Bildungsnotstand im Management Warum Chefs mehr lesen sollten

Früher haben Chefs ihre Sekretärinnen korrigiert, heute ist es umgekehrt. Karrierecoach Martin Wehrle vermisst bei vielen Führungskräften die Allgemeinbildung. Als Erste Hilfe für Manager empfiehlt er "Michael Kohlhaas".

Rechtschreibfehler im Bericht: War da was?
Corbis

Rechtschreibfehler im Bericht: War da was?


Das Gesicht des jungen Geschäftsführers glüht. Er stößt Drohungen aus, weil eine Konkurrenzfirma seinen IT-Spezialisten abgeworben hat. Ich versuche, ihn zu beruhigen: "Werden Sie bloß nicht zum Kohlhaas!" Fragend sieht er mich an: "Was für ein Hase?" Ich erzähle ihm von dem Pferdehändler aus der Novelle von Heinrich von Kleist. Der griff zur Selbstjustiz, nachdem ihm ein Unrecht geschah. Der Manager zieht eine Grimasse: "Ich bin doch kein Germanist!"

Sag mir, was du liest - und ich sag dir, wer du bist. Wenn das stimmt, ist es um die deutschen Chefetagen schlecht bestellt. Denn in den Bücherregalen der meisten Bosse stehen keine Meisterwerke berühmter deutscher Dichter und nur selten Bestseller der Belletristik. Stattdessen: dünne Management-Büchlein mit wenigen Seiten, simpler Botschaft und Erkenntniswerten knapp über Dieter-Bohlen-Sprüchen.

Von zehn Führungskräften haben acht bis neun noch nie ein Buch von Peter F. Drucker gelesen, dem bedeutendsten Management-Autor aller Zeiten. Das ist so, als wollte jemand ein großer Komponist werden, ohne je von Mozart gehört zu haben. Einer internationalen Studie zufolge liest in den USA und in Frankreich die Mehrheit der Manager immerhin ab und zu ein Buch. Hingegen schmökern in Deutschland zwei von drei Führungskräften nie.

Herr Steiger's Auffassung's'gabe

Der Bildungsnotstand hat auch eine ironische Seite: Rechtschreibfehler in Bewerbungen fallen kaum noch auf, weil die Empfänger sie gar nicht erst entdecken. Vor allem junge Manager, die angeblich "verhandlungssicher" Englisch können, beherrschen ihre eigene Muttersprache nicht.

Ein paar Kostproben aus der Praxis: Im Zeugnis lobt eine Filialleiterin "Herrn Steiger's Auffassungsgabe" - ein Deppen-Apostroph, geistlos aus dem Englischen importiert. Ein Vertriebsleiter schreibt im Bewerbungsbrief über Kundengespräche: "Ich liebe Sie sehr" - und merkt gar nicht, dass das großgeschriebene "Sie" eine peinliche Liebeserklärung an den Empfänger ist. Ein Marketingchef trommelt in einer Bewerbung: "Meine große Stärke ist scheinbar, dass ich Menschen begeistern kann." Damit attestiert er sich unbeabsichtigt mangelnde Begeisterungsfähigkeit. Das Wort "anscheinend" wäre korrekt gewesen.

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Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner
Etliche Führungskräfte, darunter auffallend viele Ingenieure, müssen der Albtraum ihrer Deutschlehrer gewesen sein: "Als" und "wie" geraten durcheinander ("Der Erfolg ist größer wie geplant"), Relativpronomen verwandeln sich in Konjunktionen ("Das Meeting, dass …"), und auch die Umgangssprache schlägt immer wieder durch ("anderst", "promt").

Früher haben Chefs ihre Sekretärinnen korrigiert - heute ist es umgekehrt. Der Manager als Legastheniker? In den USA fanden Wissenschaftler heraus: 35 Prozent der dortigen Firmeninhaber leiden unter Lese- und Rechtschreibschwäche, ein Anteil, der 350 Prozent über dem Durchschnitt der Bevölkerung liegt. Nach allem, was ich von den hiesigen Managern gelesen habe, kann es in Deutschland nicht viel besser sein.

Ein gutes Buch hilft gegen Bildungsnotstand im Management

Diese mangelnde Bildung der Chefetage drückt sich auch in einem Führungsverhalten aus, das extrem kurzsichtig ist. Wenn Manager ihre Mitarbeiter nur noch als überflüssigen Ballast sehen, wenn sie sich mehr mit dem Abbauen von Kosten als mit dem Aufbau von Umsatz befassen, wenn sie den Kunden nur noch als "Account" (also Konto) betrachten, statt ihn wertzuschätzen - dann verkennen sie systemische Zusammenhänge, schürfen an der Oberfläche und entziehen sich ihrer moralischen Verantwortung.

Muss dieser Bildungsnotstand im Management sein? Nein, Literatur kann Erste Hilfe leisten. Wer große Romane und Novellen liest, entwickelt sein Menschenbild, baut seine Selbstkenntnis aus. Nach der Lektüre des "Kohlhaas" überlegt sich ein Manager zweimal, ob seine geplante Reaktion, etwa auf das Abwerben eines Mitarbeiters, nicht doch eine Überreaktion wäre. Oder ob sein Wunsch, den Fehler eines Mitarbeiters zu bestrafen, nicht zu noch größerem Unrecht führen könnte. Angenehmer Nebeneffekt: Beim Lesen verbessern sich Sprachgefühl und Orthografie.

Und wer als Führungskraft in die Management-Bücher von Peter Drucker eintaucht, wird über den Tellerrand der nächsten Quartalszahlen hinausschauen, sein Firmenkapital nicht nur am Kontostand, sondern auch an der Zufriedenheit seiner Mitarbeiter messen. Drucker sah Führungskräfte als Inspiratoren und Sinnstifter. Aber er hat keine Business-Novelle geschrieben, sondern komplexe Sachbücher.

So erklärt er in "Umbruch im Management": "In den meisten Organisationen wird (...) immer noch geglaubt, was Arbeitgeber im 19. Jahrhundert angenommen haben: Die Mitarbeiter sind viel mehr auf uns angewiesen als wir auf sie. Tatsächlich aber müssen die Organisationen die Mitgliedschaft in ihren eigenen Reihen ebenso schmackhaft machen, wie es bei der Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen der Fall ist - wenn nicht sogar darüber hinaus. Sie müssen Menschen anziehen, halten, sie anerkennen und belohnen, Menschen motivieren, sie bedienen und zufrieden stellen."

Führung ist eine Humanwissenschaft. Wer andere leiten will, braucht ein Mindestmaß an humanistischer Bildung. Damit er den Menschen, die er führt, gerecht wird. Damit er lernt, seine Reflexe zu zügeln und seine Reflexion zu stärken. Und damit er in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und seinen Mitarbeitern als Vorbild zu dienen. Gern auch beim Rechtschreiben.

Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".

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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
moneysac123 11.08.2015
1.
Bedauerlicherweise nicht nur in der Chefetage, auch darunter ist humanistische Bildung Mangelware. Wie sollte es auch sein, Bachelor und Master vermitteln nur fachbezogenes Wissen ohne Blick über den Tellerrand und zwar so viel, dass für den Blick auch keine Zeit wäre.
maipiu 11.08.2015
2. Wenn der Dativ dem Genitiv sein Tod ist
Über das "Deppen-Apostroph" hat sich Bastian Sieck in seinem Buch bereits ausgelassen. Nützt aber nur was, wenn es auch gelesen wird. 100% Zustimmung meinerseits zu Martin Wehrles Artikel. Wenn die Chefs in den Führungsetagen eine gute Rechtschreibung und/oder Literaturkenntnisse für Zeitverschwendung halten, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sich Untergebene über sie (heimlich) lustig machen. Mein Tipp an Führungskräfte, die nebenbei noch ihr Englisch aufbessern wollen: lest "Make It So" von Wess Roberts und Bill Ross. Leadingship Lessons from Star Trek.
jujo 11.08.2015
3. ...
Ich fürchte der einsame Rufer im Walde wird nicht gehört. Zumindest nicht von denen die es angeht.
fahrgast07 11.08.2015
4. Germanisten-Arroganz
Das nervt so an Germanisten: Dass sie Bildung auf Literatur beschränken. Als gäbe es keine andere Allgeneinbildung. Wie wärs denn mit Rem Koolhaas? Nie gehört? Na sehen sie, so kriegt man Germanisten eingebremst. Die dürfen ihre Überlegenheit jetzt im klein-klein der Kommasetzung ausspielen, wie beeindruckebnd.
ulisoz 11.08.2015
5. Gute Führungspersonen können Geschichten erzählen
Führung ist immer Menschenführung. Die lernt man auf keiner Universität und auch nicht aus Managementbüchern. Eine Führungsperson sollte Menschen kennen und lieben und um das Menschsein in ihrer Kultur Bescheid wissen. Jemand, der alles das in sich vereinigt, hat Bücher gelesen. Wer Bücher gelesen hat, kann Geschichten erzählen. Geschichten erzählen war früher ein weitverbreiteter und sehr effektiver Führungsstil. Er funktioniert auch noch heute, wenn man ihn beherrscht. Hier ist ein Beispiel. http://www.kamus-quantum.com/11.html
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