Manager beim China-Training Einmal die 418, Business süßsauer

Wer in Fernost Geschäfte machen will, muss Fettnäpfchen erkennen und vermeiden. Und Mittelmanager Achtenmeyer ist Fettnäpfchen-Spezialist. Ein Kulturkurs könnte helfen - wenn nur der Vorgesetzte nicht so schnell in Rage wäre.

SPIEGEL ONLINE

Eine Karriere-Glosse von


Workshops und Trainings aller Art hält Achtenmeyer eigentlich für Zeitverschwendung. Doch an zwei Dingen kommt auch ein Mann seines Kalibers heutzutage nicht mehr vorbei: China und Dr. Karl. Vor einigen Wochen taten sich das Reich der Mitte und sein Vorgesetzter zusammen und sprachen wie folgt: "Ihr letztes interkulturelles Training ist jetzt auch schon wieder vier Jahre her. Seitdem hat sich einiges verändert, gerade in China. Schlage vor, Sie frischen Ihr Wissen noch mal auf. Am besten gleich am Wochenende."

So fand sich Achtenmeyer drei Tage später in einem dieser gesichtslosen Tagungshotels wieder, wo ihm die Kissen immer zu weich sind, die seit Stunden auf dem Buffet dahinschmurgelnden Käsescheiben zu hart. Nach seinem kleinen Scherz mit der Kellnerin ("Wir sind hier zum China-Training. Ich nehme die 418, süßsauer") war die Stimmung im Frühstücksraum immerhin rasch auf Betriebstemperatur.

Damit war aber schnell wieder Schluss, denn der Kulturtrainer entpuppte sich als freudloses kleines Männlein. Die chinesischen Sitten und Gebräuche stellte er mit einem Pathos vor, als hätte Konfuzius sie ihm persönlich diktiert. Duldsam ließ sich Achtenmeyer durch die Agenda führen: dass Gastgeschenke wichtig sind, und zwar am liebsten typisch deutsche Mitbringsel wie Biergläser, Wein oder Trachtenpuppen. Dass man nicht mit dem Finger auf Leute zeigt, Verhandlungen sich hinziehen können und nicht unbedingt dem deutschen Verständnis von Effizienz entsprechen. Und natürlich der Klassiker: Visitenkarten mit beiden Händen überreichen.

Alles, nur kein Gesichtsverlust

Viel Altbekanntes also, doch eine Sache ließ Achtenmeyer den ganzen Rückflug über nicht los - die chinesische Art zu kommunizieren. "Ein chinesischer Geschäftspartner würde niemals Nein sagen oder etwas ablehnen", hatte der Trainer verkündet. "Lieber wechselt er das Thema, stellt eine Gegenfrage oder antwortet vage, etwa mit 'Ich weiß, was du meinst'."

Fotostrecke

6  Bilder
Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde
Denn aus chinesischer Perspektive ist ein Chef oder Geschäftspartner, der eine Arbeit verteilt, auch mitverantwortlich für ihre Erledigung. Wer da ablehnt, der impliziert, dass der Vorgesetzte oder der Businesspartner nicht klar genug formuliert oder die Erledigung der Aufgabe nicht ordentlich vorbereitet haben. Die Folge wäre ein Gesichtsverlust. Und der, so viel weiß selbst Achtenmeyer, kommt in China dem Einsatz einer taktischen Nuklearwaffe gleich.

Achtenmeyer findet diesen Leisetreter-Approach irgendwie sympathisch. Passt zwar nicht ganz zu seinem eigenen Business-Verständnis, das sich in puncto taktischer Subtilität eher an den US-Marines orientiert, aber hey, warum nicht mal was Neues probieren? Der erste Test lässt nicht lange auf sich warten. "Bis Montag brauche ich die komplette Aufstellung Ihrer Agentur-spendings, da müssen wir nochmal mit ganz spitzem Bleistift rechnen", sagt Dr. Karl.

Jetzt wird Dr. Karl zornig

Das ist das Letzte, worauf Achtenmeyer Lust hat, also zückt er das Waffenarsenal aus dem Kulturtraining. Zuerst die Gegenfrage: "Macht Ihnen der Dollarkurs auch so große Sorgen?", fragt er. Dr. Karl schaut irritiert: "Es geht so, danke der Nachfrage. Also, Sie denken an die Agentur-spendings?" Achtenmeyer greift zur vagen Antwort: "Ich verstehe genau, was Sie von mir erwarten." - "Dann ist ja gut", sagt Dr. Karl, schüttelt den Kopf und verlässt das Büro.

Die Woche vergeht, der Montag kommt und vergeht ebenfalls, ohne Agentur-Aufstellung. Der Dienstag sieht einen wütenden Dr. Karl: "Ich hatte es doch Montag gesagt, und Sie haben sogar noch betont, dass Sie mich genau verstehen. Was ist denn los mit Ihnen?"

Achtenmeyer seufzt. Ganz offensichtlich hat Dr. Karl nicht das geringste Problem damit, sein Gesicht zu verlieren. Sicher, er könnte jetzt vom Training und chinesischer Kommunikation erzählen, aber taktisch klüger wäre es, einfach die Aufstellung zu machen.

Was er dann auch tut und sie seinem Vorgesetzten noch am gleichen Tag überreicht. Zusammen mit einem kleinen Geschenk, um die Wogen wieder zu glätten. Und siehe da: Dr. Karl freut sich wirklich sehr über die Trachtenpuppe.

Lessons learned

1) When in Rome...: Ja, die Globalisierung schleift kulturelle Unterschiede langsam ab. Mit Betonung auf "langsam". Im Umgang mit anderen Kulturen ist immer noch der am erfolgreichsten, der mit kleinen Gesten großen Respekt zeigt. Egal, ob Manager, Tourist oder Forscher.

2) Von den Besten lernen: So wie es nett ist, nach dem Urlaub in der Bretagne ein paar Wochen lang noch Croissants zu frühstücken, kann es sinnvoll sein, sich von den Management-Methoden der Nachbarn inspirieren zu lassen. Bloß sollte man die Geduld der Mitarbeiter nicht überstrapazieren.

3) Zuhause ein Fremder: Das wichtigste interkulturelle Training findet jeden Tag in der eigenen Firma statt. Den Vorgesetzten zu "lesen" ist bisweilen schwierig - aber es lohnt sich.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.