Karriereplanung Das Leben ist wichtiger als der Lebenslauf

Auslandsaufenthalt? Check. Soziales Engagement? Check. Für den perfekten Lebenslauf vergessen viele Menschen, was sie glücklich macht, hat Karrierecoach Martin Wehrle beobachtet. Er fragt: Muss denn immer der Aufstieg das Ziel sein?

Alle Anforderungen erfüllt? Und was ist mit den eigenen Wünschen?
Corbis

Alle Anforderungen erfüllt? Und was ist mit den eigenen Wünschen?


Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Leicht gebeugt saß die 39-Jährige vor mir in der Beratung, mit emotionsloser Stimme sagte sie: "Höchste Zeit, dass eine Beförderung in meinem Lebenslauf steht." Ihr Gesicht blieb starr wie eine Totenmaske. Dabei sprach sie doch über ihr Leben, über eine Vision für ihre Zukunft! Ich wollte sie aus der Reserve locken: "Angenommen, Ihr Leben wäre in sechs Monaten vorbei - wie würden Sie Ihre letzte Zeit verbringen?"

Sie stellte ihren rechten Ellbogen auf den Tisch, legte ihr Kinn in die Hand, schaute nach oben, als wollte sie die Antwort von der Decke ablesen. Es war so still im Raum, dass die Wanduhr zu hämmern statt zu ticken schien. Dann sagte sie: "Ich würde wahrscheinlich meinen Job kündigen, meinen Freund verlassen, endlich die Weltreise machen - und das erste Mal mit dem Fallschirm springen, das will ich schon so lange. Ich würde keine Businesskleidung mehr tragen, sondern Jeans. Ich würde mich mit meinem Vater aussprechen, da steht noch viel zwischen uns im Raum. Und ich würde meinem Vermieter endlich sagen, dass ich ihn nicht leiden kann und ausziehen!"

Jetzt saß sie aufrecht. Ihre Hände flogen beim Sprechen, sie lachte. Aus der Leblosen war eine Lebendige geworden. Das erlebe ich oft: Menschen leuchten, wenn sie über ihre Herzenswünsche sprechen; und sie erlöschen, wenn sie nur nachplappern, was die Gesellschaft ihnen einflüstert.

Der Aufstiegswunsch ging auf ihren Vater zurück, der ihr eingeimpft hatte: "Du musst im Beruf nach oben kommen!" Ihr Freund, ein Betriebswirt mit MBA, hatte gesagt: "Wenn du mit 40 noch keine Beförderung im Lebenslauf hast, ist die Tür für immer zu." Ihre eigenen Wünsche lagen begraben unter einem Müllberg fremder Erwartungen.

Wir leben im Zeitalter der Herde

Wir lesen dieselben Bestseller, pfeifen dieselben Hits, nutzen dieselbe Suchmaschine, tummeln uns im selben sozialen Netzwerk und schmieden die gleichen Karrierepläne. Und natürlich sehen wir im Fernsehen dieselbe Werbung, die Millionen Menschen individuelles Glück verspricht, sofern diese - aufgepasst! - alle das gleiche Duschgel, die gleiche Versicherung oder die gleiche Schlaftablette kaufen. Da weiß man, was man hat: ein Reihenleben im Reihenhaus.

Und doch weigert sich das Glück, bei uns einzuziehen. Denn tief innen fragen sich viele: "Was hat dieses Leben eigentlich mit mir zu tun?" Immer mehr Menschen fühlen sich im falschen Film. Vier von zehn Deutschen geben an, die Qualität ihres Lebens nehme ab. Hinter hektischer Aktivität, hinter lächelnden Gesichtern, hinter makellosen Fassaden gähnt ein Abgrund aus Sinnlosigkeit. Die Depression ist zur Volkskrankheit geworden, Menschen verlieren ihr Leben durch Anpassung.

Viele machen Lebensentscheidungen von einer einzigen Frage abhängig: "Wie wirkt es sich auf meinen Lebenslauf aus?" Je nach Antwort heuern sie im Internet-Business oder in der Stahlbranche an, gehen nach China oder an den Chiemsee, fangen ein Zweitstudium in Wirtschaftsinformatik an oder lesen Omis im Altersheim Fontane vor (weil sich ein "soziales Engagement" im Lebenslauf angeblich gut macht).

Die Frage lautet nicht: Was wäre gut für mein Leben?

Die Frage lautet: Was wäre gut für meinen Lebenslauf?

Wie kann es sein, dass unser Funkkontakt zum eigenen Herzen heute so schnell abreißt? Wir haben eine Armada technischer Geräte erfunden, um Zeit fürs Eigentliche zu gewinnen. Statt monatelang mit einer Postkutsche durchs Land zu hoppeln, zischen wir mit dem Flugzeug durch die Lüfte. Statt uns jeden Tag mit dem Abwasch herumzuschlagen, drücken wir den Knopf der Spülmaschine. Und wer seine Wohnung heizen will, muss vorher kein Holz mehr hacken - er muss nur noch am Regler seiner Heizung drehen.

Doch der Fortschritt entpuppt sich als Geiselnehmer: Er entreißt uns einem stimmigen Leben, raubt uns Zeit für Reflexion. Wir surfen gegen die Brandung der Informationsflut an, stürzen uns in Chats, twittern Banalitäten in Echtzeit um den Globus, skypen uns ans andere Ende der Welt und sitzen täglich im Schnitt über vier Stunden vor dem Fernseher.

Gerade jene Zeit, die wir angeblich durch die moderne Technik sparen, die Zeit der langen Wege, die Zeit des Abwaschens, die Zeit des Holzhackens, gerade diese Zeit gab den Menschen früher Gelegenheit, ihr Leben zu reflektieren - und zu spüren, was sie wirklich wollten.

"Aber die Welt endet ja nicht in sechs Monaten. In Wirklichkeit habe ich noch viel Zeit", das war die nächste Reaktion meiner Klientin. "Sind Sie sicher?", fragte ich. Und die Frau erinnerte sich an ihren Onkel, der immer für die Rente gelebt hatte, aber ein halbes Jahr vorher an einem Herzinfarkt starb.

Sie nahm sich kleine Schritte vor: Erst den Sprung mit dem Fallschirm. Dann das klärende Gespräch mit ihrem Vater. Schließlich wollte sie sich um die Beziehung zu ihrem Freund und um eine neue Wohnung kümmern. Und im Beruf strebte sie keinen Aufstieg mehr an, sondern wollte mehr von dem tun, was sie beglückte: Menschen bei der Urlaubsplanung beraten.

Der Gedanke an den eigenen Tod hatte ihre Wünsche umgewälzt: die eigenen nach oben, die fremden nach unten. Endlich nahm sie ihr Leben wichtiger als ihren Lebenslauf.

Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch:

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
MacBavaria 22.10.2015
1. Ja papperlapapp!
Und wer bezahlt die Raten fürs Haus ab? Wer beschafft die Finanzen für die Familie und den Haushalt? Klar würde ich auch viel lieber andere Dinge tun. Aber die Realität ist nun mal kein Ponyhof! Alles gefasel immer von Freiheit das zu tun was man mag. Man muss das tun es man zu tun hat!
mikado17 22.10.2015
2.
Der dämliche Auslandsaufenthalt wird völlig überbewertet! Es geht auch ohne sehr gut! Wenn der so wichtig sein sollte, dann müsste bei uns die halbe Welt zuhause sein, denn unsere Wirtschaft ist auch weiterhin Top!
danielc. 22.10.2015
3. genau
Auch wenn ich bisweilen ebenfalls gegen die Informationsflut surfe. Dieser Auszug entspricht genau dem, was ich als Zielrichtlinie betrachte und meinen Studenten zu vermitteln suche. Das Leben steht vor dem Lebenslauf.
Archimedes 22.10.2015
4. Schön
Schöner Artikel. Steht viel Richtiges drin. Es ist tatsächlich so, dass wenn man einmal den Absprung von der Aufsteigermentalität geschafft hat, sich wieder auf das Wesentliche besinnen kann. Ich denke aber auch, das gerade Menschen, die Ihr (Berufs)Leben nach Ihren Interessen ausrichten und auch bezüglich Ihrer Persönlichkeit die eine oder andere Ecke und Kante zulassen, im Beruf die besseren (humaneren) Entscheider darstellen. Wer will schon jemanden als Chef, der immer nur Einser hatte, ein paar Jahre Unternehmensberater war und dann das erste Mal im Alltag landet. Furchtbare Vorstellung!
mitch72 22.10.2015
5. Was soll uns das sagen?
Jeder hat wohl tief im Inneren seine eigenen träume. Diese zu verwirklichen, ist aber nicht der "Sinn" dieses marltwirtschaftlichen Systems. Ein Personaler in irgendeiner Firma fragt nicht nach Träumen, sondern schaut auf den CV. Mit Träumen lassen sich leider keine Brötchen verdienen - in den meisten Fällen. Hat man mit 60 das Startkapital zusammen, kann man ja mal dran denken, seine Träume zu verwirklichen.
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