Erfolgsgeschichten von Karrierefrauen "Führen muss man wollen"

Marie-Theres Thiell hat in einem Beruf Karriere gemacht, für den "extrem männerdominiert" noch eine Untertreibung ist: Die 55-Jährige baut Kraftwerke in Osteuropa. Für ambitionierte Frauen hat sie eine einfache Botschaft.

Marie-Theres Thiell wundert sich, dass Frauen entdeckt werden wollen

Marie-Theres Thiell wundert sich, dass Frauen entdeckt werden wollen


Zwölf Top-Managerinnen, ein Dutzend Geschichten: Hier zeichnen erfolgreiche Frauen ihren Weg nach oben nach - und berichten, worauf es ankommt. Heute: Marie-Theres Thiell, CEO der RWE Hungaria und Mitglied der Führungsriege für das Osteuropageschäft.

"Führen muss man wollen. Also Verantwortung tragen, Macht haben. Schon Alfred Herrhausen wusste, dass Führen ein 24-Stunden-Job ist, sieben Tage die Woche. Beinahe allen Männern, mit denen ich auf meinem Berufsweg zu tun hatte, war dieses nicht nur klar, sondern eine Selbstverständlichkeit. Mit Verwunderung habe ich immer wieder festgestellt, dass die Sicht der Dinge bei vielen Kolleginnen eine ganz andere ist.

Ich selber musste mich in einem Umfeld durchsetzen, für das die Beschreibung 'sehr stark männerdominiert' noch eine Untertreibung ist. Rechtsabteilung, Energiewirtschaft, die Wiedervereinigung und ihre Folgen. Das sind die Eckpfeiler meines Werdegangs, und die Pionierjahre nach 1990 waren eine äußerst spannende und aufreibende Zeit.

RWE war gerade dabei, in den neuen Bundesländern Fuß zu fassen. Es gab eine Vielzahl von Transaktionen, meist mit kommunalen Partnern. Kraftwerke mussten geplant, Netze gebaut und der Vertriebsbereich mit Blick auf den anstehenden Wettbewerb völlig neu konzipiert werden. Frauen in Führungspositionen der damaligen Energiewirtschaft waren eine extrem rare Spezies, und die Herausforderungen hart.

Die Unternehmenswirklichkeit hat sich über die Jahre verändert. Heute ist die Energiewirtschaft immer noch eine Männerbastion, aber zum Glück wird mittlerweile das Thema 'Diversity' ernst genommen. Die Internationalisierung der Energieversorger im letzten Jahrzehnt hat sich hier positiv bemerkbar gemacht und für eine Öffnung im Denken gesorgt. Mit der voranschreitenden Energiewende, der wachsenden Dezentralität des Geschäfts und dem damit einhergehenden Zwang, Kooperationen zu suchen anstatt sich auf Hierarchien zu verlassen, wird dieses Thema noch wichtiger werden.

Karriere ist ohne Netzwerken nicht möglich

Glücklicherweise habe ich früher als andere erkannt, wie unumgänglich das Thema 'Diversity' wird und dass Karriere ohne Netzwerke nicht möglich ist, schon gar nicht für eine Frau. Führen verlangt neben fachlicher Qualifikation eine Menge sogenannter Soft Skills: den Umgang mit Menschen, die Fähigkeit, auch vermeintliche Außenseitermeinungen anzuhören und abzuwägen.

Gerade die Geschichte der Energiewirtschaft der letzten Jahre ist ein Beleg dafür, wie schnell vermeintliche Gewissheiten zu Fehlentwicklungen führen können und wie schnell Außenseiterpositionen mehrheitsfähig werden.

Persönlich habe ich in meinem Berufsleben eine Reihe von Initiativen gestartet, um im eigenen Konzern über Projekte und Netzwerke dem Thema 'Diversity' Nachdruck zu verleihen. Hierzu zählte zunächst ein Projekt, das zur Etablierung eines Diversity-Officers und mittlerweile klaren Rahmenbedingungen für die Auswahl von Frauen in Führungspositionen führte.

Der Weg nach oben ist wie ein Fitnesscenter im Dschungel

Die zweite Seite dieser Medaille aber ist das 'Empowerment', und das ist ebenso wichtig: Wir ertüchtigen in unseren Netzwerken Kolleginnen gezielt, die eigene Komfortzone zu verlassen, Themen anzupacken, für sich zu reklamieren und auch öffentlich aufzutreten, um das eigene Profil zu schärfen. Die Erfahrung zeigt mir, dass viele von ihnen meist aus falscher Bescheidenheit oder unberechtigten Selbstzweifeln heraus ihr Licht unter den Scheffel stellen.

Natürlich ist es diskreter, zuzuhören und abzuwägen. Aber wer nur zuwartet, kann nicht gewinnen. Viele Kolleginnen glauben, sie würden 'entdeckt'. Alle Erfahrung lehrt, dass dies ein Trugschluss ist. Als Frosch-Prinzessin sind nur die wenigsten erfolgreich. Deshalb hat Sheryl Sandberg vollkommen recht, wenn sie sagt: Der Weg nach oben ist keine einfache Leiter, sondern wie ein Fitnesscenter im Dschungel.

Für mich waren die Rechtsabteilung und die Arbeit im Beteiligungsmanagement ein ideales Sprungbrett für den Einstieg in operative Aufgaben. Allerdings musste ich kämpfen, um springen zu können. Mittlerweile bin ich CEO unseres Ungarngeschäfts, verantwortlich für 5000 Mitarbeiter und knapp zwei Milliarden Euro Umsatz in einem sehr anspruchsvollen politisch-regulatorischen Umfeld.

Die ungarische Regierung macht es ausländischen Investoren derzeit alles andere als leicht, ihr Geschäft zu betreiben. Aber gerade hier bewahrheitet sich, was moderne Führung ausmacht: Standhaftigkeit in der Sache, genauso wie die Fähigkeit, anderen zuzuhören und auf potenzielle Gegner zuzugehen. Die Wirklichkeit in den Unternehmen wird komplexer und schnelllebiger. Ich bin fest davon überzeugt, dass in einem solchen Umfeld mehr Diversität und mehr Frauen in Führungspositionen echte Erfolgsfaktoren sind. Sie müssen es nur wollen!"

Protokolliert von Gisela Maria Freisinger

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Christoph 06.03.2015
1.
"Führen muss man wollen. Also Verantwortung tragen, Macht haben. Schon Alfred Herrhausen wusste, dass Führen ein 24-Stunden-Job ist, sieben Tage die Woche. Beinahe allen Männern, mit denen ich auf meinem Berufsweg zu tun hatte, war dieses nicht nur klar, sondern eine Selbstverständlichkeit. Mit Verwunderung habe ich immer wieder festgestellt, dass die Sicht der Dinge bei vielen Kolleginnen eine ganz andere ist." Ein Schlag ins Gesicht der Quotengläubigen. Da glauben diese Menschen, die Karriere von Frauen würde nur durch Männerbünde verhindert und dann kommt diese erfolgreiche Frau und stellt fest, dass die Ursache für den geringeren Frauenanteil in Führungspositionen in der unterschiedlichen Mentalität von Männern und Frauen liegt.
Sunny_d7 07.03.2015
2.
@Christoph Und die daraus folgende Erkenntnis, dass die durch die "männliche Mentalität" geschaffene Arbeitswelt nicht mehr zeitgemäß ist, weil diese eben nur für 50% der Bevölkerung funktioniert (und die mittlerweile ja auch von vielen Männern abgelehnt wird), die kommt dabei keinem? Die alte Art zu führen hat sich einfach überholt, was sich übrigens nicht nur in den Frauen-im-Beruf-Diskussionen wiederspiegelt, sondern auch in Studien zum Nachwuchs, der ebenfalls nicht mehr um jeden Preis und grade um den Preis der eigenen Lebensqualität führen und arbeiten will.
Blattmann 07.03.2015
3. Der Mut fehlt
Ich komme aus einer Männerdominierten Brache - IT. Ich hatte schon das eine oder andere mal erlebt, dass es die wenigen Frauen sich für Führungspositionen gar nicht erst bewerben, weil es immer irgendwo den einen oder anderen unangenehmen Mitarbeiter gibt. Bei Männern ist meist anderes. Da ist eher die "Rein in den Kampf" Mentalität verbreitet und werden dann auch für die Führungspositionen empfohlen.
mipez 07.03.2015
4. Sunny
Wie stellen Sie sich das denn bitte vor? Aufgeweichte reale 30-Stunden Woche ohne Überstunden zum vollen Lohn? Nur weil ein Bruchteil der Zugehörigen schlicht nicht den Einsatz, der in dieser Berufsklasse nun einmal Vorraussetzung ist, mitbringt? Wir sind hier nicht bei der Happy-Kindergarten-Bundeswehr von Flinten-Uschi.
shooop 07.03.2015
5. Überbewertung des Führens
Frau Thiell hat sich in diesem Umfeld gut zurecht gefunden, weil sie viele Eigenschaften dafür mitbringt. Andere Menschen sind weniger zielorientiert und wollen auch gar nicht führen. Dafür setzen sich diese Menschen vielleicht mehr für das soziale Gelingen der Gesellschaft ein, zum Beispiel durch Ehrenamt oder andersgeartetes Engagement. Dafür haben zielorientierte Menschen eher weniger die Zeit. Wer 12h am Tag unter Druck arbeitet, kommt am Sonntag meist nicht auf die Idee, zum Beispiel noch Wahlhelfer zu machen oder zum Beispiel mit seinem Garten zur kulturellen Vielfalt seiner Stadt beizutragen. Was ich sagen will, führen wird heute auch ein Stück weit überbewertet und die verschiedenen Eigenschaften der Menschen stehen eher nebeneinander. Die Vielfalt der Menschen macht den Erfolg. Alleine wirtschaftlicher Erfolg eines Landes macht noch keine Lebensqualität. Dazu gehört auch Kultur, eine funktionierende soziale Gemeinschaft und eine intakte Natur. Und darauf verlassen sich Menschen wie Frau Thiell, das diese Dinge von anderen Leuten beackert werden, genauso wie sich die anderen darauf verlassen, das Frau Thiell ihren Beitrag bringt. Wichtig ist, dass die Menschen sich in die Gesellschaft einbringen und etwas geben.
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