Management trifft Mensch Das Dilemma der Mittelmanager

Führung ist alles, heißt es immer. Doch wer als Abteilungsleiter auf seine Mitarbeiter Rücksicht nimmt, wird dafür eher bestraft als belohnt. Denn Umsatz und Rendite zählen mehr als Mitgefühl. Warum eigentlich?

Was ist eigentlich gute Führung? Dem Herrn links scheint das egal zu sein
Getty Images/Westend61

Was ist eigentlich gute Führung? Dem Herrn links scheint das egal zu sein

Eine Kolumne von


Irgendwie hat Paul in diesen Tagen ein komisches Gefühl. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches, die ersten Wochen im neuen Jahr fühlen sich für ihn oft an wie ein Marsch durch zähflüssige Marmelade. Doch diesmal ist es anders, und während Paul lustlos einige übriggebliebene Marzpiankartoffeln vertilgt, fällt ihm auch ein, was das Problem ist.

Eigentlich sind es zwei Probleme: Niemeier und Sokol. Paul ist Bereichsleiter bei einem größeren Mittelständler in der Food-Branche, Niemeier und Sokol sind seine beiden Abteilungsleiter. Noch vor Weihnachten führte er mit beiden die Jahresabschlussgespräche, und es sind diese Gespräche, die ihn jetzt ins Grübeln bringen.

Niemeier ist Anfang 40, ein verbindlicher Mensch, der regelmässig okaye Zahlen abliefert und dies darauf zurückführt, dass ihm das Wohl seiner Mitarbeiter sehr am Herzen liegt. "Wenn sich die Leute gut fühlen, leisten sie auch gute Arbeit", pflegt er zu sagen. Regelmässig landen auf Pauls Schreibtisch Bitten von Sokol-Mitarbeitern, die dringend in Niemeiers Abteilung wechseln wollen, "wegen der besseren Arbeitsatmosphäre".

Sokol ist Anfang 30, liefert regelmässig bessere Zahlen ab als Niemeier und zeigt sich im Umgang mit anderen Menschen ein wenig, nun ja, barsch. Ob es seinen Leuten gut geht oder nicht, interessiert ihn etwa so viel wie der berüchtigte Sack Reis, der in China umfällt. Wobei, genau genommen, interessiert es ihn deutlich weniger, denn China ist immerhin der coming champion, und ein Sack Reis, der umfällt, könnte ebensogut der Beginn einer Nahrungsmittelkrise sein und damit direkten Einfluss auf sein Business haben.

Gute Führung ist eben nicht unbedingt karriereförderlich

Sokols Leute ächzen unter Überstunden, und auf Empathie ihres Chefs wagen sie nicht mehr zu hoffen, seit ein Sachbearbeiter, der im wöchentlichen Jour fixe am Montagmorgen von einem Kundenproblem berichtete, dass ihn am Freitag um 18 Uhr per Mail erreicht hatte, von Sokol zur Antwort bekam: "Ein Kunde hat am Freitag einen Wunsch, jetzt ist es Montag. Ihr lasst den Kunden vier Tage hängen, bevor ihr in die Puschen kommt?"

Natürlich wäre es Pauls Aufgabe, Sokol auf die durchaus verbesserungswürdige Interpretation seiner Führungsrolle anzusprechen. Das Problem ist nur: Paul profitiert von Sokols guten Zahlen; seine Beurteilung hängt - wie auch die von Sokol - in erster Linie von den Umsatz- und Rendite-Zielen ab, die er erreicht.

Er spielt deshalb sogar mit dem Gedanken, sollte er demnächst befördert werden, Sokol als seinen Nachfolger vorzuschlagen. Damit würde dieser, obwohl rund zehn Jahre jünger, endgültig an Niemeier vorbeiziehen. Gute Führung ist eben nicht unbedingt karriereförderlich, dachte Paul, und es ist genau dieser Gedanke, über den er jetzt am Jahresanfang stolpert.

Mit seinem Problem ist Paul nicht alleine. Zahlreiche Studien zeigen: In vielen Unternehmen wird gute Führung zu wenig honoriert. Die Zielvereinbarungen der oberen Führungskräfte strotzen nur so vor Zahlen und Umsatzmarken; wie es den Mitarbeitern geht, die die Umsätze erwirtschaften, findet hingegen kaum Niederschlag im Performance Management der Top-Leute. Klar, irgendwo steht in den Zielvereinbarungen auch mal was über das Klima in der Abteilung, über Talentförderung und so. Aber damit ist es wie mit Kunst und Musik in der Schule: Schön für jemanden, wenn er da eine Eins hat. Aber gegen die Fünf in Mathe hilft das nicht viel.

ANZEIGE
Klaus Werle:
Ziemlich beste Feinde

Absurdes aus der Arbeitswelt

Ullstein Taschenbuch, 240 Seiten; 8,99 Euro

Paul einigt sich mit sich selbst auf einen Kompromiss. Er wird Niemeier und Sokol im Frühjahr zusammen auf einen Workshop über gute Führung schicken. Der wird, so ironisch kann Management sein, ausgerechnet von Niemeier gehalten. Sokol wird toben, aber das wird ihm nichts nützen. Denn Paul wird die Beurteilung durch den Workshop-Leiter in die Zielvereinbarungen für das laufende Jahr aufnehmen, ganz oben. Im Sommer wird er dann Niemeier zu einem Workshop über effizientes Managen schicken, gehalten natürlich von Sokol. So hat er am Ende zwei schlecht gelaunte Manager, die führen können und beste Zahlen abliefern. Und Paul steht hervorragend da, wenn es in einem knappen Jahr um sein eigenes Jahresgespräch geht.

Manchmal kann Führung auch ganz einfach sein.

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
torflut 15.01.2018
1. und ?
was macht der "harte Hund" wenn sich seine Leute in die Krankheit begeben? Oder wirklich krank werden? Oder "Dienst nach Vorschrift" machen? Diese Typen werden zu oft befördert, bevor mal die hinterlassene "verbrannte Erde" hinterfragt wird. Nachhaltiges Witschaften sollte auch mit dem Personal stattfinden!
großwolke 15.01.2018
2. Es geht um die Karotte
Härte an sich ist kein Problem, wenn es dafür auch Belohnungen gibt. Fluktuation ist immer und überall, und Abteilungen und ganze Firmen sortieren sich über die Zeit immer wieder um, wobei sich über die Zeit die Anzahl der Mitarbeiter, die mit der Führungskultur ganz gut zurechtkommen, zwangsläufig erhöht. Ärgerlich ist halt nur, wenn man sich für Karriereführungskräfte den Hintern aufreißen muss und selbst nichts davon hat, also z.B. besseres Gehalt, Weiterbildungen etc.. In so einem Fall dauert es in der Regel nicht lange, bis die Unterlinge den Wüterich einfach toben lassen und im Anschluss einfach in aller Ruhe ihr Ding weitermachen.
k-3.14 15.01.2018
3. Habe jahrelang ...
... unter solchem Vorgesetzten arbeiten "dürfen". Nach oben buckeln und nach unten treten. Sein Motto: "Ich Chef, du nix!" Aber was machst du da? Alleinverdiener, Kinder müssen zur Schule und die Hypothek muss abgezahlt werden.
severus1985 15.01.2018
4. Krankenstand und Fluktuation
Klar, ich habe selber schon erlebt, wie Mitarbeiter bis zum burn-out "gemolken" wurden. Das ganze geht dann ca. 2 Jahre gut, die Mitarbeiter fressen den Frust in sich hinein. Dann platzt die Bombe, wenn ein wichtiges Team-Mitglied kündigt. Oft folgt die Kettenreaktion und ganz schnell steht die Abteilung ohne Personal da. Die Neu-Rekrutierung ist dank Internetbewertungs-Portalen dann auch nicht so einfach, wenn der Ruf erstmal ruiniert ist.
spontanistin 15.01.2018
5. Begriffswirrwarr!
Boss, Chef, Leiter, Vorgesetzte oder Führungskraft stehen halt für unterschiedlich Inhalte und Qualitäten, oder? Wird hier leider nicht ausgeführt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.