Management trifft Mensch Ein Problem weniger

Früher zahlte man guten Mitarbeitern Boni oder erhöhte ihr Gehalt - heute gibt es mehr Möglichkeiten. Am besten läuft's, wenn der Chef es seinen Leuten als Anerkennung verkaufen kann, dass sie sein Problem lösen dürfen.

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Eine Kolumne von


Natürlich weiß Etoile, dass früher nicht alles besser war. Aber manchmal fühlt es sich halt einfach so an. Etoile, mittlere Führungskraft eines Textilunternehmens in Süddeutschland, muss derzeit oft an seine Anfänge denken. An damals, als er noch jung und die Welt übersichtlicher war - sowohl managementtechnisch als auch ästhetisch.

Auf der Management-Seite gab es einst, wenn man jemanden für herausragende Arbeit belohnen wollte, den Bonus und die Gehaltserhöhung. Heute gibt es einen Dschungel an Möglichkeiten. Die Bäume darin tragen Namen wie "Kindergartenzuschuss", "Talent-Pool" oder "Inzentivierungszuschuss". Etoile hat keine Ahnung, welchen Baum er für Adeline aussuchen soll, die ihm mit ihrem Einsatz in Q4 den Vertriebsabschluss gerettet hat.

Akzente setzen im Farbenreigen

Noch verwirrender sieht es ästhetisch aus. Eigentlich ist die Angelegenheit übersichtlich: Die Firma Pantone kürt regelmäßig die "Farbe des Jahres". Für 2018 steht im "Fashion Color Trend Report", dass alle Lila ("Ultra Violet") tragen müssen. Oder? Leider nicht.

Denn neben "Ultra Violet" hat Pantone elf weitere Farben definiert, die auch irgendwie die Trends in diesem Frühjahr bestimmen sollen. Darunter gelb, rot, blau, grün und braun - also eigentlich alle Farben. Genau genommen heißen die Töne: "Meadowlark", "Cherry Tomato", "Little Boy Blue", "Arcadia" und "Emperador". Nicht zu vergessen "Lime Punch", das mit seiner "schrillen und schlagkräftigen Farbkraft einen zitronigen Akzent" in der Farbpalette für das Frühjahr 2018 setzt.

Zitroniger Akzent, ha! Wie soll er Akzente in einer Kollektion setzen, wenn alle Farben möglich sind? Er versteht natürlich, was der bunte Reigen soll: Es geht, wie meistens, darum, alle mitzunehmen, niemanden vor den Kopf zu stoßen und ein rundum gutes Feeling zu vermitteln.

Das klappt nur nicht so gut, wenn man einen konkreten Job zu erledigen hat. In dem Fall: Aus der Farbenflut diejenige auszuwählen, die dann die Kollektion zum Top-Seller werden lässt. Denn mit einem Malkasten von zwölf Farben braucht sich Etoile beim Hauptgeschäftsführer nicht blicken zu lassen, das immerhin steht fest. Und eine Lösung in Sachen Adeline ist auch noch nicht gefunden.

Die Überzeugungskraft von "Pink Lavender"

Wie immer, wenn Etoile über zwei Probleme gleichzeitig nachgrübelt, versucht sein Gehirn beinahe zwanghaft, die beiden Aspekte zu verbinden - und diesmal sogar erfolgreich. Plötzlich hat er die Eingebung, Adeline mit der Auswahl der Farbe für den Akzent in der Kollektion zu betrauen.

Er wird diesen taktischen Zug als Anerkennung ihrer Leistungen verkaufen und als Aufstieg in höhere, konzeptionelle Sphären. Wenn alles gut läuft, ist Adeline glücklich und Etoile gilt als Führungskraft, die originell und mit Augenmaß ihre Mitarbeiter in Szene zu setzen weiß.

Wenn Adeline den Job versemmelt, ist das Problem zwar wieder bei ihm - aber dann kann sich Etoile als zupackender Macher inszenieren, der die Kohlen aus dem Feuer holen muss, weil es seine Untergebenen mal wieder nicht auf die Kette kriegen. So oder so: alles wieder in Butter.

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Jetzt muss er nur noch Adeline von seiner brillanten Idee überzeugen. Das braucht natürlich etwas Vorbereitung - doch da ist Etoile ja in seinem Element. Zum Gespräch morgen wird er ein Hemd in "Pink Lavender" tragen, denn die Farbe überzeugt durch ihre ruhige Ausstrahlung. Und dazu ein Einstecktuch in "Spring Crocus" kombinieren. Der extravagante Fuchsiaton "umfängt mit verführerischem Charme". Da kann dann nichts mehr schiefgehen.



insgesamt 4 Beiträge
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Emma Woodhouse 22.02.2018
1.
Peter der Große hatte bereits vor 300 Jahren die geniale Idee, verdiente Leute mit schönen bunten Orden (preisgünstig) auszuzeichnen, statt sie mit den bis dahin üblichen Adelstiteln und Landgütern (teuer) zu belohnen. Die Orden, die man sich gut sichtbar an die Heldenbrust stecken kann, haben sich bekanntermaßen durchsetzen können. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ;-)
dasfred 22.02.2018
2. Ich hatte mal einen Abteilungsleiter
Sie sind doch voll in die Thematik eingearbeitet, können sie bitte ein Konzept dazu entwerfen? So zwei oder drei Seiten reichen. Benutzen sie ruhig die Schreibmaschine in meinem Büro, da haben Sie dann Ruhe. Am nächsten Tag zufällig im Vorzimmer der Geschäftsführung. Die Sekretärin bat mich um Rat, wie sie die Schattenlinie aus einer Copy entfernt. Das Blatt enthielt meinen Text. Mein Abteilungsleiter hatte versucht, seinen Namen darüber einzukopieren. Ich bot ihr großzügig mein Original an, mit dem Hinweis, dass sich da jemand mit fremden Federn schmücken wollte. Das trug sie genüsslich dem Chef vor und ab dem Tag war der Abteilungsleiter nur noch formal nach außen mein Vorgesetzter. Den Rest machte der Chef mit mir persönlich ab.
till-ulrich_hepp 23.02.2018
3. Perfide! Das sollte dringend verboten werden!
Dieser Beitrag stellt eine perfide Taktik von vielen vor, welche mittels der Aussendung behavioristischer Stimuli versucht, Mitarbeitern ohne Entgelt Zusatzleistung zu entlocken. Was man früher in Fabriken und Manukfaturen des 19.Jh. mittels unterschiedlicher Beleuchtungsintensität versuchte (mehr Licht - Aufsichtspersonen könnten einen sehen - noch schneller arbeiten, dann wieder weniger usw.) wird nun mittels "happiness, team building, corporate identity, "Wir-Gefühl" (Brrr) etc." versucht. Das ist abstoßend und unmenschlich. Mitarbeiter werden angestellt und in einem klar umrissenen Arbeitsvertrag hat präzise und nicht etwa schwammig formuliert zu stehen, was der Mitarbeiter gegen welches Geld in welcher Arbeitszeit zu verrichten hat. Hier muss dringend gegen gesteuert werden, denn diese Mischung aus Manipulation der einzelnen Arbeitnehmer und kollektivistischem "Wir-Gefühl, Corporate Identity" etc. Brainwash ist gefährlich und ruiniert letztlich die Workforce während Betriebe kurzfristig etwas mehr raus holen. Für hohen Profit braucht man bestens ausgebildete und gebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein gutes Geschäftsmodell und stetige Innovation - wirkliche Innovation, nicht kleinteilige Schritte, die als Innovation verkauft werden. Das alles wird mit diesen Taktiken nicht erreicht!
bernd.stromberg 24.02.2018
4. Leistung lohnt nicht mehr
Leistung lohnt sich ohnehin nicht mehr, weil man selbst mit einem guten Facharbeitergehalt bereits Spitzensteuersatz zahlt. Man schaue sich mal die Tarifverträge in der Metallindustrie an, was ein VW-Arbeiter am Band erhält. Da kommt man dann recht locker auf die aktuell ca. 54.000 Euro Jahresbrutto, aber der der Spitzensteuersatz fällig wird. Das sind die heimlichen Steuererhöhungen - vor Jahrzehnten musste ein Arbeitnehmer mehr als 10-Fache des Durchschnittslohns verdienen um in den Spitzensteuersatz zu fallen. Heute das 1,x fache.
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