Vergleichsdrang im Job Vergesst Vorbilder!

Wie groß ist das Büro des Kollegen? Und wie viele Facebook-Freunde hat er? Ständige Vergleiche machen unglücklich, warnt Karrierecoach Martin Wehrle. Denn an das Original werden Sie ohnehin nicht herankommen.

Schluss mit Vergleichen: Sonst sind Sie am Ende nur eine schlechte Kopie
Corbis

Schluss mit Vergleichen: Sonst sind Sie am Ende nur eine schlechte Kopie


Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Ich fühlte mich, als sollte ich hingerichtet werden. Und das Fallbeil rückte näher. Unser Mathelehrer teilte die Klassenarbeiten aus. Es war in der siebten Klasse, ich hatte ein Abo auf Fünfer. Und auch diesmal war ich auf eine Niederlage gefasst.

Doch dann traute ich meinen Augen kaum: Unter der Arbeit stand eine 2! Freude durchzuckte mich. Was für ein unerwartetes Geschenk! Kurz danach sah ich neben der Note einen Kreis mit Querstrich. Der Notendurchschnitt lag bei 1,4!

Meine Freude erlosch. Achtlos steckte ich die Arbeit in den Schulranzen. Schon wieder versagt!

Das Vergleichen ist unser Lieblingssport. Keiner wagt es, sich zu beurteilen, ohne nach links und nach rechts zu schielen. Wir messen uns an Mitschülern, Kommilitonen, Arbeitskollegen, Nachbarn und als Wirtschaftsstandort natürlich an den Chinesen, solange die Außerirdischen noch nicht entdeckt sind.

Fotostrecke

100  Bilder
Abbruch, Aufbruch, Durchbruch: 100 prominente Uni-Deserteure
Welchen Bildungsabschluss hat der andere im Vergleich zu mir? Wie groß ist sein Büro? Wo steht er in der Hierarchie? Wie viel Zoll hat sein Bildschirm? Wie viel PS sein Auto? Reist er erster oder zweiter Klasse? Verdient er mehr oder weniger? Und welche Zahl an Facebook-Freunden kann er aufbieten?

Spätestens am Ende jeder Vergleichskette, wenn der Blick vom Nachbarbüro in die bunten Gazetten schweift, finden wir einen, dem es besser geht als uns:

  • Egal, wie prall Ihre Gehaltstüte gefüllt ist, verglichen mit dem Jahresgehalt des Fußballers Lionel Messi - 48 Millionen, pro Arbeitstag circa 200.000 Euro - fühlen Sie sich schmählich unterbezahlt!

  • Egal, wie attraktiv Sie aussehen, neben dem Foto eines Top-Models wie Gisele Bündchen oder eines Hollywoodstars wie Johnny Depp kommen Sie sich wie ein Mängelexemplar vor.

  • Egal, wie groß Ihr Haus ist, verglichen mit dem langjährigen Ferienwohnsitz des Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer (1181 Quadratmeter mit Meeresblick) wird es Ihnen wie eine bessere Hundehütte erscheinen.

  • Und egal, wie gut Sie ein Instrument spielen, verglichen mit einem Klavierkonzert des Chinesen Lang Lang werden Sie sich so musikalisch fühlen wie ein quietschendes Klapprad in einer Regennacht.

Vergleiche nützen nur dem, der Demut beweist und auf Menschen blickt, denen es schlechter geht. So belegen Studien, dass Krebspatienten am traurigsten sind, wenn sie sich mit Gesunden vergleichen - und deutlich heiterer, wenn sie an Patienten in noch schlechterer Verfassung denken ("So übel geht's mir gar nicht - ich kann immerhin noch laufen.").

Streckbank fürs Ego

Doch wir leben in einer Leistungsgesellschaft und vergleichen uns stets mit den Besten. Der Vergleich wird zur Streckbank für unser Ego. Und damit die Folter ihre maximale Wirkung erzielt, fühlen sich auch Mitmenschen bemüßigt, uns Vorbilder unter die Nase zu reiben.

Wer sein Studium nach sechs Jahren abschließt, wird von seinen Eltern auf die strebsame Jutta verwiesen, die den Campus nach vier Jahren im Tempo einer Rennrodlerin verlassen hat. Der Chef ordnet Überstunden bevorzugt mit Hinweis auf den Kollegen Dieter an, der in der Firma zu übernachten pflegt und dem das angeblich gar nichts ausmacht (bis Dieter eines Nachts, angeregt durch einen Herzinfarkt, dann doch auf die Intensivstation umzieht). Und elf von zehn Ehekrächen entzünden sich an Aussagen wie: "Aber der Jan Fischer von nebenan bringt den Müll doch auch immer runter und pfeift auch noch fröhlich dabei!"

Der Vergleich ist der Versuch, aus einem Menschen zu machen, was er nicht ist: einen anderen. In jedem Karriereratgeber heißt es: "Such dir Vorbilder!" Aber warum steht dort eigentlich nicht: "Such dich selbst!"? Warum wird empfohlen, sich an anderen zu orientieren statt an eigenen Maßstäben?

Legen Sie den Maßstab innen an!

Heimlich funktioniert die Rechnung mit dem Vorbild so: Wir schauen einen anderen an, im verklärten Licht. Und von der Summe seiner vermeintlichen Qualitäten, seines Erfolgs, seines Reichtums, seines Charakters ziehen wir unsere Qualitäten ab. Die Differenz unter dem Strich liegt als Soll auf unserer Seele: So unendlich viel fehlt uns noch, um so zu sein wie er oder sie! Wir fühlen uns nicht mehr als Originale, sondern als blasse Kopien.

Die Latte unserer Vorbilder hängt zu hoch. Wir werden es nie schaffen, so reich wie Bill Gates, so erfolgreich wie Jack Welch, so bescheiden wie Papst Franziskus oder so kreativ wie Joanne K. Rowling zu sein. Und das ist gut so! Denn Sie sind nicht Gates, Welch, Franziskus oder Rowling - Sie sind Sie.

Wenden Sie Ihren Blick von außen nach innen. Was Sie an anderen bewundern, steckt auch in Ihnen selbst; sonst fände es keine Resonanz. Wertvoll für Sie ist nur ein einziger Vergleich: der mit Ihnen selbst. Immer wird es Situationen und Zeiten geben, in denen Sie sich gefallen und vorbildlich handeln.

Hier können Sie mit Fragen einhaken: Wann habe ich mir im letzten Jahr am besten gefallen? Wann hat sich mein Leben am stimmigsten angefühlt? Was habe ich da anders gemacht als sonst? Und wie kann es mir gelingen, dieses Verhalten öfter ans Licht zu kitzeln und es auszubauen? Entwerfen Sie einen Plan, wie Sie an diese Momente anknüpfen können - wie der Mensch, der Sie meistens sind, dem Menschen ähnlicher wird, der Sie sein können in Ihren besten Momenten.

Hätte ich als Schüler meine 2 in Mathe mit den Noten meiner letzten Arbeiten verglichen: Ich wäre stolz und glücklich nach Hause gefahren. Doch ich tat, was in unserer Gesellschaft üblich ist, nahm den äußeren Maßstab wichtiger. Und schon fühlte sich mein Erfolg wie eine Niederlage an.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Sei einzig, nicht artig".

Anzeige



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mam71 29.10.2015
1.
Das gilt doch nicht nur fürs Büro. Man ist mit seinem Auto vollkommen zufrieden, bis der Nachbar plötzlich ein besseres hat... was bringt's?
schattenrose 29.10.2015
2. Wir müssen aufhören!
... Unsere Wohlstandswerte immer mehr steigern zu wollen, stattdessen sollten wir lieber richtige Werte aufblühen lassen!
abby_thur 29.10.2015
3.
Zitat von schattenrose... Unsere Wohlstandswerte immer mehr steigern zu wollen, stattdessen sollten wir lieber richtige Werte aufblühen lassen!
Klingt vernünftig. Ich fürchte jedoch, die Gier (wonach auch immer) wird dies nicht übergreifend zulassen. Aber wenn wir bei uns im kleinen anfangen kann daraus schon was werden.
boer640 29.10.2015
4. Humbug
Die Frage ist doch, ob es berechtigt ist, dass de rKollege mehr bekommt-...
mchlpfeiffer 29.10.2015
5. Der Rat......
.....sich mit denen, denen es schlechter geht/die weniger verdienen/einen geringeren Schulabschluss haben als einem/man selbst, ist nur teilweise richtig. Wenn die Menschheit seit ihren Anfängen immer nur nach unten und nie nach oben geblickt hätte, hätten wir heute noch nicht einmal das Wagenrad!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.