Auswanderin auf Mauritius Jedes Wochenende Traumurlaub

Kitesurfen statt Kaffeetrinken, Tauchen statt Theater: Fiona Kau, 29, hat vor drei Jahren München gegen Mauritius getauscht - eine Entscheidung aus Liebe. Die Beziehung gibt es heute nicht mehr. Trotzdem will sie nicht zurück.

privat

Aufgezeichnet von


"Wenn ich sage, dass ich auf Mauritius lebe, denken viele alte Bekannte aus Deutschland, ich würde jeden Tag am Strand verbringen und hätte das ganze Jahr über Urlaub. Auch wenn meine Wochenenden hier oft einem Traumurlaub ähneln - ich habe ein ganz normales Arbeitsleben als Psychologin für Kinder und Jugendliche.

Ich bin vor vier Jahren das erste Mal für ein sechswöchiges Praktikum hierher gekommen. Damals lernte ich das Leben hier zu schätzen und verliebte mich in einen Franzosen. Aber nach dem Praktikum musste ich erst einmal zurück nach Deutschland, um mein Studium abzuschließen - ich habe Psychologie und Englisch auf Lehramt in München studiert.

Wir führten eine Fernbeziehung, trafen uns mehrmals in Europa und einmal auf Mauritius. Dann bot mir mein Freund an, dort gemeinsam ein Bed & Breakfast zu leiten. Ich wollte nach dem Uni-Abschluss eigentlich ein Jahr nach Südamerika, um dort bei einem sozialen Projekt mitzuarbeiten, aber meine Gefühle waren stärker und auch der Wunsch, mich auf das Abenteuer Mauritius einzulassen.

Fotostrecke

10  Bilder
Mauritius: Wo Fenchel ein Vermögen kostet

Während des Studiums hatte ich ein paar Jahre in einem Café gejobbt, Erfahrung in der Hotelbranche hatte ich nicht. Am Anfang habe ich noch fast alles selbst gemacht: die Gäste empfangen, eingekauft, Frühstück vorbereitet, Wäsche gewaschen. Mein Freund hatte noch ein anderes Unternehmen und überließ die Organisation im Hotel mir. So hatte ich viel Verantwortung und freie Hand in meinen Entscheidungen. Um das Marketing und das Finanzielle kümmerte er sich.

Im ersten Jahr habe ich ziemlich viel gearbeitet und hatte wenig Zeit darüber nachzudenken, ob es die richtige Entscheidung war, nach Mauritius zu ziehen. Uns war aber von Anfang an klar, dass das Hotel nur eine Zwischenlösung bleiben sollte - schließlich wollte ich als Psychologin arbeiten. Also haben wir nach und nach neue Mitarbeiter im Hotel angelernt. Leider war es gar nicht so einfach, zuverlässige Leute zu finden. Einige Male ist es mir passiert, dass ich fünf Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen hatte, von denen dann nur zwei erschienen und einer zu spät kam.

Gelernt aus dem Bed & Breakfast

Bis im Guest House alles lief und eingerichtet war, wie wir es uns vorgestellt hatten, dauerte es ungefähr zwei Jahre. Dann konnte ich mich mehr und mehr zurückziehen und stattdessen ehrenamtlich Kinder aus sozial benachteiligten Familien betreuen.

Bei der Arbeit lernte ich eine junge mauritianische Psychologin kennen, die wie ich davon träumte, ein psychologisches Zentrum für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Auf Mauritius gab es so etwas bis dahin noch nicht: ein Zentrum mit verschiedenen Fachbereichen wie Psychologie, Logopädie, Ergotherapie und Psychomotorik.

Obwohl wir uns erst kurz kannten, beschlossen wir, uns zusammenzutun. Wir wollten nicht nur psychologische Gutachten schreiben und Störungen diagnostizieren, sondern die Patienten auch vor Ort behandeln, in Einzel-und Gruppensitzungen, an einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen.

Also suchten wir eine passende Wohnung und überlegten genau, welche Möbel, welche Wandfarben, welche Stühle und Teppiche wir haben wollten. Durch das Bed & Breakfast hatte ich gelernt, zu organisieren, anzupacken und einfach loszulegen. Eine bessere Lehre hätte ich nicht haben können.

Wir stellten uns an Schulen vor, machten Werbung in Facebook-Gruppen, über die hier viel auf Mauritius organisiert wird, und eröffneten unser Zentrum "UpTogether". Seither kriegen wir ständig neue Anfragen und werden weiterempfohlen.

Fotostrecke

36  Bilder
Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Mit meinem französischen Freund bin ich inzwischen nicht mehr zusammen. Ich wohne mittlerweile in einer Wohngemeinschaft mit zwei Mauritianerinnen im Zentrum der Insel. Die Leitung des Hotels haben wir einem französischen Paar überlassen.

Für Mauritianer ist die Familie sehr wichtig und sie verbringen viel Zeit mit ihren Angehörigen. Manchmal fragen mich meine Freunde deshalb, ob ich Heimweh habe. Aber mir fehlt Deutschland eigentlich wenig, weil mir meine Arbeit Spaß macht und ich das Gefühl habe, damit etwas verändern zu können.

Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde, aber mir fehlt auch die Gemüse- und Obstauswahl in deutschen Supermärkten und die Drogerien. Viele Produkte oder Marken gibt es hier nämlich nicht oder sind sehr teuer - daher bitte ich alle, die mich besuchen kommen, mir etwas mitzubringen, zum Beispiel Laufschuhe oder Schokolade.

Aus Angst vor Überfällen über rote Ampeln

Ich musste mich an einiges auf der Insel gewöhnen: Es gibt beispielsweise keinen Busfahrplan und die Leute fahren ziemlich chaotisch Auto. Eine Freundin fährt nachts sogar über rote Ampeln, weil sie Angst hat, überfallen zu werden, wenn sie stehenbleibt.

Mir ist in den dreieinhalb Jahren, in denen ich hier wohne, zum Glück noch nichts passiert, aber man hört häufig von Diebstählen oder sogar Überfällen. In meinem vorherigen Zuhause wurde schon zweimal eingebrochen, deshalb bin ich allgemein etwas wachsamer geworden: Ich würde nicht alleine wandern oder in Zuckerrohrfeldern joggen gehen oder abends allein an den Strand. Und mit offenem Fenster schlafe ich nur, wenn davor Gitter angebracht sind.

Früher bin ich häufig mit Freunden in Theatervorstellungen oder in Konzerte gegangen, bin überall mit der U-Bahn oder dem Fahrrad hingefahren. Wer hier von der Insel weg will, muss fliegen. Die nächste Insel, La Réunion, ist mehr als 200 Kilometer entfernt.

Es gibt zwar ein paar Kinos und Museen, aber kein Theater. Freizeit heißt für mich hier an den Strand gehen, tauchen, wandern oder Trailrunning, schnorcheln, mit dem Boot rausfahren und mittlerweile auch mit Freunden essen gehen. Anfangs war es nicht so leicht, Kontakte zu knüpfen und sich einen Freundeskreis aufzubauen, da viele Expats kommen und gehen und Mauritianer tendenziell eher unter sich bleiben.

Menschen, die nach Mauritius auswandern wollen, sollten Englisch oder noch besser Französisch sprechen und ihre Erwartungen oder Gewohnheiten ablegen: Alles ist entspannter und die Dinge laufen langsamer, unkoordinierter und weniger nach Plan. Dafür sind die Menschen extrem freundlich, sie lächeln sehr viel und sind hilfsbereit.

Seit ich hier bin, habe ich gelernt, mich einfach auf Dinge einzulassen und Gelegenheiten zu ergreifen, wenn sie kommen. Ich bin spontaner und lockerer geworden, vertraue auf mein Gefühl und meine Intuition. Die Erfahrungen, die ich hier mache, prägen mich. Auch wenn ich nicht weiß, wie lange mein Abenteuer Mauritius noch dauern wird, weiß ich, dass ich das Beste hier aus meiner Zeit mache."

Video: Lebenstraum Aussteigen

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
krautrockfreak 29.07.2018
1. Ja, die Leute sind freundlich und entspannt - Aber man fährt über rote
Ampeln, weil man Angst hat, überfallen zu werden. Damit relativiert sich "das Paradies" sehr schnell. Ist aber immer dasselbe in solchen Ländern, wenn der Staat nicht funktioniert, ist das alles halb so toll...
sbmmaurice 29.07.2018
2. Der Bericht irritiert
und stellt Mauritius nicht gerade vorteilhaft da. Ich selbst bin Exil-deutscher und lebe hier auf der Insel seit mehr als 30 Jahre, kenne also die Gegebenheiten aus dem ff ! Diebstähle,Überfälle habe ich hier noch nicht erlebt, die Kriminalität hält sich in Grenzen und man kann hier auch am Abend - auch als Frau - sehr wohl den Strand besuchen. Die Lebenshaltungskosten nenne ich normal, es sei denn man hat hohe Ansprüche, dann sind ausländische Spezialitäten recht teuer, aber es muss ja nicht immer Kaviar sein, nicht wahr. Nicht richtig ist, das hier die Auswahl an Obst und Gemüse nicht ausreichend ist, das Gegenteil ist eher der Fall, hierzu empfehle ich einen Basar zu besuchen der alles bietet was das Herz begehrt und auch in den großen Supermärkten findet man alles was man zum Leben braucht. Zum Schluss, ich schlafe mit offenen Fenstern und ohne Gitter.
sbmmaurice 29.07.2018
3. Rote Ampel
Zitat von krautrockfreakAmpeln, weil man Angst hat, überfallen zu werden. Damit relativiert sich "das Paradies" sehr schnell. Ist aber immer dasselbe in solchen Ländern, wenn der Staat nicht funktioniert, ist das alles halb so toll...
Ich kann Ihnen versichern das man bei rot an der Ampel nicht überfallen wird! Die Dame scheint ängstlicher Natur zu sein anders kann ich das nicht verstehen. Eigentlich schade, dadurch wird der ansonsten gute Ruf von Mauritius in einem schlechten Licht getaucht, beruhend auf Unwahrheiten. Der Staat funktioniert bestens, das kann ich Ihnen versichern und es ist wahrhaftig ein Paradies. Das schreibe ich Ihnen als Mauritischer Staatsbürger ( Exil - deutscher ) mit mehr als 30 Jahren Inselaufenthalt.
markus_wienken 29.07.2018
4.
Zitat von krautrockfreakAmpeln, weil man Angst hat, überfallen zu werden. Damit relativiert sich "das Paradies" sehr schnell. Ist aber immer dasselbe in solchen Ländern, wenn der Staat nicht funktioniert, ist das alles halb so toll...
Das ist wahr, ein vermeintliches Paradies entzaubert sich schnell, blickt man unvoreingenommen hinter die Kulissen, das klappt selbst im Traumurlaub, geht man mit offenen Augen durch Leben (Urlaubsparadies)... Immerhin scheint die junge Frau bereits erkannt zu haben, dass es nichts für immer ist (letzter Satz des Artikels), insofern beruhigend, wenn man die Möglichkeit hat in die "Zivilisation" u.a. mit umfassender und ordentlicher Gesundheits- und Altersvorsorge zurück zu kommen. Bis dahin: Genießen Sie Ihre Zeit und sammeln ineressante Erfahrungen.
aliof 29.07.2018
5. Sehr netter, lebendiger und realitätsnaher Bericht,
.. dabei die Protagonistin so optimistisch und mit dem Wenigen zufrieden, was es da so gibt. Ja, für einen Multikulti- und Surfurlaub ist diese Insel durchaus zu empfehlen. Berge gibt es da eher nicht. Habe einmal versucht, einen 500 Meter Hügel nahe der Hauptstadt zu erklimmen, womit ich kläglich scheiterte. Es gab keinen Weg oder Pfad, nur unglaublich dichtes Unterholz. Sehr beeindruckt hat mich dort das Nebeneinander tatsächlich vieler Kulturen. Hinduistische Indischen Ursprungs neben Franzosen und Engländern neben afrikanischen Gruppen. Und irgendwie Alle dort zuhause, soweit man das in 2 Wochen erkennen kann. - Und ja, es gab dort auch (Drogen) Kriminalität, wie bei uns illegal (die Drogen), und Gruppen von Menschen in hier nicht bekannter Armut. Leider war das Baden in Hotelnähe und innerhalb des Korallenriffs, das die Insel umgibt (vor 15 Jahren), sogar in der Nebensaison absolut unappetitlich. - Da die Hotels ihre Abfälle ins Meer entsorgen. Wer braucht schon Kläranlagen mitten im indischen Ozean ? Wir haben damals verschiedene Unterkünfte probiert, ein Hotels war ganz gut. Pensionen eher unterirdisch. Wären sehr gern in eins mit annähernd europäischem Standard gegangen .. ich denke, daß die Dame mit ihrem Angebot guten Erfolg haben kann .. ach ja, pauschal geht wahrscheinlich auch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.