Manager-Roman Der Job als Mogelpackung

So-tun-als-ob ist Alltag unter Managern und Beratern. Autor Philipp Schönthaler erzählt in seinem Debütroman von jenen, die täglich die geschminkte Wahrheit verkaufen. Ihr Slogan: Bloß nicht als Mogelpackung enttarnen lassen!

Austauschbare Schwätzer: Die Manager in Philipp Schönthalers neuem Buch
Corbis

Austauschbare Schwätzer: Die Manager in Philipp Schönthalers neuem Buch

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Stellen wir uns mal vor, es gäbe Berufe, die bekannt sind für ihre Schablonenhaftigkeit. Deren Merkmal es ist, universell einsetzbar zu sein, egal in welcher Branche - weil es in dem Business nur darum geht, Waren zu verkaufen, Masse zu produzieren, Produkte zu verhökern, Human Resources zu verwalten. Diesen Job-Typus nennen wir mal "Manager" oder "Berater". Grob gesagt also ein Job für Oberflächenphänomene, die Inhalte sind so austauschbar wie das Personal.

Und stellen wir uns weiter vor, ein Schriftsteller findet für seine Story einen Wirtschaftszweig, der die Fassadenhaftigkeit dieses Berufsfelds ideal abdeckt. So wie die Kosmetikindustrie. Genau die hat Philipp Schönthaler ins Zentrum seines Debütromans gestellt.

Der Titel "Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn" hat etwas penetrant unaufhaltsam Positives - aber das ist natürlich reine Show. Die Consultants, Headhunter, Produktmanager und Personaler, die der Autor in seiner schwäbischen Beauty-Firma paradieren lässt, folgen dieser vorgezeichneten Karrierebahn und verlieren sich irgendwann im Aalglatten. Nur die Bewerberin auf eine der Trainee-Stellen verkrümelt sich schluchzend aufs Klo, weil sie das Getue nicht aushält - und landet in der Psychoklinik.

Philipp Schönthaler ist zwar Literaturwissenschaftler, kein Undercover-Journalist. Aber er zeigt in seinem Branchenporträt dennoch Management-Mitarbeiter ohne Make-up, wie sie im Buche stehen:

1. Was gibt's zu tun?

Schönheit verkaufen, yes! Und zwar bei einem hundert Jahre alten Unternehmen nahe Stuttgart, dessen Dienstsitz einer Puderdose ähnelt. Bei Pfeiffer Beauty Kosmetik arbeitet man so beschwingt, als bestünde das Leben aus Reklame-Ausrufezeichen. Na, Pröbchen gefällig? "6,2 Milliarden Euro konsolidierter Umsatz im letzten Jahr! Sieben internationale Marken!", ruft etwa der Assistant Director of Human Resources, "31.000 Mitarbeiter weltweit! 40 Patentanmeldungen allein in den letzten sieben Monaten!" Kurz: Die Branche hyperventiliert.

2. Aha - und die Arbeitsmoral?

Die stärkt man schon morgens beim Workout vorm offenen Wohnzimmerfenster, bei dem man sich von Jane Fonda motivierend ins Ohr säuseln lässt. Eine Übung heißt etwa "Dem Gegner um die Ohren hauen", und die beherrscht Erik Jungholz, Produktmanager bei der Tochtermarke Harry und Herbert Beauté, mit Perfektion bis in den kleinen Finger. Er ist einer dieser High Potentials, der zu spät kommen kann, aber dann vom Auto aus ganz geschmeidig noch die wesentlichen Infos für seine anstehende Präsentation zusammensammelt. Das mit dem Antäuschen läuft bei ihm wie bei allen anderen wie gecremt. Slogan: Bloß nicht als Mogelpackung enttarnen lassen!

3. Welche Sprache muss man können?

Jenen schablonenhaften Jargon aus Managerkreisen, bei der so viel Verpackungsmüll anfällt. Und der nur dazu dient, die Spreu vom Weizen zu trennen: "Boah, hat der Ahnung" versus "Du da, raus, Du Nulpe!". Wer also ohne mit der getuschten Wimper zu zucken alles kapiert, wenn vom CINO (Chief Innovation Officer) die Rede ist, von HR, Challenge und Connectivity, ist bei diesem Buch goldrichtig. Besonders schön sind Akronym-Kreationen wie: KOTZ ("Kölner Organisations-Test-Zyklus"), BARF ("Battery für Attention-Response-Function") oder PUKE ("Persönlichkeits- und Kernkompetenz"). Macht 100 Punkte beim Bullshit-Bingo.

4. Was sind die miesen Seiten des Geschäfts?

Die Uniform, die man tragen muss, ist ein Fall für die UN-Menschenrechtskommission. Denn wer in dieser Branche arbeiten möchte, hat "diffizil bis zu den Ohransätzen homogen UVA- und UVB-ausgebräunte Gesichtshäute, komplex gefönte Haarauf-, -seiten- und -abschwünge, sorgfältig selektierte Strähnen, die in chromatischen Farbverläufen abrupt enden [...], mit kühl-geometrischer Präzision gezogene Lippenbögen [...], wahlweise an Pantone- oder RAL-Farbmuster angepasste Augensterne" und natürlich "orthopädisch fachmännisch kalibrierte Unterkiefer". Was'n Stress.

5. Was sind die Insignien der Macht?

Cartier-Uhr? Pff. Viel wichtiger: der Privatattaché. Im Buch der Modellname eines schweren Aktenkoffers des Luxuslabels MCM, "mit Messingbeschlägen an allen acht Ecken (das Design stammt von Michael Cromer)". Dass jener Koffer stabil genug ist, um unliebsamen Kollegen unter die Gürtellinie zu zielen, gehört zu den absurderen Slapstick-Momenten des Buchs. Und dann natürlich der Abschlagplatz auf der Driving Range beim Golfen: Wer links außen steht, hat's in der Hierarchie nach ganz oben geschafft. Und wehe, man lässt sich auf dieser Position erwischen!

6. Und die Kollegen?

Die werden gezwungen, in der Firmen-Band mitzuspielen. Oder ihr von der Balustrade aus zuzuhören, wenn sie im Lichthof aufspielt, kurz bevor die Quartalssieger verkündet werden. Die Band schallert dann: "Proaktiv begabt / Phaetonisch beflügelt / Wir pushen die Benchmark!". Schlimm, das.

7. Lohnt es sich?

Für alle, die in der Lage sind, die kühltemperierte Ironie von Philipp Schönthalers Verpackungssprache zu würdigen, absolut. Jene Branche der Simulacra, der Schaumschlägerei und der porentiefen Perfektion bildet der Enddreißiger sehr präzise ab. Kein Wunder: Er hat unter anderem über Thomas Bernhard promoviert, den Meister der realitätsversessenen Misanthropen. Schönthaler ertränkt alles in faktenlastigen Beschreibungen, dass es eine Wonne ist. Selten waren Oberflächenphänomene so schön doppelbödig.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

insgesamt 18 Beiträge
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Sugafoot 30.05.2014
1.
Cartier Uhren und MCM Taschen sind ja wirklich nicht mehr so ganz zeitgemäß. Der Autor hätte lieber Hublot Uhren und Louis Vuitton Taschen einsetzen sollen
waelder 30.05.2014
2. Berater oder auch
The Economist: A consultant will find merits in your sound proposal and charges you for it. (Ein Berater wird die Vorteile Ihres vernünftigen Planes finden und sie Ihnen in Rechnung stellen).
hors-ansgar 30.05.2014
3. @Sugafoot
Zitat von SugafootCartier Uhren und MCM Taschen sind ja wirklich nicht mehr so ganz zeitgemäß. Der Autor hätte lieber Hublot Uhren und Louis Vuitton Taschen einsetzen sollen
Mit Taschen kenn ich mich nicht so aus. Hublot-Trägern sieht man aber sofort an, dass sie cool sein MÖCHTEN. Ähnlich Breitling. Was geht sind Patek Phillip, Vacheron Constantin oder Nomos. Understatement als arroganteste Form der Angabe.
martinmde 30.05.2014
4. das Schlimme an diesen Buechern ist
das so brutal ueberzeichnet wird wie in einem Marvel-Comic. Fakt ist doch dass Firmen Geld verdienen muessen, und das taeten sie nicht wenn alle keine Ahnung haetten. es ist wohl eher so dass nicht wenige Chefs am Arbeitsplatz vereinsamen und dann dankbar fuer jeden Arschkriecher sind der sich mal mit ihnen unterhaelt.
Sugafoot 30.05.2014
5.
Zitat von hors-ansgarMit Taschen kenn ich mich nicht so aus. Hublot-Trägern sieht man aber sofort an, dass sie cool sein MÖCHTEN. Ähnlich Breitling. Was geht sind Patek Phillip, Vacheron Constantin oder Nomos. Understatement als arroganteste Form der Angabe.
Bitte vergleich sie nicht Breitling mit Hublot, diese spielen in verschiedenen Ligen. Understatement ist grundsätzlich nicht schlecht, aber dann bitte Lange & Söhne und Breguet
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