Mars-Experiment "Abends haben wir Salsa getanzt"

Ein Jahr lang probte die deutsche Geophysikerin Christiane Heinicke das Leben auf einer Mars-Station - am Fuße eines Vulkans auf Hawaii, in einer von Kameras überwachten WG. So sah ihr Alltag in der Blase aus.

Marssimulation auf Hawaii, Wissenschaftler
AP/University of Hawaii

Marssimulation auf Hawaii, Wissenschaftler

Von Claudia Beckschebe und


Irgendwann werden Astronauten auf den Mars fliegen. Und sie werden sich dort streiten. Sie werden unterschiedlicher Meinung sein, sich langweilen, sich über das Essen beschweren - wie überall, wo Menschen miteinander zu tun haben. Aber was passiert dann? Wie wird das die Arbeit beeinflussen? Um das zu beantworten, haben Forscher ein Jahr lang in einer nachgebildeten Raumstation auf Hawaii gelebt und das Leben auf dem Mars simuliert. Mit dabei war eine 30-Jährige aus Sachsen-Anhalt. Was hat sie da genau gemacht? Wie hat ihr Alltag ausgesehen? Geophysikerin Christiane Heinicke hat darüber gebloggt - und uns per E-Mail Fragen beantwortet.

Der Alltag

Heinickes Hauptaufgabe war es, Wasser aus Bodenproben zu extrahieren. "Dazu habe ich eine Art Gewächshaus gebaut, das Wasser aus dem Boden verdampft und auffängt. Dieses System funktioniert im Prinzip auch auf dem Mars", erklärt die Geophysikerin. Etwa 100 Liter Wasser habe sie innerhalb des Jahres gewonnen - aus einem einzigen Quadratmeter. "Für spätere Marsmissionen wäre das eine relativ einfache Möglichkeit, an frisches Wasser zu kommen."

Aber Heinicke hatte auch viele Aufgaben zu lösen, die nur darauf zielten, die Interaktion in der Gruppe zu testen. Sechs bis sieben Sozialexperimente pro Woche standen auf dem Stundenplan. So musste sie beispielsweise in Computerspielen gegen die anderen antreten.

Am meisten Spaß machten ihr die Ausflüge, wie sie sagt: In Teams sollten sie etwa Karten der Umgebung erstellen oder Höhlen finden, die sich als Notunterschlupf eignen würden. Nach draußen durfte sie mindestens zweimal pro Woche, allerdings nur in einem speziellen, schweren Raumanzug. Zum Anziehen habe sie zwei Helfer gebraucht, berichtet Heinicke. Und im Anzug sei es "heiß gewesen wie im Backofen". Nach jedem Ausflug sei sie völlig erschöpft gewesen.

Jeden Tag musste sie mindestens sieben Fragebögen ausfüllen. In den meisten ging es um die Interaktion mit ihren Mitbewohnern. Zudem trug sie zwei Sensoren, einen um den Hals, einen am Handgelenk. Diese zeichneten Herzschlag, Schlaf und Schrittzahl auf, analysierten aber auch, wie nah Heinicke welchem Mitbewohner wann kam und wie laut sie sich mit ihm unterhielt. Zweimal im Monat musste sie Haar- und Urinproben abgeben.

Christiane Heinicke
DPA

Christiane Heinicke

Die Freizeit

Die beste Zeit des Tages sei das Abendessen gewesen, so Heinicke. Oft habe sie da zum ersten Mal am Tag mit den anderen am Tisch gesessen, "an guten Tagen erzählend und lachend". Abendessen gab es meist schon zwischen 17 und 18 Uhr, weil die Solarzellen nur bis 17.30 Uhr Strom erzeugten. Heinicke überredete die anderen dazu, Salsa zu lernen - das machten sie an etwa zwei Abenden pro Woche. An den anderen schauten sie Filme, spielten Brett- oder Kartenspiele oder machten Musik. Heinicke hatte eine Mundharmonika mitgenommen, die anderen eine Ukulele, eine Gitarre und ein Didgeridoo. Manchmal zogen sich nach dem Essen aber auch alle direkt auf ihre Zimmer zurück.

Die Raumstation

Jeder der sechs Probanden hatte ein eigenes, winziges Zimmer mit Bett, Tisch, Hocker, Regal, einem Ablagebrett an der Wand und zwei Boxen unter dem Bett. Es gab zwei Toiletten: eine im Obergeschoss neben den Zimmern, eine im Erdgeschoss. Dort gab es auch eine Dusche. Als Richtwert sollte jeder maximal acht Minuten pro Woche duschen, doch tatsächlich duschten sie noch weniger. Es habe einen richtigen Wettstreit darum gegeben, "wer am längsten ohne Dusche auskommt und am schnellsten fertig ist", so Heinicke. Gestunken habe aber niemand.

In der Raumstation gab es auch eine Waschmaschine und einen Trockner. Und einen Geschirrspüler. Den benutzen sie allerdings nicht - er verbrauchte zu viel Wasser und Strom. Zum Fitbleiben gab es ein Laufband, zwei stationäre Fahrräder und diverse Stretchbänder, Yogamatten und Hanteln.

Diese Kuppel war ein Jahr lang Heinickes Zuhause
AFP

Diese Kuppel war ein Jahr lang Heinickes Zuhause

Das Essen

Gekocht wurde reihum, zum Beispiel gefriergetrocknete Mohrrüben, Mais und Zwiebeln. Hühnchen und Rindfleisch gab es in Dosen - gewürfelt oder gefriergetrocknet. Kochen habe in der Regel bedeutet: "Mit kochendem Wasser übergießen", berichtet Heinicke.

Wasser wurde im Schnitt einmal im Monat geliefert: "Wir hatten einen Tank mit knapp 4000 Litern, von denen wir pro Tag knapp 100 verbraucht haben, jeder einzelne von uns etwa 15 Liter. Die gingen vor allem fürs Trinken und Essenkochen drauf."

Die Mitbewohner

Heinicke wohnte mit vier Amerikanern und einem Franzosen zusammen. Zwei der fünf kannte sie schon von einem Auswahlprozess für eine Marssimulation in der Arktis. Drei andere hatten zusammen schon mal für die Nasa eine zweiwöchige Reise zu einem Asteroiden simuliert. "Wenig überraschend war der Umgang innerhalb der beiden Gruppen von vornherein deutlich vertrauter als zwischen den Personen, die einander noch nicht kannten", so Heinicke. Die Gruppendynamik hätten sie aber schnell überwinden können. Auch Konflikte seien nicht eskaliert.

"Jeder hat sein eigenes Gebiet, auf dem er oder sie nicht nur Ansprechpartner, sondern regelrecht Experte ist. Jeder ist notwendiges Mitglied in dieser Crew. Das schafft Respekt. Ich denke, das ist es, was jede funktionierende zwischenmenschliche Beziehung ausmacht: gegenseitiger Respekt", so Heinicke. Die Meldung, dass zwei Mitbewohner auf der Station zusammen ein Kind zeugten, war allerdings ein Aprilscherz.

Größtes Konfliktthema sei die Sicherheit gewesen: "Irgendwann im Laufe der Mission haben wir die Regel eingeführt, dass elektrische Werkzeuge nur mit Schutzbrille zu bedienen seien. Dazu sollten auch so harmlose Geräte wie Akkuschrauber zählen. Einige von uns hantieren aber schon seit ihrer Kindheit mit Werkzeugen - und ohne Schutzbrille. Zum Glück gab es auch einen Ort, an dem man Werkzeuge unbeobachtet benutzen konnte..."

Die "Mars-Station" aus der Nähe
DPA

Die "Mars-Station" aus der Nähe

Die Kommunikation mit Freunden und Familie

Heinicke und ihre Mitbewohner konnten im Internet surfen, hatten aber nur Zugriff auf wenige freigegebene Seiten, dazu gehörten etwa Wikipedia, die Homepage der Nasa oder Wörterbücher. Facebook, Twitter oder Nachrichtenwebseiten waren nicht erreichbar. Auch Skype funktionierte nicht. Allerdings konnten sie Sprach- und Videonachrichten als Dateianhang senden und empfangen. Alle ein- und ausgehenden E-Mails wurden mit einer Zeitverzögerung von 20 Minuten weitergeleitet.

Die ärztliche Betreuung

"Es gab einige Situationen, in denen unsere Crewärztin um Rat gefragt wurde, aber nichts davon war so schlimm, dass wir die Simulation unterbrechen mussten", erzählt Heinicke. Die schlimmste Verletzung sei ein verstauchtes Knie gewesen, was sie selbst überrascht habe, denn der Boden um die Station bestehe aus losen, scharfkantigen Lavabrocken: "Einmal hat sich mein Fuß so unglücklich zwischen zwei Lavablöcken verkeilt, dass ich ihn allein nicht mehr herausziehen konnte."

University of Hawaii


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manicmecanic 30.08.2016
1. immer interessant aber
Was ich im Artikel vermisse sind genauere Einzelheiten des Experiments.Woher kommt alles was zum Leben nötig ist?Wurde wirklich autark gelebt?Oder war es faktisch nur ein wie halte ich es so eng aufeinander solange aus Test?
markus_wienken 30.08.2016
2.
Zitat von manicmecanicWas ich im Artikel vermisse sind genauere Einzelheiten des Experiments.Woher kommt alles was zum Leben nötig ist?Wurde wirklich autark gelebt?Oder war es faktisch nur ein wie halte ich es so eng aufeinander solange aus Test?
Soweit mir bekannt haben sie schon autark gelebt, zumindest was die Nahrungsmittel angeht (den heute Nachrichten war zu entnehmen, dass sie sich nach Ende der Mission auf frisches Obst gefreut haben). Kontakt nach draußen zur Familie nur per Mail, die Sauerstoffversorgung war wohl nicht Thema dieses Experiments. Hauptfokus war dann auch, wie sich die Teilnehmer auf engsten Raum "vertragen" und mit Spannungen umgehen.
cindy2009 30.08.2016
3. Link
Zitat von manicmecanicWas ich im Artikel vermisse sind genauere Einzelheiten des Experiments.Woher kommt alles was zum Leben nötig ist?Wurde wirklich autark gelebt?Oder war es faktisch nur ein wie halte ich es so eng aufeinander solange aus Test?
Sie hätten nur dem Link im Artikel folgen müssen: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mars-experiment-auf-hawaii-beendet-christiane-heinicke-zieht-erstes-fazit-a-1109844.html
manicmecanic 30.08.2016
4. @cindy2009 auch in dem link
Steht praktisch nichts drin dazu.Und den habe ICH natürlich lesesüchtig wie ich bin auch schon vor Ihrem freundlichen Hinweis gelesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.