Karriere mit neuem Körper Verdammt, jetzt bin ich eine Frau!

Eines Morgens wacht Peter Müller, Macho und Manager, mit einem Riesenproblem auf: Er steckt im Körper einer Frau. Was soll nun aus seinem Leben, seiner Karriere werden? Ein Buchauszug von Martin Wehrle.

Müller wacht als Frau auf: Als Aschenputtel, schwante ihm, würde er nicht durchgehen
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Müller wacht als Frau auf: Als Aschenputtel, schwante ihm, würde er nicht durchgehen


Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. In seinem Buch "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" wacht ein Erfolgsmanager als Frau auf und muss sich in einer feindlichen Arbeitswelt durchschlagen. Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug.
Als Herr Müller eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer Frau verwandelt. Sein Adoniskörper, im Fitnessstudio mit viel Schweiß erkauft, hatte erheblich an Muskelmasse verloren. Sein Kinn, seit Tagen unrasiert, war glatt wie die verchromte Kühlerhaube seines BMW. Und der blonde Kurzhaarschnitt, den der Föhn schon beim ersten Anhauchen trocknete, war zu einer wallenden Mähne gewachsen.

Ängstlich glitt seine Hand unter die Decke, aber das, was er an seinem Körper zu finden hoffte, war da nicht. Stattdessen hatte ihn sein Schicksal - oder wer immer sich hinter diesem üblen Scherz verbarg - mit Merkmalen ausgestattet, die er immer schon geschätzt hatte, wenn auch nur an weiblichen Körpern. Vorsichtig hob er die Decke und blickte an sich hinab. Was er da sah - den Körper einer jungen Frau, gar nicht schlecht gebaut - hätte er unter normalen Umständen begrüßt, erst recht in seinem Bett.

Heute nicht! Seine Gedanken rasten wie Flipperkugeln durch den Kopf. Was, zum Teufel, war über Nacht mit ihm passiert? Fand sein Schicksal es etwa komisch, ihm ein Frauenleben als Höchststrafe aufzubrummen?

Schon in die Falle getappt

Die Flipperkugeln in seinem Kopf dröhnten lauter: Würde er - wenn er blieb, was er jetzt war - überhaupt weiter als Marketingleiter arbeiten können? Oder lief er Gefahr, in einem Frauenberuf entsorgt zu werden, um zahnlose Alte mit Brei zu füttern, ungezogene Kinder wie eine Schafherde über Spielplätze zu treiben oder nörgelnden Patienten ihre Rezepte gegen Fußpilz auszuhändigen, natürlich vom Herrn Doktor unterschrieben? Würde sein stattliches Gehalt, eine Hausnummer, hinter der sein dickes Ego residiert hatte, nun einstürzen? Und würden ihm demnächst, wenn er zum Kopierer lief, die Kerle mit Stielaugen auf den Hintern glotzen?

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Managerinnen: Kinder statt Job
Stopp! Dieser Gedanke zeigte, dass er bereits in die Falle gegangen war. Wie kam er darauf, selbst zum Kopierer laufen zu müssen? Eigentlich hatte er sich die Kopien doch immer von Frau Neuner, seiner Sekretärin, machen lassen! Aber würde er künftig noch Chef sein und ein Sekretariat dirigieren? Er war 35 Jahre alt, hatte BWL studiert und seinen Job als Marketing Director vor einem halben Jahr gekündigt, um mit seinem besten Freund Jan durch die Wüste von Dakar zu brettern, eine Männertour auf Motorrädern - genau sein Geschmack!

Und nun, frisch von der Reise zurück, wollte er als Bewerber durchstarten. Der Fahrstuhl sollte sich nach oben bewegen, gerne ins Stockwerk der Bereichsleiter. Der Zeitpunkt, da ihn das Frausein übermannte, hätte ungünstiger nicht sein können.

"Können Sie sich Teilzeit vorstellen?"

Die Flipperkugeln in seinem Kopf rollten rückwärts, in die Vergangenheit: Er sah, wie er Einstellungsgespräche mit jungen Frauen führte, die seinem Chefblick so hilflos ausgeliefert waren wie ein Reh auf der Straße dem Autoscheinwerfer. Eine seiner Lieblingsfragen von damals: "Ist es für Sie denkbar, langfristig auf Teilzeit umzustellen?" Gemeint war natürlich: "Planen Sie Kinder?" (Was man ja so direkt, der blöden Gesetze wegen, nicht fragen durfte.) Und wehe, eines dieser dummen Muttertiere in spe hatte freudestrahlend bejaht. Dann hatte sie erstens bewiesen, dass ihr Intelligenzquotient weit unter dem Gefrierpunkt lag, denn sie hatte seine Frage nicht durchschaut; und zweitens, dass sie keine Arbeitsergebnisse produzieren wollte, nur Kinder.

Und nun? Nun flehte er sein Schicksal an, ihn zurück in einen Mann zu verwandeln! Denn er wusste, dass es auf dem Weg zu einer Spitzenposition eine Reihe überwindbarer Hindernisse gab - man durfte inkompetent, dumm oder eine emotionale Blindschleiche sein -, aber auch ein unüberwindbares Hindernis: nämlich, dass man nicht Peter hieß (wie er bis zum heutigen Tage), sondern Petra (wie er, so beschloss Herr Müller, vorerst ab heute). Männliche Chefs, so behaupteten Wissenschaftler, zögen Bewerber nach ihrem Ebenbild vor, also lupenreine Männer.

Bewarb sich eine Frau ohne Foto auf dem Deckblatt, hatte er als männlicher Chef stets gedacht: "Die hat bestimmt gute Gründe, kein Bild von sich zu schicken!" Wer als Frau über den Rummel gehen konnte, ohne gleich für die Geisterbahn angeworben zu werden, hätte sich die Chance eines Fotos niemals entgehen lassen.

Schön und schlau? Keine Frau hat zweimal so ein Glück

Bei männlichen Bewerbern ohne Foto wäre er hingegen nie auf die Idee gekommen, sie unter Hässlichkeitsverdacht zu stellen: "Wahrscheinlich nervt es ihn, sich mit einem Dauergrinsen fotografieren zu lassen. Geht mir auch so!"

Und bei allzu schönen Bewerberinnen warf er als logischer Denker die Frage auf, wie wahrscheinlich es war, dass jemand im Lotto der Natur gleich zweimal sechs Richtige zog, beim Gesicht und beim Gehirn? Es war wie in der Schule: Zwei Talente auf diametralen Feldern, etwa für Mathematik und für Deutsch, schlossen sich nahezu aus. Außerdem fürchtete er, dass eine solche Frau nur über den Gang zu spazieren brauchte, um die Männerhirne in den angrenzenden Büros vollends abstürzen zu lassen, die Frauen in den Zickenkrieg zu treiben und die Arbeit in eine Nebenrolle zu drängen.

Er musste an eine Studie israelischer Wirtschaftswissenschaftler denken, die ihm Jan kürzlich gemailt hatte: Bewarb sich ein attraktiver Mann (wie er es bislang war!), so verdoppelten sich seine Chancen, eine Einladung fürs Vorstellungsgespräch zu bekommen. Lohn der Schönheit! Das Gegenteil traf auf attraktive Frauen zu: Sie bekamen ihre Schönheit durch Absagen quittiert. Aschenputtel war gefragt, Schneewittchen fiel durch.

Und dann auch noch zwei neckische Grübchen

Als Mann hatte er solche Studien für Blödsinn erklärt, für geschickte Lobbyarbeit von Frauen, die zwischen Windelwechseln und Bügeln nichts Besseres zu tun hatten, als Männer in die Pfanne zu hauen. Allein das Wort "Frauenquote" hatte ihm Geräusche entlockt, die denen seines Motorrads in der Wüste glichen.

Er stand auf und watschelte - die neuen Füße waren viel zu klein! - vor den Spiegel im Badezimmer. Eine Frau schaute ihn an, die hübsch gewesen wäre, hätte nicht der Schock ihr Gesicht zu einer Grimasse verzerrt. Die Haut des Gesichts schien glatt und ebenmäßig. Die Stirn, umspielt von einer blonden Mähne, war hoch und wohlgeformt. Die leicht gebräunte Haut schwang sich über erhabene Wangenknochen und tauchte, links und rechts, in zwei neckische Grübchen. Und schließlich blieb sein Blick an vollen, wenn auch ungeschminkten Lippen hängen, die ein feines Schmollen andeuteten.

Als Aschenputtel, das schwante Müller, würde er nicht durchgehen.

Fortsetzung in der kommenden Woche.

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
Windlerche 05.10.2014
1.
Martin Wehrle hat sich offensichtlich von dem Klassiker "Die Verwandlung" inspirieren lassen.
cherrypicker 05.10.2014
2. Klischees
Was will uns der Autor mit dieser Geschichte sagen? Dass Führungskräfte immer noch nach ewig gestrigen Methoden vorgehen? Dann sollte er das Buch wohl auf seinen Manager-Schulungen anbieten und nicht als Auszug im Internet, wo es eh nur die lesen, die ihm zwar zustimmen, aber nichts ändern können. Weiterhin: Wer zum Teufel sagt eigentlich, das irgendjemand, sei es Mann oder Frau, "Karriere" machen muss? Führungskraft zu sein, heißt heute nur noch, die unrealistischen Träume von Vorgesetzten und Aufsichtsgremien exekutieren zu müssen, dafür Leute zu feuern und sich deswegen hassen zu lassen. Wer heute noch Manager werden will, hat für mich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wir brauchen einen grundlegenden Systemwechsel.
urknallmarinchen@yahoo.de 05.10.2014
3. Männer sollten sich ruhig öfters mal aus anderen Perspektiven betrachten
Dann gäbe es gewiß ein paar Tyrannen weniger und auch etwas weniger gut proportionierte hätten in dieser, vorwiegend vom männlichen Ego bestimmten Männerwelt, bessere / gerechtere Chancen. Doch der Mann gibt wohl in den seltensten Fällen die Fäden aus der Hand und betrachtet, z.B. bei einer Neueinstellung, sein weibliches Gegenüber zuerst unter sexistischen Motiven. Männer sollten vielleicht öfters auch mal Frau sein dürfen bzw. deren Rolle ausführen / übernehmen. Das Machogehabe so manches Zeitgenossen ist heute nicht mehr gefragt und hat sich m.M.n. überlebt.
MarioDeMonti 05.10.2014
4. Zustimmung
Zitat von cherrypickerWas will uns der Autor mit dieser Geschichte sagen? Dass Führungskräfte immer noch nach ewig gestrigen Methoden vorgehen? Dann sollte er das Buch wohl auf seinen Manager-Schulungen anbieten und nicht als Auszug im Internet, wo es eh nur die lesen, die ihm zwar zustimmen, aber nichts ändern können. Weiterhin: Wer zum Teufel sagt eigentlich, das irgendjemand, sei es Mann oder Frau, "Karriere" machen muss? Führungskraft zu sein, heißt heute nur noch, die unrealistischen Träume von Vorgesetzten und Aufsichtsgremien exekutieren zu müssen, dafür Leute zu feuern und sich deswegen hassen zu lassen. Wer heute noch Manager werden will, hat für mich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wir brauchen einen grundlegenden Systemwechsel.
Diesem Beitrag kann ich nur zustimmen. Läuft diese Buch jetzt auf die Mischung von Klischees und Karrierefixierung hinaus? Und das Rollentauschmotiv ist ja auch nicht gerade neu und lässt sich bis zu den alten Griechen (Teiresias) zurückverfolgen. Manchmal wurde dieses Thema gut umgesetzt (Ellen Barkin in "Switch"), manchmal eher gruselig (Thomas Gottschalk (!) in "Eine Frau namens Harry"). Solange also nichts wirklich Neues und Interessantes kommt werde ich mir die weiteren Teile schenken und mir lieber noch mal diesen kleinen Kurzfim von Arthur de Pins anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=vErJFmUF7DM Der ist zwar auch voller Klischees über Geschlechterrollen und Karriere, aber dafür wenigstens lustig :)
Nicole1975 05.10.2014
5. Toll, Danke Herr Wehrle!
Toller Beitrag, danke! In den USA habe ich mal von einem Biochemiker gehoert, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte (von Frau zu Mann), und der diesen Beitrag voellig bestaetigen kann. Ploetzlich bekam er deutlich mehr Anerkennung von Kollegen fuer weniger Leistung als vorher. Ich finde es uebrigens toll, dass Herr Wehrle -- als Mann -- sich dieses Themas so intensiv und kreativ annimmt. Was fuer die meisten Frauen, die beruflich erfolgreich sind (davon kenne ich viele, ich selbst gehoere auch dazu), zum Alltagsfrust gehoert, koennen sich die meisten Maenner ueberhaupt nicht vorstellen. Merkt man ja auch wieder an den Kommentaren hier.
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