Umzug für den Job Er macht Karriere - sie macht mit

"Schatz, wir ziehen um!" Wenn Männer berufsbedingt in eine andere Stadt müssen, kommen ihre Frauen laut einer Umfrage mit - und stellen ihre eigene Karriere hintenan. Studienleiterin Marion Büttgen über Rollenklischees und Luxusweibchen.

Ein Interview von Anja Tiedge

  Standortwechsel für den Beruf: Wessen Karriere ist wichtiger?
Corbis

Standortwechsel für den Beruf: Wessen Karriere ist wichtiger?


Zur Person
  • Marion Büttgen ist Professorin für Unternehmensführung an der Universität Hohenheim. Gemeinsam mit Jan Ullrich hat sie den "Einfluss des Partners auf Karriereentscheidungen" untersucht. Dabei zeigten sich zwischen Männern und Frauen deutliche Unterschiede hinsichtlich Toleranz und Selbsteinschätzung.
KarriereSPIEGEL: Frau Büttgen, hätten Sie damit gerechnet, dass die Rollenbilder in Partnerschaften so veraltet sind?

Büttgen: Zum Teil war ich schon überrascht. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass materialistische Frauen deutlich höhere Karriereerwartungen an ihren Partner haben als materialistische Männer an ihre Frau. Da kommt einem der Gedanke an das Luxusweibchen, das zu Hause sitzt und sich den Wohlstand vom erfolgreichen Mann finanzieren lässt - ein Rollenbild, das ich vor 30 Jahren erwartet hätte, aber nicht mehr heute. Ähnlich klischeehaft sind auch die Ergebnisse für die Frage, welchen Einfluss der Partner auf einen jobbedingten Umzug hat.

KarriereSPIEGEL: Nämlich?

Büttgen: Frauen ist es wichtiger, dass ihr Partner am neuen Wohnort einen passenden Job findet als umgekehrt. Auch das passt ins Rollendenken: Die Karriere des Mannes wird als wichtiger angesehen als die Frage, ob die Frau beruflich vorankommt. Das mag auch mit der Familienplanung zusammenhängen, für die Frauen fast immer zurückstecken, Männer viel seltener.

KarriereSPIEGEL: Liegt das nicht vor allem daran, dass der Mann oft mehr verdient?

Büttgen: Sicher mag das auch ein Grund sein. Letztlich ist es dann rein ökonomisch gesehen sinnvoller, wenn der Mann in der neuen Stadt einen guten Job findet. Aus der Studie geht das aber nicht hervor.

KarriereSPIEGEL: Karriere zu machen - bedeutet das stets den klassischen Aufstieg die Firmenleiter hinauf?

Büttgen: Wenn Mitarbeiter denken, dass ihre Partner eine hohe Karriereerwartung an sie haben, streben sie eher eine Managementposition an als eine Fachlaufbahn. Karriere wird noch immer mit einem Aufstieg in der Hierarchie assoziiert, nicht mit einer Expertenlaufbahn, wie sie etwa ein IT-Spezialist durchläuft. Gerade für große Unternehmen sind solche Fachkräfte aber sehr wertvoll. Sie versuchen deshalb, beide Karrieren gleichzusetzen. In den Köpfen ist das aber noch nicht angekommen, wie unsere Studie zeigt.

KarriereSPIEGEL: Wen haben Sie befragt?

Büttgen: Es waren Mitarbeiter in Fach- und Führungspositionen bzeziehungsweise Nachwuchskräfte, überwiegend von Dax-Unternehmen. Insgesamt hatten wir rund 1400 Teilnehmer. Anschließend haben wir sie gebeten, den Fragebogen an ihre Partner weiterzuleiten, und 211 haben uns geantwortet.

KarriereSPIEGEL: Das klingt zu wenig für ein generelles Bild, wie sich Partnerbeziehungen in Deutschland auf berufliche Entscheidungen auswirken.

Büttgen: Das stimmt. Es gehört nicht gerade zur Lieblingsbeschäftigung von Fach- und Führungskräften, Fragebögen auszufüllen und dann auch noch weiterzuleiten. Die Partner müssen ebenfalls gewillt sein mitzumachen - eine zusätzliche Hürde. Deshalb gibt es solche Partnerstudien in Deutschland praktisch nie, und auch unsere Teilnehmergruppe ist - zumindest bei den Partnerantworten - relativ klein. Bestimmte typische Muster kann man aber gut erkennen.

KarriereSPIEGEL: Auch, wo genau die Antworten der Partner sich unterscheiden?

Büttgen: Ja. Beim Zuordnen der Fragebögen per Codierung zeigte sich, wie gravierend die Differenzen in einigen Fällen waren. Im Falle eines Umzugs schätzen weibliche Mitarbeiter die Jobchancen ihres Mannes am neuen Standort deutlich schlechter ein als er selbst. Das kann zwei Gründe haben: Entweder ist die Frau zu pessimistisch, oder die Männer sind zu sehr von sich überzeugt und denken, sie kriegen sowieso überall einen Job. In beiden Fällen kann das zu Problemen führen.

KarriereSPIEGEL: Gab es noch mehr Unterschiede?

Büttgen: Wenn Männer angeben, sie seien stark in ihr soziales Umfeld eingebunden, nehmen sie das von ihrer Frau automatisch auch an. Das entspricht aber oft nicht den Angaben der Partnerin. Auch da scheint es Verzerrungen in der Wahrnehmung zu geben.

KarriereSPIEGEL: Hilft, ganz simpel, Reden?

Büttgen: Unbedingt! Die Partner kommunizieren anscheinend zu wenig. Mein Rat ist daher: Sprecht mehr miteinander. Das gilt übrigens nicht nur für Paare, sondern im Fall von Standortwechseln ebenso für Unternehmen, Mitarbeiter und Partner.

KarriereSPIEGEL: Wie, ein Arbeitgeber soll auch mit dem Partner eines Mitarbeiters sprechen?

Büttgen: Genau - bei einer geplanten Versetzung ist das sehr sinnvoll: Das Unternehmen bindet den Partner von Anfang an in Gespräche ein, lässt ihn mit zum neuen Standort reisen, hilft bei der Jobsuche. Das ist auf lange Sicht günstiger, als den Mitarbeiter zurückzuholen, weil der Partner sich am neuen Wohnort nicht wohlfühlt.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
01099 06.10.2015
1. Guten Morgen!
Um zu bemerken, dass die Menschen noch immer in klassischen Rollenbildern festhängen und festhängen wollen, muss man keine Studie machen sondern nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. Und dann wird einem auch ganz schnell klar, warum so viele Ehen und Beziehungen scheitern. Daran ist der Materialismus schuld, der längst in das Zwischenmenschliche geschwappt ist bzw. immer schon da war. Emanzipation? Fehlanzeige! Bitte nicht vergessen, dass die, die sich einen Karrieristen an die Seite nimmt, diesen dann auch bekommt und der wird ganz sicher alles daran setzen, dass der Aufstieg nicht abbricht. Also wird er mehr und noch mehr arbeiten, während Frauchen daheim hockt, sich um Nachwuchs und Haushalt kümmern darf, emotional verhungert und letztlich die Trennung anordnet, wenn nicht der Mann schon vorher mit der Sekretärin durchgebrannt ist. Solche Dinge passieren sehr oft. Gerne auch der Fall, dass Frau dem Manne in fremde Städte folgt, er dort seine Karriere macht und sie keinen Anschluss findet. Verbitterung ist dann auch durch keine Kreditkarte der Welt mehr zu vertreiben. Solche Beziehungen sind narzisstisch-materialistische Verbindungen, die mit wirklicher Nähe zwischen zwei Menschen nichts zu tun haben. Aber wir wollen es ja so. In einer "Ich-Welt" existiert eben kein "Wir" mehr. Manch einer sagt ja, dass der Kapitalismus und das damit verbundene Karrierestreben die romantische Liebe zerstört hätte. Ich würde eher sagen, dass unser Wirtschaftssystem die "Liebe" als das entlarvt, was sie eigentlich ist; ein Märchen. Klingt vielleicht bitter, ist aber die Realität.
lindenbast 06.10.2015
2.
In meinem Umfeld werden in solchen Fällen vor allem Fernbeziehungen gepflegt. Teurer Spaß und für die Beziehung ein hohes Risiko, abgesehen davon, dass man ja normalerweise nicht heiratet, umgetrennt zu leben. Ach ja, und mit Kindern ist es natürlich auch nicht so richtig prickelnd, faktisch ist die Frau dann alleinerziehend.
quark2@mailinator.com 06.10.2015
3.
Statistisch verdienen Männer mehr Geld, aber Frauen bestimmen öfter, wofür es dann ausgegeben wird. Wer hat also dann den Vorteil, wenn mehr Geld ins Haus kommt ? Jedenfalls nicht nur der Mann, oder ?
mam71 06.10.2015
4.
Frau wählt ihren Partner eben meistens nach sozialem Rang aus, sie heiratet nach oben. Wenn die Ärztin sich statt dem Chefarzt den Hausmeister-Azubi angeln würde, würden viele der genannten Probleme ganz anders aussehen. So aber steht natürlich Erhalt und weiterer Ausbau dieses Selektionskriteriums auch für das Paar ganz oben auf der Agenda.
verdienst 06.10.2015
5. wieso hilft reden?
divergierende Wahrnehmung ist doch nicht automatisch ein Konfliktgrund. Und Rollenaufteilung an sich ist doch nichts schlechtes, sondern zutiefst nützlich, denn jeder kann es sich in seiner Rolle einrichten. Manchmal bekommt man den Eindruck, die Probleme werden von Außen, gerade aus der feministischen und Gender-Ecke, den Beziehungen eingeredet. Eine gewisse Realitätsferne, wie auch am Artikel ersichtlich, spielt da mit. Denn den Partner der Firma vorstellen zu wollen senkt die Jobchancen dramatisch.
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