei Stunden die Woche umfasste - so genau müssen Sie das nicht nehmen.

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?

Ich habe die unterschiedlichsten Lücken erlebt. Einige waren sehr klein und umfassten nur wenige Wochen, andere Jahre. Die Gründe sind so mannigfaltig wie das Leben: Da gibt es die Auszeit, ebenso eine Zeit in der Klinik, die Monate der Rehabilitation und natürlich eine Familienzeit. Für Frauen ist die Lücke sowieso immer ein Thema, weil sie darauf deutet, dass Kinder da sind. Und Kinder lösen Assoziationen aus wie "Teilzeitmutti, die schafft das nicht, wird nicht reisen, kommt nicht in die 18-Uhr-Meetings". Frauen, die eine Familien-Lücke mit der Wahrheit füllen, müssen immer auch ein bisschen kampflustig sein, um Männern mit klassischem Familienmodell im Kopf entsprechende Konter zu geben.

Ich kenne auch die Lücke, die entstand, weil kein Job gut genug war. Vertrieb? Will ich nicht, ich bin kein Verkäufer. Administration? Ist mir zu blöd, ich hab ja studiert. Arbeiten? Muss noch nicht sein, Papa hat ein Ferienhaus in Travemünde und schießt beliebig Geld nach. Irgendwann wird die Lücke dann sehr groß, die Jobsuche zum Katz- und Mausspiel. Die Maus ist immer gleich wieder um die Ecke, weil die Katze lahm geworden ist und bequem. Das Problem ist dann nicht die Lücke.

Manche Personaler sind Lückensuchgeräte

Ich habe die unterschiedlichsten Personaler erlebt. Manche sind entspannt, andere streng und konservativ. Solche Lückensucher beklagen schon das Fehlen von sechs nicht dokumentierten Wochen wie ein Schwerverbrechen. Einer machte einer Bewerberin Vorwürfe für einen Sprachaufenthalt in den USA. Die Frau wurde bei einem anderen Arbeitgeber eine der besten und engagiertesten Mitarbeiterinnen.

Nun weiß ich natürlich, dass es aus Personalersicht immer nur eine Möglichkeit gibt: Egal wie der Lebenslauf aussieht, man muss ihn hinterfragen. Darauf sind Personaler geeicht. Ob sie Ihnen eine Lücke wirklich ankreiden oder nur so tun, steht auf einem ganz anderen Blatt. Weil Sie das nie wissen, sollte es Ihnen erst recht egal sein.

Und, Karsten: Auf Freunde sollten Sie bitte bei solchen Themen gar nicht hören. Die projizieren nur eigene Ängste auf Sie oder sind eventuell sogar neidisch auf Ihre Auszeit und Ihren Mut, einen ungeliebten Job zu kündigen. Sie sind nicht allein: Ich sehe immer längere selbst gewählte Auszeiten bei unter 35-Jährigen. Und je mehr davon es gibt, desto normaler wird die Lücke werden.

Was Bewerber sich fürs Vorstellungsgespräch wünschen (aus einer Umfrage des Recruiting-Portals Softgarden)

"Vorgesetzte sollten sich vor einem Gespräch mit einem Bewerber auch mit dessen Bewerbung beschäftigen. Teilweise werden die Bewerbungen erst zu Beginn eines Vorstellungsgespräches kurz überflogen."

"Es würde sehr helfen, wenn im Vorstellungsgespräch ein normaler Tagesablauf im Unternehmen zur Veranschaulichung beschrieben würde."

"Bitte die Vorauswahl der Bewerber nicht ausschließlich den Assistenten überlassen."

"Mir wäre schon mit klaren, realistischen Bewerberprofilen geholfen."

"Von abgegriffenen Fragen wie 'Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?' oder 'Warum sollen wir uns für Sie entscheiden?' sollten Personaler absehen."

"Das Vorstellungsgespräch wäre besser, wenn ein Kollege aus dem ausgeschriebenen Bereich dazugeholt würde, damit er mitentscheiden kann über den Bewerber."

"Sie sollten offene Gepräche führen und nicht über 'dialektische Umwege' die Persönlichkeit ergründen."

"Sie sollten unbedingt ein Mindestmaß an Wertschätzung zeigen. Ich habe von Skype-Interviews gehört, bei denen man mit zwei CEOs sprach, wobei einer seine Fragen einfach hastig abarbeitete, während der andere am Smartphone arbeitete."

"Ein Verbesserungsvorschlag wäre, wenn der Vorgesetzte sofort auch beim ersten Vorstellungsgespräch anwesend ist, und nicht nur der Personaler."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
frankstroehlein 18.08.2015
1. Im Lebenslauf...
...gibt es ja per Seite keine Lücken, höchstens im Arbeitsleben. Man war ja schließlich nicht temporär nichtexistent.
No Way, Jose 18.08.2015
2. Lebensplanung ist Privatsache
"Lücken" gehen den Arbeitgeber nichts an. Schliesslich bezahlt er nur für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit. Das einzige das ihn zu interessieren hat, sind vorherige Tätigkeiten/Ausbildungen, die den angepeilten Job betreffen. Wie jemand sonst seine Zeit einteilt, ist Privatangelegenheit. Rechtfertigungen durch den potentiellen Arbeitnehmer sind überflüssig und, soweit gefordert, ein Grund das Vorstellungsgespräch frühzeitig zu beenden.
beaker24 18.08.2015
3. unerheblich, in Zeiten des Fachkräftemangels
Unermüdlich wird dem Medienkonsumenten eingehämmert, wie sehr Deutschland unter Fachkräftemangel leidet. Demnach kann es kein Arbeitgeber erlauben Bewerber auszusortieren, nur weil die Arbeitsbiographie Lücken aufweist. Erst gestern hat ein Arbeigeber auf einen ehem. Mitarbeiter geschossen, weil der gekündigt hatte. Motiv: Verzweiflung wegen Fachkräftemangels, laut Bild Online am 17.08.15. "Osnabrück/Hamburg – Der Fachkräftemangel im Handwerk treibt viele Chefs zur Verzweiflung."
beaker24 18.08.2015
4. unerheblich, in Zeiten des Fachkräftemangels
Unermüdlich wird dem Medienkonsumenten eingehämmert, wie sehr Deutschland unter Fachkräftemangel leidet. Demnach kann es kein Arbeitgeber erlauben Bewerber auszusortieren, nur weil die Arbeitsbiographie Lücken aufweist. Erst gestern hat ein Arbeigeber auf einen ehem. Mitarbeiter geschossen, weil der gekündigt hatte. Motiv: Verzweiflung wegen Fachkräftemangels, laut Bild Online am 17.08.15. "Osnabrück/Hamburg – Der Fachkräftemangel im Handwerk treibt viele Chefs zur Verzweiflung."
pat_flaneur 18.08.2015
5. Vogel
Der Schauspieler heißt Jürgen, und nicht Jochen... ;)
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