McKinsey-Berater als Ökounternehmer Er macht aus Abfall Cashflow

Vom McKinsey-Büro in Dubai in einen feuchten Keller nach Berlin - für Philipp Buddemeier ist das ein logischer Weg, schließlich lässt sich auch in der Ökoszene vieles optimieren. Mit Pilzen, die auf Kaffeesatz wachsen, will er Gutes tun und Geld verdienen. Und macht sich damit Feinde.

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Chidos Mushrooms

Wer wissen will, wie man Abfall in Geld verwandelt, muss erst mal welches ausgeben. 475 Euro kostet der dreitägige Kurs bei Philipp Buddemeier, an dessen Ende man sein Geschäftspartner werden und im Namen von "Chido's Mushrooms" Pilze auf Kaffeesatz züchten darf. Als Unternehmensberater kennt sich Buddemeier mit Geld besser aus als mit Abfall, aber wie das mit den Pilzen funktioniert, zeigen ohnehin seine Mitarbeiter. "Whatever", sagt der 36-Jährige in solchen Momenten als Überleitung.

Consultant und Sozialunternehmer, so richtig scheint das nicht zusammenzupassen. Doch die Zeiten, in denen das Label "sozial" nur auf Non-Profit-Organisationen zutraf, sind vorbei. Unter die Wohltäter mischen sich immer mehr Wirtschaftsprofis. Deutschlands Vorzeige-Sozialunternehmer Till Behnke, Gründer der Spendenplattform Betterplace, hat früher für DaimlerChrysler gearbeitet. Claudia Langer, Gründerin der Plattform Utopia, ist eine ehemalige Werberin. Bill Drayton, der den Begriff "Social Entrepreneur" mit der Gründung des Netzwerks Ashoka geprägt hat, war früher Berater bei McKinsey. Von McKinsey kommt auch Buddemeier.

Seine potentiellen Franchise-Nehmer treffen sich am Morgen in einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Schöneberg. Es ist der zweite Kurstag: Kultivieren, ernten, Businessplan schreiben, steht auf dem Programm.

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Vom Berater zum Gründer: Einfach mal das Hirn ausschalten
Pilze züchten ist simpel: Man mische Kaffeesatz, Spelzen, Kalk und Wasser, gebe Myzel, die Pilzbrut, dazu, packe das Ganze in durchlöcherte Plastiksäcke und lege diese in einen feuchten Keller. Schon nach fünf bis sieben Wochen kann geerntet werden. "Der Abfall wird zum Ausgangsmaterial für neue Cashflows", so formuliert es Buddemeier. Wem das zu bürokratisch klingt, für den hat er ein paar Adjektive gesammelt: gesund, einfach, ökologisch, lecker. Es sind die Lieblingswörter der Berliner Hipster, Ökofans und Fernsehköche. Wie man deren Vorlieben ausnutzt, kann man in Deutschland sogar studieren: An acht Unis steht "Social Entrepreneurship" auf dem Kursplan, in Lüneburg gibt es sogar einen ganzen Studiengang zum Thema.

Ein Kilogramm Austernpilze verkauft Buddemeier für 17,80 Euro, Rosa- und Limonenseitlinge für 23,80 pro Kilo. Promis und Großkunden wie Sarah Wiener, Kolja Kleeberg oder das Hotel de Rome kriegen Rabatt. Wer den Pilzen lieber beim Wachsen zugucken möchte, ordert das "Home Growing Kit" für 9,90 Euro und besprüht den löchrigen Plastiksack in der Küche dreimal am Tag mit Wasser.

Den Kaffeesatz bekommt Buddemeier von Starbucks geschenkt, die Spelzen von einer Rösterei, Myzel, Kalk und Wasser kosten nur wenige Cent. Das klingt nach einem lukrativen Geschäft, aber auch nach sinnvoller Wiederverwertung, ökologisch und lecker eben, und deshalb ist Buddemeiers Kurs ausgebucht. Ein Leiter einer Behindertenwerkstatt aus Stuttgart ist dabei, eine Erzieherin aus Rostock, ein Crêpe-Verkäufer aus Cottbus, eine Agrarwissenschaftlerin aus Berlin. Sogar aus Bozen ist ein junger Mann angereist.

"Ein Pokerspieler, ein eiskalter Hund"

Der Eingang zum Pilzkeller versteckt sich zwischen Lagerräumen und Müllcontainern. Ein junger Mann führt hinein, er stellt sich als Hannes vor. Zehn Euro bekommt er für eine Stunde Arbeit im 17 Grad kalten Keller, brutto. Philipp Buddemeier wird erst später zur Gruppe stoßen, wenn es um den Businessplan geht. Einige der zehn Pilzlehrlinge sind ganz froh darüber: "Das ist ein Pokerspieler, ein eiskalter Hund", sagt der Crêpe-Verkäufer. Nach dem Kellerbesuch verschwindet er.

Philipp Buddemeier weiß, dass er polarisiert. Mit seinen spitzen Lederschuhen, dem Gürtel mit den Andy-Warhol-Bildchen, seinen ständigen "whatever", "edgy" und "real price" passt er nicht so recht in die Szene der Naturfreunde und Wohltäter. Und doch ist er mittendrin: Gerade hat er ein staatlich gefördertes Stipendium für Sozialunternehmer ergattert. Acht Monate lang darf er die Räume des Social Impact Lab, eines Co-Working-Spaces in Kreuzberg, gratis nutzen.

Auf einem Flipchart rechnet er dort die Kosten für den Pilzanbau vor. 20 Minuten gibt er Hannes für die Ernte von einem Kilogramm Austernseitlingen, sonst stimmt die Rechnung nicht mehr. "Commercially driven", so nennt Buddemeier seinen Ansatz, Gutes tun und dabei Geld verdienen.

Gutes tun und dabei Geld verdienen

Einmal sollte Buddemeier einen Vortrag vor Vertretern von Nichtregierungsorganisationen halten und wunderte sich, warum die Stimmung so feindlich war. Später erfuhr er, dass man ihn angekündigt hatte als Wortführer einer neuen Bewegung, die "die Dinosaurier aus der Entwicklungshilfe" vertreiben würde. Ganz falsch ist die Beschreibung nicht, Buddemeier formuliert es nur vorsichtiger: "Das klassische, kommerziell nicht tragfähige NGO-Modell muss ergänzt werden." Optimieren, das ist sein Beruf. Seinen ersten Beraterjob hat er direkt nach dem Sinologiestudium ergattert.

Bis vor einem Dreivierteljahr hat Buddemeier für McKinsey Scheichs in Dubai beraten. Sein Einkommen dort war steuerfrei. Er erzählt das gern. Wer freiwillig auf Ruhm und Geld verzichtet, um sich der Pilzzucht zu widmen, kann schließlich kein schlechter Mensch sein. Als Consultant ist er aber immer noch unterwegs, freiberuflich berät er gerade einen Autokraten in Zentralasien. Buddemeier bastelt für ihn an einem Plan zum Machterhalt, es geht um Gewächshäuser und "eine grüne Wachstumsstrategie".

Weg vom Diktat der Rohstoffe

Darf ein Sozialunternehmer jemanden beraten, der die Menschenrechte mit Füßen tritt? Sind zehn Euro Stundenlohn angemessen? Wie sozial muss ein Sozialunternehmer sein? Das Familienministerium definiert den Begriff in seiner nationalen Engagementstrategie so: Sozialunternehmer sind Personen, "die aus ihrem individuellen bürgerschaftlichen Engagement heraus soziale Organisationen gründen, die gesellschaftliche Herausforderungen mit innovativen und unternehmerischen Herangehensweisen lösen". Die Rechtsform ist dabei unerheblich.

Demnach ist Buddemeier ein Sozialunternehmer. Die Pilze sind für ihn ein Experiment. Sobald die Firma läuft, will er weiterziehen. Sein wahres Ziel ist größer: Er will die Wirtschaftsordnung umkrempeln, weg vom Diktat der Rohstoffe, hin zur "circular economy", einem Wertstoffkreislauf, der sich selbst am Leben hält. Konkret stellt er sich das so vor: Das Kaffeesubstrat, das nach der Pilzernte übrigbleibt, dient als Futter für Würmer. Die Würmer werden zu Fischfutter. Die Fische düngen Wasserpflanzen, die Pflanzen klären Wasser. Und am Ende werden die Fische gegessen. So verwandelt sich der Abfall vom morgendlichen Kaffee in ein stattliches Abendbrot: Fisch mit Pilzen.

Von den zehn Seminarteilnehmern sind beim Abendessen im Social Impact Lab an diesem Tag vier dabei. Nur die Erzieherin aus Rostock nennt eine Entschuldigung für ihr Fehlen: Sie isst keine Pilze.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
helmpflicht42 12.04.2013
1.
Früher nannte man Leute, die Nutzpflanzen säen, ernten und verkaufen "Bauer". Man muss es nur richtig umwidmen, schon ist man Geschäftsmann mit sozialem Engagement. Hoffe trotzdem, dass Pläne wie die Buddemeier weiterhin gedeihen.
hanfiey 12.04.2013
2. optional
Das ist so ähnlich wie jemanden auf den Zeiger gehen bis dieser einem sein Kleingeld oder Schuhe? an den Kopf wirft. Da gibt es viel Wildwuchs und ich erinnere mich an diese Menschen die Frittenbuden Besitzern ihr altes Fett abnehmen um es im Dieselauto zu verheizen.
Christ 32 12.04.2013
3. .
mhhh, es wurden ja in den Medien schon viele junge Unternehmer und Ihre Ideen vorgestellt. Viele Ideen sind ja auch prinzipiell gut, nur habe ich oftmals starke Zweifel ob man damit tatsächlich Geld verdienen kann.
stupidmushroom 12.04.2013
4. optional
Kaffeesatz von Starbucks ist auf jeden Fall ziemlich öko und sozial.
peeka 12.04.2013
5. 475 €
für ein Seminar von drei Tagen ist völlig in Ordnung bei so einer überschaubaren Teilnehmerzahl. 10€ brutto dagegen als Stundensatz sind schon weniger als grenzwertig. In erster Linie wird sich dann die Frage stellen, wie hoch nachher die Franchise-Gebühren ausfallen werden, wenn sich das tatsächlich zu einer Kette ausweiten sollte. Und entscheidend ist natürlich die Qualität des Seminars - bei 10€ Stundensatz wirft sie allerdings Zweifel auf.
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