Matrose auf der Donau Adieu, Schreibtischjob

Neun Semester lang studierte Florian Betz "irgendwas mit Medien", dann fiel ihm auf: Am Schreibtisch zu sitzen, ist ganz schön öde. Er tauschte Studium gegen Ausbildung - und wurde Matrose auf Main und Donau.

Von Hendrik Werner

Hendrik Werner

Kurz hinter Bamberg, auf dem Main-Donau-Kanal, steuert das 185 Meter lange Binnenschiff einer Schleuse entgegen. Rechts und links hat es jeweils nur einen halben Meter Spielraum. Florian Betz, 30, bindet seine langen blonden Haare zum Zopf und macht sich bereit für die Einfahrt. Er hat das Manöver schon Hunderte Male erlebt, trotzdem ist er ein wenig ehrfürchtig. So gewaltig und dunkel wie die Schleuse ist, erinnert sie ihn an eine Kathedrale.

Florian Betz ist Matrose. Eigentlich hatte er mal "irgendwas mit Medien" machen wollen. In Halle an der Saale studierte er Medienwissenschaft und Kommunikation, dann machte er ein Praktikum in einer Pressestelle - und kam ins Grübeln. "Das war mir einfach zu statisch", sagt er. "Einziges Highlight war das Arbeiten an Beiträgen, da kam ich aus dem Büro raus. Leider war der Umgang mit den Geschichten dann viel zu hektisch und unpersönlich."

Die Motivation für sein Studienfach ließ nach. "Ich wollte mir das lange nicht eingestehen, wollte nicht als Abbrecher dastehen", sagt Betz. Nach dem neunten Semester hörte er auf. Zurück in seiner Heimat Bamberg suchte er etwas Handfestes, eine Ausbildung, am liebsten dual, mit hohem Praxisanteil. Schiffsmechaniker? Zu technisch. Ein Nautikstudium? Zu theoretisch. Matrose auf hoher See? Auf der Fähre nach Irland war er seekrank geworden. "Irgendwann ist mir aufgefallen: Durch Bamberg fahren ja auch Schiffe!"

Auf der Webseite der Arbeitsagentur fand er die Ausbildung zum Binnenschiffer. Als Matrose auf hoher See wäre er immer mehrere Monate von seiner Freundin getrennt, hier ist er jeweils vier Wochen an Bord eines Frachtschiffs und vier Wochen zu Hause.

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Genug vom "Irgendwas mit Medien"-Job: Kaffee kochen statt Filme drehen
Die fränkische Schleuse ist anders als die meisten im Main-Donau-Kanal. Hier wird das Wasser von vorn statt von unten in das Becken gespült. Das Schiff muss daher auf besondere Weise am Bug fixiert werden. Betz wirft sich ein unterarmdickes Tau über die Schulter und springt vom fahrenden Schiff auf eine in die Schleuse eingelassene Leiter. Die Sprossen sind grün und glitschig. Trittsicher klettert er sechs Meter nach oben und befestigt das Tau an einem großen Poller.

Nachdem das Schiff auf die neue Wasserhöhe gehoben wurde, geht die Fahrt weiter. Der Frachter hat rund 3000 Tonnen Eisenerz geladen und liegt sehr tief im Wasser. Florian Betz läuft auf dem seitlichen Gang fast auf der Höhe des Flusses. Er schaut sich um: kein Haus, Natur pur. "Ich genieße die Ruhe hier an Bord", sagt er, "wenn ich nicht gerade hinten beim Motor sein muss."

Jeder kocht für sich

Im Maschinenraum ist eine Batterie ausgelaufen, die ätzende Flüssigkeit hat den Lack am Boden angegriffen. Betz holt eine Dose mit passender Farbe und trägt sie auf die lackfreien Flächen auf, frisches Knallrot auf ausgeblichenes Rosé. Wartung macht den Großteil seiner Arbeit aus. "Irgendetwas gibt es immer zu streichen oder zu reparieren." Wegen des Motorenlärms muss er fast schreien.

Seine Ausbildung wurde auf zwei Jahre verkürzt, er hat direkt danach eine Anstellung gefunden. "Die Bezahlung stimmt", sagt Betz. "Während der vier Wochen auf dem Wasser gebe ich fast nichts aus."

Die Besatzung, die meist aus drei oder vier Schiffern besteht, kommt selten an Land. In der Regel machen sie über Nacht außerhalb von Städten an Anlegestellen fest. Dann schläft jeder im eigenen, winzigen Zimmer, das doch erstaunlich viel für eine einzelne Person zu bieten hat: Bad, Bett, Fernseher, Tisch und Stühle. Und eine eigene Küchennische, denn an Bord verpflegt sich grundsätzlich jeder selbst.

"Man hockt 24 Stunden auf einem Haufen, erlebt wenig. Da wiederholen sich die Gespräche schon mal mehrfach", sagt Betz. Und das mobile Internet zwischen den Städten ist miserabel. Ganz aus der Welt ist er während seiner Zeit an Bord des Schiffs allerdings nicht: Ein Freund hat ihm einmal einen Kasten Bier an eine Schleuse gebracht, und seine Mutter versorgte ihn von einer Bamberger Brücke aus mit belegten Brötchen.

  • Hendrik Werner
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Werner (Jahrgang 1986) kommt aus Berlin und hat Journalistik und Medienmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal studiert.

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insgesamt 41 Beiträge
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stelzenlaeufer 13.08.2014
1. Viereinhalb Jahre
auf kosten des Steuerzahlers gelebt und jetzt mit 30 so langsam mal anfangen zu arbeiten. Kein Wunder dass hier alles vor die Hunde geht.
Seidel 13.08.2014
2.
Zitat von stelzenlaeuferauf kosten des Steuerzahlers gelebt und jetzt mit 30 so langsam mal anfangen zu arbeiten. Kein Wunder dass hier alles vor die Hunde geht.
Die Aussage ist ja wohl mehr als aus der Luft gegriffen, bodenlos und absolut Schwachsinnig. Bei 14 Millionen Schülern und Studenten in Deutschland (statista) erhalten gerade mal eine Million der Genannten eine Ausbildungsförderung, das sind lächerliche sieben Prozent! - der Rest finanziert sich selber oder wird durch die Eltern finanziert. Seien Sie doch froh, dass er nicht als arbeitsloser Akademiker zu Hause sitzt und wirklich vom Staat lebt, sondern Ihre benötigten Alltäglichen Waren von A nach B schifft. Zukünftig bitte Contenance und Fachwissen statt Verallgemeinerungen und Kurzsichtigkeit.
matt_bianco 13.08.2014
3. blabla
Zitat von stelzenlaeuferauf kosten des Steuerzahlers gelebt und jetzt mit 30 so langsam mal anfangen zu arbeiten. Kein Wunder dass hier alles vor die Hunde geht.
Studenten leben nicht auf Kosten der Steuerzahler. "Irgendwas mit Medien" ist ein für den Staat eher günstiges Studium, wird pro Studienplatz vielleicht so 4000 Euro im Jahr an Staatsmitteln erfordern. Wenn er Humanmedizin abgebrochen hätte, wäre es Sie natürlich ein bisschen teurer gekommen.
tims33 13.08.2014
4. ??
Was heisst hier auf Kosten von Steuerzahler? Fast alle Studenten arbeiten um ihr Studium zu finanzieren und die Hilfe vom Staat sind Kredite keine Geschenke...
hottrod 13.08.2014
5. @stelzenlaeufer
Wann soll man in der heutigen schulischen Ausbildung herausfinden, was einem liegt und was nicht? Vorstellen kann man sich immer vieles. Aber, wenn man dann darin arbeitet, dann sieht die Welt häufig ganz anders aus. Und der vermeintliche Traumjob mutiert zum Alptraumjob. Lieber spät herausfinden, was man machen möchte, als gar nicht. Es gibt nichts schlimmeres, als unzufriedene und frustierte Arbeitnehmer, die ihren Job nicht mögen und zu feige sind etwas Neues zu machen. Viele trauen sich einfach nicht einen Schnitt zu machen und neu anzufangen.
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