Management trifft Mensch Einfach mal zuhören

Unternehmen sind keine Demokratien. Trotzdem ist Meinungsforschung auch in Firmen wichtig. Denn manche Chefs wissen gar nicht, wie eigentlich so die Stimmung bei ihren Leuten ist.

Schlechte Stimmung im Betrieb? Nicht jeder Chef kriegt das mit
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Schlechte Stimmung im Betrieb? Nicht jeder Chef kriegt das mit

Eine Kolumne von


Bernd ist Eigentümer einer Firma. Metallverarbeitung, Süddeutschland, 150 Mitarbeiter. Schöner klassischer Mittelstand. Bernd hat das Unternehmen von seinem Vater übernommen, es vergrößert, spezialisiert, effizienter und schlanker gemacht. Er kann nicht klagen. "Wie schön für dich", sagte Egon, der Profi, vor drei Monaten zu ihm. "Aber was ist mit deinen Leuten? Weißt du überhaupt noch, wie es denen geht?"

Egon ist Personalberater, die beiden Männer kennen sich aus dem Studium. Wenn Bernd der knorzige Unternehmer aus echtem Schrot und Korn ist, dann ist Egon der smarte Jungmanager mit dem Hang zum Querdenken.

Meistens lässt Bernd Egon reden und bestellt "noch zwei Viertele Roten". Doch diesmal war es anders. Denn: Wie geht es eigentlich den Leuten unten in den Produktionshallen, in den Vertriebsbüros, in der Personalabteilung?

"Du brauchst eine Mitarbeiterbefragung", sagte Egon, der Profi, und bestellte seinerseits noch zwei Viertele, weil es nun galt, ein Fragen-Set-up zu skizzieren.

Einen Monat später lag der Umschlag mit den Ergebnissen auf Bernds Schreibtisch, streng vertraulich. Er ließ ihn eine Nacht und einen Tag lang ungeöffnet liegen, Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Doch im Umschlag wartete höchst Unerfreuliches. Arbeitsklima, Führungsstil, Unternehmensstrategie, Work-Life-Balance - in fast allen Punkten lagen die Ergebnisse im unteren Mittelfeld, bisweilen deutlich darunter. Einzige Ausnahme: Die kleine Kantine erhielt durchweg Bestnoten.

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"Immerhin schmecken die Spaghetti Bolognese", dachte Bernd bitter. Zu weiteren Gedanken war er erst mal nicht fähig, der Schock saß zu tief. Hatte er denn nicht alles für seine Mitarbeiter getan? Sabbaticals ermöglicht, Gehaltserhöhungen zugestimmt, Teambuilding-Events im Dutzend genehmigt?

"Alles gut und schön", sagte Egon, der Profi. "Aber das sind nur die Hygiene-Faktoren. Viel wichtiger ist, dass Deine Leute sich ernst genommen fühlen. Alle zehn Jahre mal eine Mitarbeiterbefragung reicht da nicht."

Unternehmen sind keine Demokratien. Für so manchen Firmenlenker mag das tröstlich gewesen sein in den vergangenen Wochen. Denn Demokratien haben die irritierende Eigenschaft, bisweilen für Überraschungen zu sorgen. Richtig, die Rede ist von Donald Trump. Und von der Tatsache, dass die Wähler ihn zum amerikanischen Präsidenten bestimmt haben, obwohl er ganz offensichtlich eine lange Reihe gravierender, nun ja, Defizite aufweist.

Sehr vielen Menschen war das egal, ihr Votum folgte allein dem Gefühl, nicht mehr gehört, nicht ernst genommen zu werden. Dieses Gefühl war so stark, dass es die offensichtlichen negativen Begleiterscheinungen einer donaldschen Präsidentschaft ignorierte.

"Am Ende", sagte Egon, "geht es nicht um Wahlprogramme, Inhalte oder Gehaltserhöhungen. Nicht um Team-Events, sondern um das Gefühl, überhaupt Teil des Teams zu sein."

Bernd kann nicht abgewählt werden, das immerhin. Aber die betrüblichen Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung zeigen ihm, dass er über seine Belegschaft so schlecht Bescheid wusste, wie die amerikanischen Meinungsforscher über die Stimmungslage der Amerikaner.

Es ist ein Warnschuss, sagt Egon. Noch ist die Fluktuation niedrig, noch liegt der Anteil derer, die nur Dienst nach Vorschrift machen, anstatt für ihren Job zu brennen, im Normalbereich. Noch ist Zeit gegenzusteuern.

"Aber wie?", fragt Bernd. "Noch mehr Teambuilding? Mehr Corporate Social Responsibility? Öfter Spaghetti Bolognese auf den Kantinenplan?"

Nichts von alledem, antwortet Egon, vielleicht abgesehen von der Bolognese. Einfach mehr zuhören, da sein, "nah bei de Leut'", wie ein SPD-Vorsitzender einst sagte.

Also macht Bernd seine Mitarbeiterbefragung jetzt regelmäßig. Nicht mit Fragebogen im Intranet, sondern in echten Gesprächen, bei einem Kaffee oder in der Mittagspause. Oder nächste Woche, bei der Weihnachtsfeier.

Bernd wird versuchen, mit möglichst vielen Menschen zu sprechen, nicht nur mit denen, die direkt an ihn berichten. Die Stimmung wird gelöst sein, das Essen außergewöhnlich. In letzter Minute hat Bernd die Gans mit Klößen und Rotkohl ausgetauscht, gegen Spaghetti Bolognese. Das wird eine schöne Bescherung.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
alexfiftyfour 02.12.2016
1. Walking Management
Man nennt das auch Walking Management. Mit dem Ohr am Volk. Meiner Meinung nach die beste Art zu führen.
allessuper 02.12.2016
2. Meine Güte,
wo sind wir gelandet, dass man so einfache Dinge schreiben muss? Was interessanter wäre ist darüber zu schreiben, wieso Kopfhörer beim Laufen, auf Rad und am Steuer nicht schon längst verboten sind. Da fängt das Hören an - und es endet auch oft dort...
schwerpunkt 02.12.2016
3.
Wichtiger als das Wissen darum wie die Stimmung ist, ist, weshalb sie so ist wie sie ist.
dirsch 02.12.2016
4. Viel bla bla
Auch bei uns werden regelmäßig Mitarbeiterbefragungen durchgeführt, gibt es Team-Events und tolle Reden... Was fehlt, sind Konsequenzen. Das Management feiert sich für die Befragungen - aber benannte Missstände und Ptobleme werden nicht angegangen. Letztlich ändert sich nichts - bis auf die Tatsache, dass alle x Jahre umstrukturiert wird, das aber ohne Sinn und Verstand. Es gibt durchaus Argumrnte und Vorschläge für Veränderungen, auch an der Struktur. Letztlich zählt das nicht, entschieden wird von Leuten, die nicht wissen, wie an der Basis gearbeitet wird. Aber ja, es gibt Befragungen, ein unabhängiges Institut wertet die aus. Wir sind ein tolles Unternehmen...
eigene_meinung 02.12.2016
5.
Zitat von dirschAuch bei uns werden regelmäßig Mitarbeiterbefragungen durchgeführt, gibt es Team-Events und tolle Reden... Was fehlt, sind Konsequenzen. Das Management feiert sich für die Befragungen - aber benannte Missstände und Ptobleme werden nicht angegangen. Letztlich ändert sich nichts - bis auf die Tatsache, dass alle x Jahre umstrukturiert wird, das aber ohne Sinn und Verstand. Es gibt durchaus Argumrnte und Vorschläge für Veränderungen, auch an der Struktur. Letztlich zählt das nicht, entschieden wird von Leuten, die nicht wissen, wie an der Basis gearbeitet wird. Aber ja, es gibt Befragungen, ein unabhängiges Institut wertet die aus. Wir sind ein tolles Unternehmen...
Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Arbeiten wir im selben Unternehmen?
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