Manager und Fremdsprachen "Im Meeting schlägt niemand im Lexikon nach"

Ein Schlangen-Menü in Taiwan, eine Flucht vor kreischenden Araberinnen - als Risikospezialist hat Peter Koob einiges erlebt. Flau wird ihm bei Dienstreisen nur, wenn er um Worte ringen muss.

DPA

von Silvia Dahlkamp


Den peinlichsten Moment seiner Laufbahn erlebte Peter Koob, 55, in Tokio: Bei einem Treffen der Rückversicherer aus aller Welt stellt der Versicherungsmanager seinen Konzern vor. Powerpoint auf Japanisch: "Haikei..." - "Sehr geehrte Damen und Herren..." Die Gastgeber blicken überrascht auf. Ein deutscher Geschäftsmann, der ihre Sprache spricht? Ungewöhnlich.

"R+V wa, Doitsu no hokendesu vu~subden ni motodzuku", fährt Koob fort. "Die R+V ist eine deutsche Versicherung mit Sitz in Wiesbaden." Die Japaner lauschen konzentriert. Noch fühlt sich Koob sicher, sogar ein bisschen stolz: Schließlich spricht er zum ersten Mal Japanisch, hat sich die Sprache sogar selbst beigebracht - mit "Japanisch für Dummies".

Doch der Dumme ist am Ende er.

Der Versicherungs-Gruppenleiter steht am Podium, seine Zunge stolpert tapfer von Wort zu Wort. Die Japaner lächeln unermüdlich. Zunächst ist Koob irritiert. Bis er begreift, dass keiner ihn versteht.

Fließend Englisch, dazu Spanisch, gern noch Mandarin. Die Stellenanzeigen großer Unternehmen zeigen: Allein mit der Muttersprache kommt ein Manager im internationalen Geschäft nicht weit. Über 40 Prozent der 18- bis 39-Jährigen nutzen im Beruf die Weltsprache Englisch, ergab eine Forsa-Umfrage.

Für Peter Koob waren Sprachen nie ein Problem. Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch... Japanisch wäre schön, dachte er bei der Einladung aus Tokio. Einen Dolmetscher fand er zu unpersönlich und büffelte Vokabeln - Flutwellen, Vulkanausbrüche, Schadensregulierung nach Erdbeben.

Halbwissen reicht nicht

Den Schaden hatte Koob in Tokio selbst. Das Risiko, das er unterschätzte: den Singsang einzelner Silben. Eine falsche Betonung, schon bekommt ein Wort einen anderen Sinn. Applaudiert haben die Gastgeber trotzdem - damit Koob sein Gesicht nicht verliert. Aber imponiert hat er ihnen wohl auch.

Sprechen, ohne die Sprache zu verstehen, trotzdem einen Vertrag abschließen - das ist Peter Koob nur dieses eine Mal gelungen. Das normale Geschäft läuft anders. Fast die Hälfte des Jahres ist er unterwegs zu Kunden auf allen Kontinenten. "Im Meeting schlägt niemand ein Wort im Lexikon nach", sagt Koob. "Wer Geschäftspartnern auf Augenhöhe begegnen will, muss alle Feinheiten ihrer Sprache beherrschen."

Seit 27 Jahren macht er den Job, als eine Art Libero für Gesellschaften, die Milliardenprojekte versichern: Satelliten, Wolkenkratzer, Tanker, Konzerne. Weil die Großen der Branche die Risiken nicht allein stemmen können, suchen sie Rückversicherer, die sie im Notfall decken. Da kommt Koob ins Spiel. Er handelt komplizierte, bis zu hundert Seiten starke Kontrakte aus.

Beispiel Satelliten-Geschäft: Die R+V versichert ganze Pakete. Koob diskutiert mit Kollegen in aller Welt, wer wie viel zahlen muss, wenn etwa eine Rakete falsch zündet und der Himmelskörper die Umlaufbahn verpasst. Ob es einen Selbstbehalt gibt, wenn ein Tank leckschlägt und der Energielevel sinkt. Immer geht es um Katastrophen. Im All wie auf der Erde.

Kein Wort über Politik und Religion

Bremen heißt ein 64-Einwohner-Dorf im US-Staat Kansas - zehn Häuser mitten in der Prärie, Postoffice, Feuerwache und seit 1888 die "Bremen Farmers Mutual Insurance Company". Das Familienunternehmen versichert Rinderbarone und ihre Herden, zudem Farmer, die Millionen Tonnen Weizen anbauen. Allerdings: Die Höfe liegen in einem Tornado-Gebiet. Die Firma muss sich absichern, damit ein Riesenwirbel sie nicht eines Tages in die Pleite weht.

Empfang im Konferenzsaal, in den Mittleren Westen gereist ist Christian Walther, 38, Koobs Kollege, zuständig auch für Nordamerika. Er weiß, wie man bei den Kollegen auf dem Land ankommt: kein Anzug, besser Polo-Shirt und Slacks, Freizeithosen.

Hier ist alles anders als in Tokio. Man darf über alles reden, gern über das letzte Football-Spiel des Juniors, nur niemals über Politik und Religion. Ein bisschen Small Talk, ein Scherz, die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Walther sagt: "Wer stottert, schlittert in eine Katastrophe. Stockt der Redefluss, verliert der Zuhörer das Interesse." Und er vielleicht das Geschäft.

55 Underwriter, Risikospezialisten, arbeiten in der R+V-Zentrale in Wiesbaden. Fast alles Deutsche. Aber die Zeiten ändern sich: Als Peter Koob einst Wirtschaft mit Schwerpunkt Spanisch studierte, war das exotisch. Und Christian Walther startete mit Schulenglisch ins Duale Studium. Heute sollen Bewerber zwei Sprachen fließend sprechen, gern mehr. Auf die Schulnoten schaut Peter Koob nie: "Ich wechsle im Gespräch einfach von Deutsch auf Englisch auf Spanisch auf Italienisch, teste das Sprachgefühl."

Selbst wer ein Jahr im Ausland war, plaudert nicht aus dem Stegreif über "satellite technology" oder "meteorological extremes". Das gehe nur durch Learning by Doing, sagt Christian Walther. Er lebte nach dem Studium einige Wochen in Vancouver, dann in Sydney, begleitete jahrelang erfahrene Kollegen. Heute sucht er manchmal nach deutschen Begriffen und sagt: "Ich schreibe lieber englische Reports."

Sprachen kann man lernen, doch auch kulturelle Unterschiede zu verstehen ist wichtig: Was tun, wenn ein Geschäftsmann in Taiwan zum Mittagessen eine Schlange serviert, dazu ein Glas geronnenes Blut, für die Potenz? Peter Koob hat probiert. Ablehnen wäre unhöflich gewesen, flüchten erst recht. Das hat er einmal in Saudi Arabien getan, aus einem McDonald's - er war versehentlich in die Frauenabteilung geraten. Dutzende unverhüllte Gesichter, die Frauen schrien.

Koob war so schockiert, dass ihm kein einziges Wort mehr einfiel. Sonst hat er für jede Sprache ein Not-Repertoire parat: Danke, guten Tag, Entschuldigung, auf Wiedersehen.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.



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sean_roe 23.09.2015
1. Verhandlungssicher
Fliessendes Englisch als Einstellungsvorraussetzung wird im Beruf zunehmend gefordert. Nichtsdestotrotz hat sich die Qualität der Sprachkompetenz in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verbessert. Vielmehr ist der Hemmschwelle seine Mitarbeiter und Geschäftspartnern mit Stilblüten, "faux-amis" und teilweise fehlende Basiswissen zu traktieren, gesunken. Gerade japanisch, in dem eine hochentwickelte Höflichkeitssprache in Geschäftsverhandlungen "sine qua non" (Keigo oder 丁寧語) ist, sollte bereitwillige zu denken geben. Uns ist einer, lange Zeit in Deutschland lebender, Japaner bekannt der, mit sein Geschäftspartnern in Japan, sich lieber in Englisch als Japanisch unterhält weil er Keigo "nicht mehr ausreichend" beherrsche. Nicht um sonst verbringen Übersetzer und Konferenz-Dolmetscher soviele Jahre in der Ausbildung. In Englisch sagt man "fools rush in where angels fear to tread" Mit freundlichen Grüßen
ManRai 23.09.2015
2. Nicht nur Sprachkompetenez
es ist weit mehr, verstehen der anderen Kultur. Ich schlage mich in Asien mit Englisch durch, manchmal fehlen mir Worte aber mein Partner akzeptiert das und wir lachen darüber. Der ganze Müll über Sprachkompemtenz ist wirklich Müll, den Kontakt zu den menschen aufzubauen ist die Lösung, sich anzusehen, Fehler - auf beiden Seiten - zu vergeben oder besser zu übersehen ist die Lösung, der Rest ist Blödsinn
mcpoel 23.09.2015
3. Deutscher Akzent
Das Schlimmste ist oft der unglaublich deutsche Akzent, mit dem viele Deutsche Englisch sprechen. Eine App wird in England z.B. eher nicht als "Epp" ausgesprochen, das klingt bestenfalls lustig oder aber auch peinlich.
zerr-spiegel 23.09.2015
4. Japanischer Singsang?
Japanischer Singsang? Falsche Betonung? Der Autor hat keine Ahnung von japanisch! Er verwechselt es wohl mit anderen asiatischen Sprachen, die fast alle tonale Sprachen sind . Japanisch ist jedoch eine atonale Sprache, vergleichbar mit deutsch .
emma04 24.09.2015
5. Der Autor hat keine Ahnung........
Zitat von zerr-spiegelJapanischer Singsang? Falsche Betonung? Der Autor hat keine Ahnung von japanisch! Er verwechselt es wohl mit anderen asiatischen Sprachen, die fast alle tonale Sprachen sind . Japanisch ist jedoch eine atonale Sprache, vergleichbar mit deutsch .
Weil Japanisch viele chinesische Schriftzeichen übernommen hat, glauben viele, die beiden Sprachen seien miteinander verwandt. Dies ist nicht der Fall. Man kann als Japaner die chinesischen Kanji lesen, ohne auch nur ein Wort chinesisch zu verstehen. Das ist bei einer "Bildersprache" möglich. Darüber hinaus gibt es das normale Alphabet (Hiragana, Kanakana). Japanisch ist eine sog. agglutinierende Sprache und in ihrem Aufbau den europäischen Sprachen ähnlich. Es gehört zusammen mit Koreanisch zu den Altaischen Sprachen. Chinesisch hingegen ist eine sinotibetische Sprache wie Vietnamesisch oder auch Thailändisch. Alle diese Sprachen sind sog. Tonsprachen. Oyasumi nasai!
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